lärmschutz
Ludwigsburg | 01. August 2018

Mit brüllenden PS in der Stadt unterwegs

Erstmals kontrolliert die Polizei die Geräuschemissionen von Autos und Motorrädern – Katz-und-Maus-Spiel mit den Posern, die sich gegenseitig warnen

Einen halben Meter Abstand, während bis zur halben oder Zwei-Drittel-Nenndrehzahl Gas gegeben wird: So werden die Dezibel am Auspuff gemessen.Foto: Janna Werner
Einen halben Meter Abstand, während bis zur halben oder Zwei-Drittel-Nenndrehzahl Gas gegeben wird: So werden die Dezibel am Auspuff gemessen.Foto: Janna Werner

„Soll ich Gas geben oder machen Sie das?“ Der junge Mann mit schwarzem Achselshirt und roten Turnschuhen, der gerade aus seinem AMG CL63 mit Camouflage-Folie gestiegen ist, bleibt auch angesichts der Dezibel-Messung ganz entspannt: Ihm kann nichts passieren. „Ganz schön laut“, sagt einer der Polizisten zum untertourigen Blubbern. Der Fahrer breitet die Arme aus und lächelt: „Das ist ein AMG.“ Und der darf viel: Für seinen 525-PS-Boliden wirbt Mercedes-Benz mit einem High-Tech-Klappenauspuff, der per Taste von zurückhaltend, sonor oder „auf AMG-typischen Sound“ schalten kann.

Die Gäste, die vor dem türkischen Restaurant in der Körnerstraße sitzen, haben an diesem Donnerstagabend viel Unterhaltung. In den vier Stunden Kontrolle bekommen sie einiges zu sehen an Turbos und aufgemotzten Motorrädern. Und vor allem zu hören: Das Polizeirevier Ludwigsburg ging mit der Verkehrspolizeidirektion des Polizeipräsidiums erstmals auf die Suche nach Lärmsündern. Eine Art Dezibel-Treibjagd ist im Gange, 25 kontrollierte Fahrzeuge werden es am Ende sein. Beamte haben sich in der Körnerstraße postiert, in der Innenstadt sind mehrere Wagen und zwei Motorräder unterwegs.

Einer der Rau-Reiter ist Polizeihauptmeister Sven Haug. Gerade kommt er mit seiner BMW zurück, einen roten Honda Civic im Schlepptau. Der schreddert so tief über das Pflaster, dass man froh sein kann, dass die unebenen Steine kürzlich ausgetauscht wurden. Mit Tanktop und Bermuda angetan, hat der Fahrer sehr viel Erklärungsbedarf. Kein Wunder: Schon vor Wochen hat der 22-Jährige bei einer Kontrolle einen Mängelbericht gekriegt. Die Mängel habe er behoben, aber die Abnahme sei gescheitert – aber irgendwas sei immer schiefgegangen.

Nur ein paar Meter weiter steht just der Beamte, der ihm damals die weiße Karte mitgegeben hat. Er grinst: „Man sieht sich immer zweimal im Leben.“ Am späten Abend wird der Civic vor dem Polizeirevier stehen, am Tag darauf fährt die Polizei zum Tüv. 88 Dezibel, sieben mehr als im Fahrzeugschein angegeben, wurden gemessen, die Reifen zu groß, die Karosserie doch arg niedrig. Schon am Kontrollpunkt zeichnet sich ab: Das Auto wird wohl stillgelegt.

Mit seinem BMW 760 LI und an die 600 PS ist der nächste Kandidat in Sachen Lärm auf der sicheren Seite. Tattoos zieren seine Arme, die Motorhaube ist wie die türkische Flagge mit stilisiertem Halbmond und Stern verziert. Einsatzleiter Philipp Stiegler geht in die Knie, ein Meterstab dient als Abstandhalter zwischen Dezibelmessgerät und Auspuff, 50 Zentimeter müssen es sein. Der Kollege gibt Gas – es röhrt nur knapp über den erlaubten 82 Dezibel.

Doch der Fahrer im Achselshirt ist noch nicht entlassen. „Was uns nicht gefällt, ist ihre laute Musik“, sagt ein Beamter. „Wenn man gute Laune hat“, versucht es der junge Mann. Doch dann vergeht ihm das Lächeln. Die Polizeistreife hat zuvor gesehen, wie er mit seinem Siebener am Rathaus die Bushaltestelle nutzte, um an der Schlange vorbeizufahren. Er versucht es erneut: „Ich wollte nur schnell zu meiner Freundin.“ Das hilft wenig, kostet ihn einen Punkt – und die Contenance. „Ich bin in der Probezeit, was bedeutet da der Punkt?“ Eine Nachschulung habe er machen müssen, erzählt er, bevor er sorgenvoll davonröttelt.

„Sie werden sehen“, hatte vorher ein Polizist gesagt, „alle wissen natürlich gar nicht, was sie da fahren.“ Richtig. Auch der Harley-Fahrer, dessen Blinker vorne auf gelbem Dauerlicht stehen, ist ahnungslos, als ihn ein Zivilfahrzeug in der Körnerstraße abliefert. Ein Importmodell, vor einem halben Jahr gekauft, sagt er. Von dem Verbot, vorne gelbes Licht zu haben, habe er noch nie gehört. „Mir wurde gesagt, dass das so geht.“

Zehn Meter weiter hat ein Biker seine Ducati mit türkisfarbenen Tank verunstaltet, was ebenso ungeahndet bleibt wie heftige 99 Dezibel. „Jenseits von gut und böse“, sagt Polizeihauptmeister Martin Brosig, „aber er hat Bestandsschutz.“ Das weiß der Mann: „Ich war erst beim Bikertreffen in Rimini. Da wird richtig gebrüllt.“ Weniger gut ergeht es einem 36-Jährigen, der seine Harley zum Abstellen auf den Arsenalplatz schieben muss. Zu laut, zu hohe Abgaswerte.

