Handwerk
Ludwigsburg/Stuttgart | 31. Juli 2018

Neue Debatte um Meisterpflicht

Zahl der Betriebe mit zulassungsfreien Berufen steigt stark an – Kammer in Sorge um Qualität und Ausbildung

Das Handwerk dringt auf Rückkehr zur flächendeckenden Meisterpflicht. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Das Handwerk dringt auf Rückkehr zur flächendeckenden Meisterpflicht. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Im Handwerk und in der Politik mehren sich die Stimmen, die Meisterpflicht in Deutschland wieder für die 53 von insgesamt 94 Handwerksberufen einzuführen, die die Bundesregierung 2004 abgeschafft hatte. „Ebenso wie der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) begrüßen wir Initiativen, die die Meisterqualifikation und den Meistertitel als Qualitäts- und Qualifizierungsausweis wieder stärken wollen“, erklärt Thomas Hoefling, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, die fast 30 000 Betriebe betreut. „Aufgabe der Politik ist es, die Auswirkungen der damaligen Entscheidung zur Abschaffung der Meisterpflicht einiger Gewerke zu prüfen und Optimierungen vorzunehmen“, fordert Hoefling.

Bei nicht wenigen Bundespolitikern rennt er damit offene Türen ein. „Die Abschaffung der Meisterpflicht war ein Fehler“, hat Carsten Linnemann, Vize-Fraktionschef der Union im Bundestag, unlängst gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bekannt. Die Qualität der Arbeit habe sich in diesen Gewerken teilweise deutlich verschlechtert. Zudem werde weniger Nachwuchs ausgebildet, so sein Vorwurf. Auch SPD-Fraktionsvize Sören Bartol meint gegenüber dem Blatt, eine „qualitativ hochwertige Ausbildung muss gewährleistet werden“. Er erwarte von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier „einen konkreten Vorschlag, wie man die Handwerksordnung ändern kann, ohne vor dem Bundesverfassungsgericht und bei der Europäischen Kommission zu scheitern“. Auch Bartol geht es um die Qualität der abgelieferten Arbeit. „Die Kunden müssen die Sicherheit haben, dass der bestellte Handwerker auch eine gut ausgebildete Fachkraft ist.“

„Im Kammerbezirk Ludwigsburg stellen wir fest, dass nach der Handwerksnovelle in den zulassungsfreien Gewerken die Betriebszahlen sprunghaft angestiegen sind“, beschreibt Hoefling die Entwicklung. Tatsächlich weist die Statistik im Jahr 2007 im Bereich des Kammerbezirks Ludwigsburg beispielsweise noch 206 Fliesenlegerbetriebe aus, 263 waren es dann 2012, 304 Betriebe im vergangenen Jahr. Auch in der Region lässt sich dieser Trend nachvollziehen: Die Zahl der Fliesenlegerbetriebe nahm hier von 1195 (2007) über 1500 (2012) auf 1735 (2017) zu. Bei den Raumausstattern und Fotografen ist der Trend ähnlich. Während es 2007 im Landkreis Ludwigsburg 112 Raumausstatter-Betriebe gab, wuchs die Zahl auf 155 (2012) und zuletzt auf 178 (2017) an. In der Region gab es 2007 noch 613 Raumausstatter. Für 2012 weist die Statistik bereits 903 Betriebe aus, für 2017 genau 1030 Firmen. Die Zahl der Fotografen stieg von 42 (2007) auf 58 im Jahr 2012 an. Für 2017 weist die Statistik 133 Betriebe im Kreis Ludwigsburg aus – und 676 in der Region.

„Die neu gegründeten Betriebe haben oftmals eine geringere Verweildauer am Markt – und beschäftigten weniger Mitarbeiter“, schildert der Hauptgeschäftsführer die Erfahrungswerte. Gleichzeitig falle auf, so Hoefling, dass im Bereich der Handwerkskammer Region Stuttgart seit 2004 in den zulassungsfreien Gewerken weniger Jugendliche ausgebildet wurden und dort auch die Anzahl der abgelegten Meisterprüfungen zurückgegangen sei. 2012 wurden noch 98 Fliesenleger in der Region ausgebildet. Im vergangenen Jahr gab es noch 66 Azubis. Bei den Fotografen gab es 36 Auszubildende (2017), nach 56 im Jahr 2012. Bei den Raumausstattern ist der Trend schwächer. 2012 wurden noch 113 Azubis gezählt, 2017 waren es lediglich 104.

Die Ursachen für den Rückgang im Lehrlingsbestand mögen zum einen in der Betriebsgröße der meist kleinen, jungen Betriebe begründet sein. In nicht wenigen Fällen ist der Chef zugleich sein einziger Angestellter. Zum anderen auch darin, dass Meister Azubis ausbilden dürfen. In den Berufen ohne Meisterzwang muss dafür eine Ausbildungsberechtigung erworben werden.

„Uns ist bewusst, dass mit dem Rückgang der Meister auch die Gefahr zunimmt, dass es an der Weitergabe von Wissen und qualifizierter Ausbildung mangelt“, betont Hoefling. „Um einen Qualitätsverlust im Handwerk zu verhindern, muss hier gegengesteuert werden.“

Auch Peter Wollseifer, Chef des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, warnt vor Nachwuchsmangel und sinkender Qualität. „Mittlerweile kann jeder zum Gewerbeamt gehen und sagen, ich bin Raumausstatter, Gold- und Silberschmied oder Parkettleger – ohne Qualifikationsnachweis.“ „Eine Neuregelung muss europafest und verfassungskonform sein“, fordert Hoefling. Deshalb seien zwei Gutachten in Auftrag gegeben worden, die diese Fragen der Wiedereinführung der Meisterpflicht prüfen sollen.

Hubert Dreher
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