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Einzelhandel

Ausverkauf: Alles raus bei Aigner

Die Tage sind gezählt. Zum 31. Januar, das ist ein Donnerstag, wird die Ludwigsburger Traditionsbuchhandlung Aigner schließen. Nach 214 Jahren. Traf diese Ankündigung von Geschäftsführer Hermann Aigner im vergangenen Oktober die Ludwigsburger aus heiterem Himmel, so ist das Ende inzwischen deutlich sichtbar.

Es ist nicht zu übersehen: Die letzten Tage der Buchhandlung Aigner sind angebrochen. Fotos: Holm Wolschendorf
Es ist nicht zu übersehen: Die letzten Tage der Buchhandlung Aigner sind angebrochen. Foto: Holm Wolschendorf
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Die Buchhandlung kann ihr nahes Ende nicht mehr leugnen. Sie kann sich nicht mehr verstecken hinter dicken Schmökern und vollen Bücherregalen, denn es ist leer geworden beim Aigner. „Letzte Woche hatten wir Inventur, danach haben wir alles ins Erdgeschoss geräumt“, sagt Buchhändler Harald Schnatz. Auch Marilynne Robinsons Roman Zuhause hat es auf den Präsentationstisch im Erdgeschoss geschafft. Eine Art Zuhause war der Aigner auch für den Buchhändler selbst. Gut 20 Jahre hat er hier Tag für Tag Bücher verkauft. Seine Zeit am Arsenalplatz ist nun ebenfalls zu Ende.

Die dunkelbraunen Einbauregale kommen in diesen Tagen gut zur Geltung. Es ist nicht mehr viel da, was darin präsentiert wird. Ein dicker Brockhaus ist mit einem „Zu verschenken“-Zettel versehen, in der Auslage haben die Titel Hoffnung in der Hölle und Zu spät ihren großen Auftritt. An einer alten Schulbank aus Holz baumelt ein Preisschild, ein Regalbrett gibt es für einen Euro, und im „Café Julius“, der Kaffee-Ecke mit dem roten Ledersofa, trinken zwei Damen Milchkaffee aus Plastikbechern.

Sibylle Kirschler-Nickerl und Uta Stiefel-Baumgärtner haben hier ihre Buchhändlerausbildung gemacht. Das war in den 60er Jahren. Inzwischen sind beide im Ruhestand, arbeiteten zum Ende ihrer aktiven Zeit beim Stuttgarter Platzhirsch Wittwer. Es ist ein Abschiedsbesuch. „Wir haben so viele Erinnerungen an Aigner“, erzählen sie. Zum Beispiel, dass sie in ihrer Ausbildungszeit im ersten Stock gerne rübergeschaut haben ins Fenster zu den schmucken Herren von der Kreissparkasse. Oder dass die Arsenalstraße abgesperrt war, als Hildegard Knef ihre Autobiografie vorgestellt hatte. „Der Herr Aigner stand mit einem Rosenstrauß auf der Straße und hat sie empfangen.“ Sibylle Kirschler-Nickerl hat Fußball-Bundestrainer Helmut Schön nach einer Lesung mit zu sich nach Hause genommen und mit ihm Saitenwürstle gegessen („wir hatten gefeiert, und danach so großen Hunger“), und ihre ehemalige Kollegin fragt: „Weißt du noch, das Giftschränkchen vom alten Herrn Aigner?“ Darin befanden sich nicht etwa verbotene Substanzen, sondern erotische Literatur. „Da hat er schwer drauf aufgepasst, dass wir jungen Mädle da nicht dran kamen.“

Das erste Obergeschoss, wo die beiden Damen früher Dienst taten, ist fast leergeräumt. Ein bisschen Inventar gibt es noch zu kaufen, einen Bistro-Tisch, Bleistiftspitzer, Bierdeckel, ein Kaffeeservice, Topflappen von Tim Mälzer, eine Geschenkpapierrolle mit roten Elefanten drauf, Buchstützen und Kassenrollen. Am 27-bändigen Brockhaus klebt ein Zettel „verkauft und bezahlt“, an der Infotheke gibt es noch CDs unter dem Stichwort „Zeit für Entspannung“.

Dafür jedoch bleibt den Aigner-Mitarbeitern momentan keine Zeit. Zu viel ist noch zu tun. Das Regal mit den bestellten Büchern ist gut gefüllt, Bücherbestände gibt es zum reduzierten Preis, und viele Kunden wollen einfach noch Adieu sagen. Buchhändlerin Heike Weber hat die ein oder andere Träne mit Kunden vergossen. Manchmal seien das nicht so ganz einfache Momente. Seit 30 Jahren ist sie bei Aigner. „Ich weiß noch nicht, wie es für mich weitergeht.“

Emmanuel Todds Buch Traurige Moderne liegt im Eingangsbereich aus, und der Titel spiegelt ein bisschen die Stimmung wider. Wer die Buchhandlung betritt, weiß: Es ist vorbei. Der weiß aber auch: Das ist die Zeit. Auf dem Plakat eines Verlags ist zu lesen, dass man „nicht zum Amazonas reisen“ müsse, wenn man Bücher kaufen wolle. Offenbar haben das zu wenig Menschen gelesen. „Ich habe nie im Internet Bücher gekauft“, betont eine Kundin, und es klingt fast wie eine Rechtfertigung. Sie hat No Man’s Land in der Hand, einen Thriller mit düsterem Cover.

„Es ist traurig, dass die Buchhandlung schließt“, sagt eine Dame mit dicker Daunenjacke. Regelmäßig sei sie zu Aigner gekommen. Jetzt hat sie sich eine Tonkrug-Vase aus dem Inventar ausgesucht. „Da habe ich eine schöne Erinnerung.“

Ein Sprachtrainingsbuch verspricht Französisch in vier Wochen, eine Schiller-Büste aus Gips hofft auf ein neues Zuhause, Reiseführer machen Lust auf Schottland, Bali und Mexiko. Und während Ratgeber wie Die Uhr, die nicht tickt oder Stehauf Queen auf Käufer warten, öffnet und schließt sich die Ladentür unentwegt. Nicht mehr lange. Denn sie tickt eben doch, die Uhr.

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