Logo

Gemeinderat

Amtsleiterin schlägt Erste Bürgermeisterin

Mit überraschend deutlicher Mehrheit hat der Ludwigsburger Gemeinderat am Mittwoch Andrea Schwarz, Leiterin des Amts für Stadtentwicklung in Bietigheim-Bissingen, zur neuen Bürgermeisterin in Ludwigsburg gewählt. Schwarz ließ damit die Gegenkandidatin und Erste Bürgermeistern aus Leinfelden-Echterdingen Eva Noller hinter sich.

Strahlende Siegerin: Andrea Schwarz. Foto: Holm Wolschendorf
Strahlende Siegerin: Andrea Schwarz. Foto: Holm Wolschendorf

Es war eine Wahl mit Hindernissen. Eigentlich schon angesetzt für Ende März war dieser Termin der Coronakrise zum Opfer gefallen. Der Gemeinderat hatte kurzfristig angesichts der Kontaktsperren seine Zusammenkünfte eingestellt. Drei Kandidaten, die damals aus einem 20-köpfigen Bewerberfeld ausgewählt worden waren, hielten durch und waren angereist, um sich jetzt am Mittwoch beim Nachholtermin den Stadträten zur Wahl zu stellen. Fast wäre aber auch das in letzter Minute gescheitert, weil die Freien Wähler forderten, angesichts der Finanzkrise den Führungsposten ganz zu streichen. Sie konnten sich damit aber nicht durchsetzen (siehe Bericht rechts).

Die drei Kandidaten: Das war zum einen Eva Noller, als Erste Bürgermeisterin in Leinfelden-Echterdingen zuständig für ein beeindruckendes Aufgabenfeld: Stadtplanung, Baurecht, Umwelt, Grünflächen sowie Hoch- und Tiefbau, dazu Liegenschaften und die Stadtwerke. Sie hat für die Freien Wähler einen Sitz im dortigen Kreistag. Zweiter Kandidat war Dr. Timo Munzinger, Referent beim Deutschen Städtetag in Köln, zuständig für integrierte Stadtentwicklung, Regional- und Landesplanung.

Die dritte Kandidatin: Andrea Schwarz, seit 2010 Leiterin im Stadtentwicklungsamt Bietigheim-Bissingen. Sie saß von 1999 bis 2010 für die SPD in der Regionalversammlung. Und sie machte am Mittwoch in geheimer Wahl das Rennen, auch gegen die Kraft Amtes als Schwergewicht einzustufende Erste Bürgermeisterin von den Fildern: 28 Stimmen entfielen auf Andrea Schwarz, dagegen nur neun auf Eva Noller und eine Stimme auf Timo Munzinger.

Schwarz nannte es in ihrer 15-minütigen Bewerbungsrede vor den Stadträten als „Zeichen für eine starke Stadtentwicklung“, wenn das vierte Dezernat wieder besetzt wird. Als einen ihrer Schwerpunkte dieser Entwicklung nannte sie das neue Gewerbegebiet der ehemaligen Fromannkaserne und das ehemalige Nestlé-Areal beim Bahnhof. „Hier hat Ludwigsburg großes Potenzial.“ Areale, die sie sowohl mit Blick auf die beschleunigte Digitalisierung in der Arbeitswelt (Stichwort Homeoffice) als auch unter Einbezug des Bedarfs an Wohnraum (Stichwort neue Nähe von Wohnen und Arbeit) entwickeln wolle.

Als sie nach ihrer Rede gefragt wurde, welches für sie angesichts finanzieller Engpässe die wesentlichen Prioritäten sind, nannte sie den Bereich Bildung mit den Schulen und Kitas sowie die Entwicklung der Innenstadt. Schon in ihrer Rede hatte Schwarz analysiert, dass die Menschen in den Einschränkungen der Coronakrise erst wieder erfahren, wie wichtig ihnen die Innenstadt als Treffpunkt ist. Sie sprach von einem Revival, das man jetzt mit einer weiteren Verbesserung der Aufenthaltsqualität stärken müsse. Also: An den Planungen etwa für Arsenalplatz und Schillerplatz dranbleiben und versuchen, die Pläne angesichts finanzieller Grenzen in Stufen zu verwirklichen.

Für die Erreichbarkeit der Innenstadt und den Verkehr habe auch sie kein Ei des Kolumbus parat, sagte Schwarz, sie finde aber Ideen wie einen Shuttle-Bus an hochfrequentierten Innenstadt-Tagen praktikabel.

Für Schwarz eine weiteres Lehre aus der Coronakrise: Schulen und Kitas sind durch nichts zu ersetzen. Ihre Erfahrung als Mutter von drei Kindern: „Homeschooling geht, aber nicht lang.“

Bei Neubauten müsse sich die Stadt „auf das absolut Notwendige“ beschränken und vor allem die Raumprogramme überarbeiten. Kosten sparen könne man zudem mit der Übergabe von Bauprojekten an Generalübernehmer. Sie erwartet zudem, dass die Preise für Bauen mit Ende des Jahres zurückgehen werden. Auch die Baustandards gelte es zu überdenken, modulare Systeme sollte man anschauen, dies „aber nicht auf Kosten der Umwelt“.

„Wohnungsmangel birgt enormen sozialen Sprengstoff, wir müssen dringend Wohnraum schaffen.“ Die selbstgestellte Frage „Aber wo?“ beantwortete Schwarz so: „Das geht nur über eine verträgliche Nachverdichtung.“ Sie findet es wichtig, dass wie in Bietigheim konsequent die wichtigen Frischluftschneisen frei gehalten werden und diese grünen Flächen multifunktional genutzt werden.

Verdichtung bringe mehr Verkehr, hier empfiehlt die neue Ludwigsburger Dezernentin Modelle wie sie Bietigheim auf dem ehemaligen DLW-Areal beim Wohnungsbau angeht: Quartiersgaragen, die neben Parkplätzen auch Leihfahrzeuge bieten, womit man die Zahl der pro Wohnung geforderten Stellplätze halbieren könne.

Schwarz konnte mit ihren 28 Stimmen offenbar Stadträte aus fast allen politischen Lagern gewinnen. Manche meinten hinterher, die FW-Fraktion habe mit ihrem Vorstoß womöglich der FW-Frau Eva Noller einen Bärendienst erwiesen.

Autor: