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Autofahrerin überfährt in Ludwigsburg unbekannten Mann: Verteidiger plädiert auf fahrlässige Tötung

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Eine 20-jährige Frau muss sich vor dem Landgericht Stuttgart verantworten, weil sie am 18. Juni vorigen Jahres offenbar aus Panik einen 50-jährigen Mann überfahren und getötet hat. Gestern sind die Plädoyers gehalten worden.

Ludwigsburg. Drei Jahre und neun Monate Jugendstrafe, das fordert die Staatsanwältin als Strafmaß für die Autofahrerin, die im Juni vorigen Jahres in der Schwieberdinger Straße einen 50-Jährigen mit ihrem Auto tödlich verletzt hat. Die Vertreterin der Anklage will das Argument von Panik und Schockzustand sowie einer Bedrohung des Fußgängers nicht gelten lassen. Sie fordert deshalb vor dem Landgericht einen Schuldspruch wegen Totschlag.

Doch handelt es sich bei dem Geschehen gegen Mitternacht tatsächlich um ein bewusstes Tötungsdelikt? In bisher drei Verhandlungstagen hat die 4.Große Strafkammer mehrere Unfallzeugen sowie zwei Sachverständige dazu gehört. Auch die damals 19 Jahre alte Angeklagte hatte sich über ihren Verteidiger zu dem Vorwurf des Totschlags geäußert und angegeben, der 50-Jährige sei in drohender Haltung und mit einem langen Dolch an ihr Auto herangetreten, als sie gerade eingeparkt hatte.

Seltsamer Auftritt um Mitternacht

Das mit dem Dolch sei falsch, so die Staatsanwältin in Plädoyer. Sie gehe vielmehr davon aus, dass die Beschuldigte damals in Begleitung ihrer beiden Nichten zunächst in einer Seitenstraße der Schwieberdinger Straße für eine kurze Pause parkte.

Dann hätte sie aus dem Gebüsch ein Geräusch gehört. Der Anblick, den der Mann bot, bezeichnete sie als „seltsamen Auftritt“. Auch die Staatsanwältin geht davon aus, dass sich in dem Gehstock des Mannes ein ausziehbarer Degen befand. Doch damit habe der Mann nicht gedroht. Die Angeklagte habe sich dazu entschieden, einzusteigen und Gas zu geben. Mit etwa 20 Stundenkilometern habe sie ihn auf die Motorhaube geladen, dann abgebremst, so dass er wieder auf die Straße gefallen sei.

Wäre die Angeklagte stehen geblieben, dann wäre der 50-Jährige wohl nur leicht verletzt worden, so das Resümee der Staatsanwältin. Aber die 20-Jährige habe wieder auf das Gaspedal gedrückt und sei mit 20 bis 25 Stundenkilometern über den am Boden liegenden Mann gerollt, habe ihn mit der rechten Seite zuerst über die Oberschenkel, und dann über den gesamten Körper überfahren. Die Verletzungen waren tödlich.

Angeklagte kümmerte sich um den Verletzten

Dass sie selbst einen Notruf absetzte und sich um den Verletzten kümmerte, wertete die Staatsanwältin als strafmildernd. Auch die Umstände, wie die Uhrzeit und die Dunkelheit, sprächen für Strafmilderung.

Unter dem Strich sieht die Staatsanwaltschaft den Tatbestand des vollendeten Totschlags und einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr als erfüllt an. Die Angeklagte habe sich in jener Juninacht dafür entschieden, mit ihrem Auto einen Menschen zu überrollen und damit dessen Tod billigend in Kauf genommen.

Dass die Angeklagte in diesem Augenblick, hervorgerufen durch Schreck, Panik und Angst nur eingeschränkt in ihrer Steuerung fähig war, was ebenfalls zur Strafmilde führen kann, will die Anklägerin nicht anerkennen. Eine Notwehrsituation habe es auch nicht gegeben. Für dieses Fehlverhalten als Autofahrerin beantragt die Staatsanwältin die Jugendstrafe von drei Jahren und neun Monaten, sowie eine dreijährige Führerscheinsperre.

Angeklagte wollte ihre Nichten und sich außer Gefahr bringen

Für Verteidiger Achim Bächle aus Stuttgart hingegen ist ein vollendetes Tötungsdelikt, wie es im Strafgesetzbuch als Totschlag bezeichnet wird, nicht nachgewiesen. Seiner Auffassung nach handelte die Angeklagte in einer Art Panik und Schock. Hier erwähnte der Verteidiger den skurrilen Auftritt des Mannes, der nur mit langer Unterhose und Bademantel bekleidet war und zudem einer Art Waffe bei sich trug. Die Angeklagte habe sich und ihre Beifahrerinnen schnell aus Gefahr bringen wollte.

In diesem Moment sei sie, entgegen der Auffassung der Staatsanwältin, nur eingeschränkt steuerungs- und schuldfähig gewesen. Das Unfallopfer habe zudem ein „ungeschicktes Verhalten“ gezeigt.

Das Ganze sieht er als fahrlässige Tötung, nicht als Totschlag. Bächle fordert vom Gericht die Verhängung einer Jugendstrafe, die aber noch unter zwei Jahren liege und somit bewährungsfähig ist. Das Urteil soll am nächsten Montag verkündet werden.