tattoo convention
Ludwigsburg | 30. Oktober 2017

Kunstwerke, die unter die Haut gehen

Am Wochenende haben sich Hunderte Besucher der Tattoo Convention in der Arena Bilder unter die Haut stechen lassen. Insgesamt waren es um die 4500 Gäste, die sich an 40 Ständen von 200 Künstlern Anregungen holten.

Ob Einhorn oder Adler: Bei der Messe in der Arena gab es viel zu staunen und zu entdecken. Der Andrang an den rund 40 Ständen war groß, und es fanden sich auch viele Kurzentschlossene für ein Tattoo.Fotos: Olliver Bürkle
Ob Einhorn oder Adler: Bei der Messe in der Arena gab es viel zu staunen und zu entdecken. Der Andrang an den rund 40 Ständen war groß, und es fanden sich auch viele Kurzentschlossene für ein Tattoo.Fotos: Olliver Bürkle
Ob Einhorn oder Adler: Bei der Messe in der Arena gab es viel zu staunen und zu entdecken. Der Andrang an den rund 40 Ständen war groß, und es fanden sich auch viele Kurzentschlossene für ein Tattoo.Fotos: Olliver Bürkle
Ob Einhorn oder Adler: Bei der Messe in der Arena gab es viel zu staunen und zu entdecken. Der Andrang an den rund 40 Ständen war groß, und es fanden sich auch viele Kurzentschlossene für ein Tattoo.Fotos: Olliver Bürkle

Im Gewummer der Techno-Musik geht das hornissige Surren der Nadeln unter. Dabei sticht sie deutlich häufiger zu als das Insekt. Rund 3000-mal in der Minute jagt sie Farbpigmente in die Lederhaut, die unter der Epidermis ist. Das tut weh. „Anfangs drückt das körpereigene Adrenalin den Schmerz noch weg“, meint Tätowierkünstler Aurèle Mechler. Wenn das zwei Stunden später nachlässt und die Haut geschwollen ist, fühle es sich an wie eine frische Schürfwunde. Alles brennt. Vor allem, wenn die Farbe weggewischt werden muss. Und das passiert öfter. Fünf bis sechs Stunden braucht er für ein großes Gemälde. Besonders empfindlich seien Achsel- und Kniekehlen sowie alles, was nahe am Knochen sei.

Scham ist kaum angesagt. Männer liegen in Unterhosen herum und lassen sich den Oberschenkel verschönern. Frauen sitzen im BH und ertragen die Stichelei am Schulterblatt. Die einen blicken regungslos ins Leere, ein weiterer lenkt sich mit dem Smartphone ab, eine andere braucht das Händchen der Freundin. In seltsamen Verrenkungen hocken sie teils da, damit der Tätowierer auch an die entlegenste Stelle des Knöchels kommt. Es gibt keine Körperstelle, an der nicht zugestochen wird. „Nur an Stellen, die auch bedeckt werden können“, rät Ismail Gürsoy vor allem dem jüngeren Publikum. Er veranstaltet die Tattoo Convention zusammen mit Jürgen Kuhn. Spätere Arbeitgeber würden die Körperbemalung nur ungern sehen. Gleiches gelte für offensichtliche Piercings, die ebenfalls in der Arena ausgestellt wurden. Die könnten wenigstens abgenommen werden. Im Gegensatz zu einem Tattoo. Das zeichnet fürs Leben.

Es wird geschätzt, dass zwölf Millionen Manschen in Deutschland ein Tattoo haben. Das sind rund 15 Prozent der Bevölkerung. Bei den Jüngeren zwischen 16 und 29 Jahren soll jeder vierte eines haben. Und es sind mehr Frauen, die sich derart aufhübschen lassen. Dafür würden Männer die großen Formate wollen. „Mit Einwilligung der Eltern geht das ab 16 Jahren“, so Gürsoy. Wer in ein Studio geht, solle vor allem auf die Hygiene dort achten. Alles müsse klinisch sauber sein. Am besten rieche es nach Desinfektionsmittel und „grüner Seife“.

Die Motive sind bunt. Allerweltsvorlagen wie Anker und Herzchen oder das Ewigkeitssymbol würden nicht aussterben. „Es ist die Aufgabe eines Tattoo-Künstlers, den Kunden zu beraten, was zu ihm passt“, meint Gürsoy. Ebenso wie er Vorerkrankungen und Medikamente abfragen sollte. Totenköpfe seien sehr populär, aber auch Porträts eines geliebten Menschen oder Haustieres. Die Bandbreite reicht vom kleinen Pin-Up-Comic im Stil der 1940er Jahre bis hin zu ganzen Wasserfalllandschaften im Regenwald in 3D-Optik. Nur das „Arschgeweih“ ist total out. Tausende rennen damit aber immer noch rum. „Es gibt spezielle Cover-Artisten, die so etwas wegmachen, indem sie es kunstvoll übermalen“, meint Gürsoy. Sie könnten auch verunglückte Bilder „reparieren“. Vom Lasern rät er ab, das sei langwierig, und es gebe keine Erfolgsgarantie. Das tut wieder weh und kostet reichlich Geld. Er selbst sei zu 80 Prozent tätowiert. Rund 20 000 Euro habe ihn das gekostet. Auch er hasse den Schmerz, den aber jeder wegbeißen müsse. „Wer schön sein will, muss leiden.“ Die ganze Prozedur steigere aber das Selbstbewusstsein. Die Kunden wollten bleibende Erinnerungen, meint Gürsoy. Oder sie würden damit tragische Erlebnisse verarbeiten. Viele wollen damit aber einfach nur schöner aussehen, sich von der Masse abheben.

Jeder könne zum Tattoo-Besteck greifen und ohne Ausbildung loslegen, rät Gürsoy, sich die Referenzen und Bewertungen in den sozialen Medien anzuschauen und auf die Präsentation im Studio zu achten. Schlechte Arbeiten würden sich sehr schnell herumsprechen. Das hilft dem Betroffenen dann aber auch nicht mehr. Die Farben seien alle getestet, sagt der 38-Jährige, der seit März ein eigenes Studio hat.

Es ist eine Körperverletzung mit Zustimmung des Opfers. „Die allermeisten sind sich der Tragweite ihres Tuns bewusst“, erklärt Gürsoy. Ein bis zwei Wochen brauche die Haut, bis sie sich von dem Eingriff erholt hat. Es ist eine Wunde. Man sollte vor allem nicht auf dem Tattoo liegen, um nicht festzukleben. Die Haut muss hinterher gepflegt werden. Damit die Farbe nicht so schnell verblasst ist Sonnenschutz Pflicht. Tiefere Kratzer sollten vermieden werden.

„Wenn sich’s ergibt.“ Die 26-jährige Natascha will sich umschauen und eventuell ein Tattoo kaufen. Es wäre Nummer sechs. 2,5 Stunden Zeit hat sie. 500 Euro wäre sie bereit, zu investieren. Warum? „Weil’s einfach schön ist.“

von thomas faulhaber
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