Trotz reflexartiger Ausreden der Kontrollierten überwiegt der gute Ton. Auch beim Biker mit röhrendem Chopper-Verschnitt, nur Rahmen und Motor sind original Suzuki. Wie nahezu alle Biker trägt der freundliche Mann nur Shirt und Bermuda, mit seinen Strandschlappen schießt er aber den Vogel ab. „Ich wollte nur kurz Zigaretten holen.“ Als er sich eine anzündet, kommt die gute Nachricht: alles im Rahmen. Die schlechte: Weil er sowohl die neue Führerschein-Karte als auch den rosa Lappen hat, muss er den alten abgeben. „Den kriegen Sie wieder entwertet zurück“, tröstet ihn Stiegler.

Nach zwei Stunden hatte die Polizei Pause gemacht, um abends zurückzukommen. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, wie Stiegler erzählt. Bereits eine Stunde, nachdem die Beamten positioniert sind, kursieren in den sozialen Medien die Warnungen vor der Polizeikontrolle. Da tröpfeln die Lärmsünder nur noch spärlich, es wird auf Sparflamme gefahren.

„Wir treffen häufig dieselben Fahrer“, sagt ein Beamter. Auch den gutgelaunten Mann mit dem Camouflage-AMG wird er wohl nicht das letzte Mal gesehen haben. Der freut sich über seine gemessenen 90 Dezibel, die völlig legal sind, und streicht sich stolz über den gepflegten Bart. „Ich bin schon zweimal auf der Theodor-Heuss-Straße in Stuttgart kontrolliert worden. Bei dem Sound guckt jeder.“

Cowboys, Machos und röhrende Hirsche

Damen aufgepasst, meiner ist 18 Meter lang“ – dieser Machospruch, der auf Lastwagen klebte, war gestern: Heute setzen die Angeber auf röhrende Motoren, laute Musik, geschniegelte Karosserien und am liebsten noch ein paar lässige Fehlzündungen – besonders im Sommer wird deutlich, warum Psychologen bei Autofahrern auch von „Steinzeitjägern in Straßenkreuzern“ sprechen. Im Auto bricht sich Bahn, was in unserem so geregelten urbanen Leben fehlt.

Der Psychoanalytiker Micha Hilgers nennt es das „cowboyhafte Machodasein in der Postmoderne“. „Je geringer der innere Antrieb, desto größer muss der äußere ausfallen, um das Selbst zu befördern.“ Schon vor über 25 Jahren hat sich Hilgers in seinem Buch „Total abgefahren. Psychoanalyse des Autofahrens“ mit der „heimlichen Liebschaft Auto“ beschäftigt – infantile Freude am Klappenauspuff statt Ratio. Kein Wunder hebt das E-Auto nicht ab. Schnelle und laute Autos sind Beförderungsmittel der Seele, selbst oder gerade wenn die Fahrt im Kreis verläuft.

Die Straße wird zum Dschungel: Wenn der graue Anzugträger in seinem Geländewagen inklusive gigantischem Bullenfänger und Vierradantrieb durch die Stadt röhrt, wird er stark und unabhängig, markiert in rollender Drohgebärde brüllend sein Revier. Hilgers: „Wir kaufen uns einen kernigen Holzfäller mittels klassischem Offroader und den jugendlichen Liebhaber durch Sportwagen.“

Frauen sind rar im Zirkus der Poser. Stärke und Potenz zu zeigen ist Männersache: Die Arterhaltung ist überall. Der röhrende Hirsch auf der Lichtung? Kann der Klappenauspuff im AMG besser. Das prächtige Geweih, das die Hirschkühe so lieben und der Konkurrenz so Angst macht? 525 tiefergelegte PS gehen auch. (ja)

Klappenauspuff

Warum es so einfach ist, legal laut zu sein

Ludwigsburg hat jetzt ein Messgerät samt Anzeigetafel für 15 000 Euro bestellt, das ab Ende August in der Wilhelmstraße stehen soll. Ab 84 Dezibel erscheint die Schrift „Leiser bitte“. Mit der Messung soll auch die Polizei auf Schwerpunkte hingewiesen und um Kontrollen gebeten werden. Der Gemeinderat hatte Messungen gefordert, es gab zahlreiche Beschwerden von Bürgern.

Seit 2016 gilt die neue EU-Lärmverordnung: Je höher das Leistungsgewicht (PS je Tonne), desto mehr Lärm dürfen Autos machen. In drei Stufen will man den Pegel senken: Etwa für neue Pkw-Typen bis 163 PS gelten nun 72 statt bisher 74 Dezibel (dB) als Grenze, ab 2022 für Neuwagen 70 dB, 2026 dann 68 dB. Zusätzlich verbietet die EU Systeme, die nur die Geräuschemission ändern, aber nicht die Leistung. Aktuell hat auch das Bundesverkehrsministerium die Nachrüstung mit sogenannten Soundgeneratoren untersagt. Das Ende des Klappenauspuffs wäre damit faktisch besiegelt: Bei diesem ist die Klappe je nach Programm und Drehzahl zu oder offen.

Gemessen wird beim Tüv bei untertourigem Tempo 50. Das Problem: Wird danach aufgedreht, kontrolliert das niemand mehr. (ja)

von janna werner
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