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Neckarweihingen

Auto fährt weißes Rehkitz tot

Auf der Kreisstraße zwischen Poppenweiler und Neckarweihingen ist am Nussbäumle ein weißes Rehkitz angefahren und tödlich verletzt worden. Es ist nicht der erste Wildunfall: Acht Rehe sind dort in diesem Jahr von Autos erfasst worden. Manche beklagen überhöhtes Tempo – ebenso wie die Sensationsgier nach den Albinos. Es mangelt den Wildtieren an Rückzugsorten.

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Bislang unveröffentlichte Aufnahmen zeigen das weiße Reh von Neckarweihingen erstmals mit Nachwuchs.
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Ludwigsburg. Den Anruf erhielt der Neckarweihinger Jagdpächter Joachim Sommer am 12. September morgens um 8 Uhr. Zwei Spaziergängerinnen hatten das schwer verletzte weiße Kitz entdeckt. Es hatte sich vom Unfallort am Nussbäumle noch 300 Meter weiter geschleppt. „Es ist oft schwierig, die angefahrenen Rehe zu finden, um sie von ihrem Leid zu erlösen“, berichtet Sommer. Zum Glück waren die beiden Spaziergängerinnen unterwegs. Sie sind nicht die einzigen, die Sommers Telefonnummer kennen. Viele melden sich mittlerweile bei solchen Funden direkt bei dem Jagdpächter. Denn Wildunfälle häufen sich. Im vergangenen Jahr waren es 17. Dieses Jahr sind es schon über zehn. Und nicht immer melden die Autofahrer den Vorfall.

Es ist jetzt nicht das erste Mal, dass ein Albino getötet wurde. „Letztes Jahr wurde auch schon ein weißes Böcklein tot gefahren“, so Sommer. Ob weiß oder braun: Den Wildtieren mangelt es an Rückzugsorten. Von den 400 Hektar Land sind 380 Feld und lediglich 20 Hektar Wald. „Es ist nur ein Streifen zwischen Neckarweihingen und Marbach. Das ist keine große Rückzugsfläche“, sagt Sommer. Und mittendrin ist der Grillplatz am Hörnle, der stark frequentiert sei. Bis in die Nacht hielten sich dort oft mehrere Menschen auf. Das störe die Wildtiere. „Es sind alles gesperrte Straßen, die Leute fahren trotzdem mit dem Auto raus.“ Um dann nachts mit hohem Tempo über die Feldwege heimzurasen. Erst letzte Woche ist es dadurch zu einer Kollision mit einem Reh gekommen, das mehrere Meter weit geschleudert wurde, berichtet Sommer.

Die meisten Zusammenstöße ereignen sich aber zwischen Poppenweiler und Neckarweihingen beim Nussbäumle. „Dort findet ein Wildwechsel statt“, sagt Sommer. Immerhin habe die Verkehrsbehörde endlich reagiert und Anfang des Jahres Wildwechsel-Schilder angebracht. „Aber das bringt nicht viel.“ 80 Stundenkilometer darf man dort fahren. „Die wenigsten halten sich daran.“ Dem Jagdpächter bleibt nichts anderes übrig, als die Leute um Rücksicht zu bitten.

Auch die Stadtverwaltung bestätigt auf Nachfrage, dass dort seit zwei Jahren vermehrt Wildunfälle auftreten. Darauf hätten auch Verkehrsteilnehmer hingewiesen. Daher habe die Straßenmeisterei des Landkreises die Strecke mit neuen reflektierenden Leitpfosten versehen, die nachts den Wildwechsel verhindern sollen.

Die Rehe kommen aber auch sonst nicht zur Ruhe. Durch Spaziergänger und Radler, die befestigte Wege verlassen, würden die Wildtiere hin- und hergescheucht, sagt der Jagdpächter. So komme es nicht selten zu Wildunfällen. Auch die Sensationsgier um die Albinos trage ihren Teil dazu bei. „Das mit dem weißen Reh hat sich über die Jahre hochgeschaukelt. Viele wollen es sehen. Aber das ist kein Zoo da draußen“, sagt er.

Als er selbst im Sommer 2013 erstmals das weiße Reh entdeckte, behielt er es für sich. Aus gutem Grund. Denn im Wildbestand seines Reviers trat der Albinismus nicht zum ersten Mal auf. Vor vielen Jahren habe es schon ein weißes Reh und einen weißen Bock gegeben. Eine Meldung im Radio hatte damals viele Schaulustige nach Neckarweihingen gelockt, erinnert er sich. „Als es dann zum zweiten Mal bekanntwurde, dachte ich nur, bitte nicht schon wieder.“ Seither kommen immer wieder Schaulustige und schrecken die Wildtiere auf, beobachtet der Jagdpächter.

„Die Sensationsgier muss ein Ende haben“, fordert auch Erich Hägele. Den Neckarweihinger interessiert das Thema persönlich, schon in seiner früheren Funktion als stellvertretender Bürgermeister in Weissach im Tal hatte er sich viel mit Wildtieren beschäftigt. „Ich verstehe nicht, warum man sich mit Tieren profilieren will“, sagt er über jene, die das weiße Reh und seinen weißen Nachwuchs immer wieder zum Thema machen. Durch die Aktivitäten kämen Scharen von Familien mit dem Auto, auf dem Fahrrad und mit dem Hund nach Neckarweihingen. „Es gibt kaum Wald, wenig Sträucher und die Maisfelder sind geerntet. Wo sollen sich die Rehe aufhalten?“, fragt Hägele.

Nach den Wildunfällen stellt sich auch die Frage: Gibt es überhaupt noch die Neckarweihinger Albino-Besonderheit? „Das weiße Urgestein von 2013 ist noch da“, sagt Joachim Sommer, in der Hoffnung, dass sich der Rummel um das weiße Tier endlich wieder legt.