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Mahnwache

300 Ludwigsburger trauern mit Hanau

Auf dem Marktplatz zeigen gestern Abend viele Menschen ihre Solidarität mit den Terroropfern – Verschiedene Altersgruppen und Kulturen vertreten

Weiße Tulpen und Kerzen auf dem Marktplatz: Viele Ludwigsburger zeigen ihre Solidarität mit den Terroropfern in Hanau. Foto: Andreas Becker
Weiße Tulpen und Kerzen auf dem Marktplatz: Viele Ludwigsburger zeigen ihre Solidarität mit den Terroropfern in Hanau. Foto: Andreas Becker

Die Glocke der evangelischen Stadtkirche schlägt einmal, aus der offenen Tür der Dreieinigkeitskirche klingt ein Choral. Von etwas weiter weg hört man die Klänge eines arabischen Lieds, das eine Frau singt. Ansonsten ist es auf dem Marktplatz ganz ruhig, als Oberbürgermeister Matthias Knecht zusammen mit Güner Ötzel, der Vorsitzenden des Vereins Lutev (Ludwigsburger Türkische Elternvereine), eine Kerze anzündet und auf den Marktplatz stellt. Die Ereignisse in Hanau in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, als ein 43-jähriger Mann neun Menschen mit ausländischen Wurzeln tötete, haben ganz Deutschland geschockt. Gestern Vormittag rief Lutev spontan zu einer Mahnwache am Abend auf dem Marktplatz auf, der Einladung folgten etwa 300 Menschen.

Jung und Alt – vom Zweijährigen bis zum Rentner sind alle Altersschichten vertreten – stehen dicht beieinander an diesem klaren Abend, einige halten Kerzen in den Händen, andere ihr Handy. Sie machen Fotos und kurze Videos von den Lichtern und den weißen Tulpen, schicken die Aufnahmen mit Beileidsbekundungen in die digitale Welt.

„Dass so viele Deutsche hier sind, zeigt, dass Ludwigsburg bunt ist“, sagt Hasan Ucar. Deshalb habe er gerade hier keine Sorge, dass ihm etwas passieren könnte. Er ist in Ludwigsburg geboren, doch seine Eltern kommen aus der Türkei. „Angst habe ich eigentlich gar keine“, sagt der junge Mann. „Aber Bedenken.“ Weil in letzter Zeit rassistisch geprägte Taten zunehmen. Für ihn war es wie für viele andere an diesem Abend selbstverständlich, auf den Marktplatz zu kommen und Solidarität zu zeigen. „Es ist die allgemeine Antwort auf das, was in Deutschland zurzeit passiert“, sagt er.

„Normalerweise müsste heute der ganze Marktplatz voll sein“, sagt eine Frau mit griechischen Wurzeln, die nicht mit Namen in der Zeitung genannt werden möchte – aus Angst um ihre Kinder. Sie ist 1970 nach Deutschland gekommen, hat ihre Kinder hier großgezogen und spricht beinahe akzentfrei Deutsch. Trotzdem hat sie Angst, gibt sie zu. „Es liegt etwas in der Luft“, so die Frau. In den vergangenen Jahren habe sie immer mehr das Gefühl bekommen, dass Migranten in Deutschland nicht erwünscht sind. Sie sagt: „Wenn man uns hier nicht möchte, soll man uns das sagen.“ Doch selbst dann würde sie Deutschland nicht verlassen. „Es ist auch unser Land.“

Mit der Mahnwache sage Ludwigsburg Nein zum Rassismus, so Güner Ötzel vor der Schweigeminute am Mikrofon. Sie sei wütend und traurig über das, was in Hanau passiert ist. Doch es sei ein gutes Zeichen, dass so viele Menschen gekommen sind, um zusammen zu stehen. „Unser Zusammenhalt ist stärker als ihr Hass“, ruft sie in die Menge – und erntet dafür zustimmenden Applaus.

Es sei schön zu sehen, wie viel Menschen auf so schnelle Zeit zusammen gekommen seien, sagt Matthias Knecht. Erst am Vormittag wurde zu der Veranstaltung aufgerufen. Für den Oberbürgermeister, den ersten Bürgermeister Konrad Seigfried und Landrat Dietmar Allgaier sei es selbstverständlich gewesen, im Gedenken an die Opfer auf den Marktplatz zu kommen. „Lassen Sie uns zusammen Kerzen anzünden und auf unseren Marktplatz stellen, der ein Zeichen ist für Offenheit und Vielfältigkeit“, so Knecht.

Die Stadtgesellschaft Ludwigsburg stehe gegen Rassismus und für Vielfalt, so Konrad Seigfried. Wenn sich alle menschlich begegnen, habe Rassismus keinen Raum. „Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“, rief er einen derzeit oft zitierten Satz in die Menge. Eine Aussage, so treffend formuliert, dass sie schnell auch unter Bildern, auf denen Blumen und Kerzenlicht zu sehen sind, in sozialen Netzwerken landet.

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