Lawinenunglück
Ludwigsburg | 09. Januar 2018

Überlebende sind zurück in der Heimat

Nach dem tragischen Lawinenabgang am Mittwoch in Südtirol, bei dem eine 45-jährige Ludwigsburgerin und ihre elfjährige Tochter ums Leben kamen, sind die restlichen Gruppenmitglieder seit vier Tagen zurück in Deutschland. In Italien ermittelt die Staatsanwaltschaft, in Ludwigsburg kümmert sich ein Anwalt um die Vorwürfe.

„Wir ergehen uns nicht in Spekulationen.“ Gernot Jäger ist seine Erschöpfung anzuhören – und dass sich auch die Welt des Vorsitzenden der Schneeläuferzunft Ludwigsburg (SZL) seit dem 3. Januar verändert hat. Seit vergangenen Mittwoch um 14 Uhr, als eine 45-jährige Ludwigsburgerin und ihre elfjährige Tochter beim Skifahren an der Haideralm in Südtirol von einer Lawine erfasst und getötet wurden, steht neben seiner persönlichen Betroffenheit die SZL im Mittelpunkt des medialen Interesses. Jägers Telefon steht seitdem nicht mehr still.

Denn die neun Menschen, die an diesem Tag auf etwa 2500 Metern in den Tiefschnee abseits der Piste eingefahren waren, sind Mitglieder der SZL. Und zufällig fand parallel dazu die jährliche Ausfahrt der SZL auf die Haideralm statt: 45 Teilnehmer plus fünf Betreuer nächtigten seit zwei Tagen auf der Haideralm in 2200 Metern Höhe. Berührungspunkte – außer der persönlichen Bekanntschaft vor allem der Betreuer mit den SZL-Mitgliedern – gab es keine. Die verunglückte Gruppe, allesamt erfahrene Skifahrer, war auf eigene Faust unterwegs und nächtigte in St. Valentin im Tal.

Einzelheiten sind noch völlig unklar, die Ermittlungen laufen

Und die Skifahrer entschieden auch auf eigenes Risiko, trotz einer Lawinengefahrstufe von 3 – also einer erheblichen Lawinengefahr – die offizielle Piste zu verlassen und im freien Gelände zu fahren. Mit schrecklichen Folgen: Die Frau und ihre Tochter wurden von der 150 Meter breiten Lawine erfasst, der Rest der Gruppe hielt sich etwas abseits auf und überlebte. Von Fahrlässigkeit ist die Rede, von ungenügender Ausrüstung und mangelnder Vorsicht. Die Neue Südtiroler Tageszeitung berichtete, der Einsatzleiter der Bergrettung hätte vor Ort erklärt, die Gruppe habe das Gelände seit Vormittag befahren und sei „übermütig geworden“. Trotzdem die Skifahrer auf eigene Faust unterwegs waren, steht die SZL nun im Fokus der Aufmerksamkeit, immer wird eine Verbindung gezogen.

Dass die Gruppe Lawinenpiepser, die eine Ortung zulassen, wie auch Airbags bei sich hatte, scheint gesichert. Allerdings ist unklar, ob es sich bei den Piepsern um das Sende-Empfang-System handelt, mit dem sich Gruppenmitglieder gegenseitig orten können, oder um einen Chip, mit dem vor allem Rettungskräfte Verschüttete orten können. Und ob auch alle Gruppenmitglieder Airbag und Piepser trugen. Oder warum die Mutter den Airbag in ihrem Rucksack nicht mehr ziehen konnte, sofern sie einen trug. „Alles Spekulationen“, sagt Jäger müde. Gesichert ist entgegen anderslautender Meldungen allerdings, dass die sieben Überlebenden der Gruppe seit spätestens Samstag wieder zu Hause sind. Eine Stuttgarter Tageszeitung hatte fälschlicherweise gestern berichtet, die sieben Skifahrer, darunter auch Kinder, dürften Italien nicht verlassen. Dies war bundesweit aufgegriffen worden.

Hintergrund sind die Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft zu dem Unglück. Das Auslösen einer Lawine ist in Italien eine Straftat, hinzu käme die fahrlässige Tötung – ob die Gruppe, die offenbar in Abständen im Gelände fuhr, dafür verantwortlich ist, ist derzeit ebenfalls ungeklärt. Zeugen sollen berichtet haben, entgegen der ersten Meldungen sei die Gruppe Hunderte Meter vom Abriss entfernt gewesen – was für einen spontanen Lawinenabgang spricht. Wegen Schneefalls und Wind war es anfangs schwierig für die Polizei, im Gelände Erkenntnisse zu sammeln.

Der leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Bozen leitet die Ermittlungen – nicht sein erster Fall im Zusammenhang mit Lawinen und dem Verhalten in den Bergen. Giancarlo Bramante war auch mit dem Fall des Bergführers Kuno Kaserer betraut, der zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, weil er im November 2000 im Skigebiet Schnals eine Lawine ausgelöst hatte. Opfer gab es keine. Die Verurteilung, die erste dieser Art, hatte für großes Aufsehen gesorgt.

„Hier geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit“, sagt ein Ludwigsburger Anwalt. Er vertritt den Familienvater, dessen Frau und Tochter am Mittwoch getötet wurden. Der Kontakt mit den Behörden in Bozen sei gut und professionell, sagt er. „Wir sind sehr bemüht, die Hektik rauszunehmen.“ Es sei zunächst erstes Ziel, die Leichen der Frau und des Mädchens nach Deutschland überführen zu lassen.

Danach müssten die Gutachten abgewartet, die Sachverständigen gehört und die Zeugenaussagen ausgewertet werden. Dass jemand aus der Gruppe angeklagt wird, hält er für unwahrscheinlich: „Einen Zusammenhang zwischen dem Skifahren und dem Auslösen der Lawine kann ich nicht erkennen.“

Involviert ist auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart. Routinemäßig werde bei nicht natürlichem Tod von Deutschen im Ausland ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, sagt der Pressestaatsanwalt auf Anfrage unserer Zeitung. Dies werde allerdings noch Wochen dauern.

In Ludwigsburg sind Schock und Trauer weiterhin groß: Seit gestern, dem ersten Schultag nach den Ferien, steht den Mitschülern der getöteten Sechstklässlerin in der Schule ein Raum der Stille und Andacht zur Verfügung. Mit einer Schweigeminute wurde gestern zudem des Mädchens gedacht. Fachkräfte für Kinder- und Jugendtrauer sowie die Schulsozialarbeit stehen zur Verfügung, um die Mitschüler aufzufangen.

Der Tanzclub des Mädchens, das dort Standard und Latein tanzte, hat auf seiner Webseite einen Trauerflor geschaltet. Im Tanzsportzentrum wurde die Möglichkeit geschaffen, still zu gedenken. Die Schneeläuferzunft hat ihre Website abgeschaltet, einzig „Die Schneeläuferzunft Ludwigsburg trauert... unsere Gedanken sind bei den Angehörigen“ ist dort auf schwarzem Hintergrund zu lesen.

Stadtmeisterschaft im Ski alpin könnte dieses Jahr ausfallen

Innerhalb der Schneeläuferzunft wird man sich nun nicht nur mit dem tragischen Unglück und den Auswirkungen auf den Verein mit seinen 400 Mitgliedern beschäftigen. Am 21. Januar sollte zudem die 39. Alpine Ski-Stadtmeisterschaft stattfinden, erstmals im österreichischen Jungholz. Die Plakate seien schon gedruckt, sagt Gernot Jäger, der den Wettkampf mit der SZL veranstaltet. Diese würden derzeit aber nicht aufgehängt. Denn erst soll intern diskutiert werden, ob es nach dem Unglück überhaupt ein Rennen geben wird. Viele hätten ihm gesagt, das Leben gehe weiter, sagt Gernot Jäger. Seine Tendenz geht jedoch dahin, die Stadtmeisterschaft ausfallen zu lassen. „Das Leben kann auch mal anhalten.“

von janna werner
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