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KSK Music Open 2022 in Ludwigsburg
Avantasia im Schlosshof: Wie ein ganzes Metal-Festival im Kleinen

In Aktion: Sänger Tobias Sammet (links) in voller Montur am Mikro, daneben Gitarrist Oliver Hartmann. Foto: Andreas Becker
In Aktion: Sänger Tobias Sammet (links) in voller Montur am Mikro, daneben Gitarrist Oliver Hartmann. Foto: Andreas Becker
Sänger Eric Martin vor der imposanten Kulisse. Foto: Andreas Becker
Sänger Eric Martin vor der imposanten Kulisse. Foto: Andreas Becker
Große Bühne, viel Personal: Avantasia in Aktion. Foto: Andreas Becker
Große Bühne, viel Personal: Avantasia in Aktion. Foto: Andreas Becker
Gut gefüllt, aber mit 3500 Zuschauern bei weitem nicht ausverkauft zeigt sich der Schlosshof. Foto: Andreas Becker
Gut gefüllt, aber mit 3500 Zuschauern bei weitem nicht ausverkauft zeigt sich der Schlosshof. Foto: Andreas Becker
Tobias Sammet (rechts) und Ralf Scheepers im Duett. Foto: Andreas Becker
Tobias Sammet (rechts) und Ralf Scheepers im Duett. Foto: Andreas Becker
Tobias Sammet (rechts) und Ralf Scheepers im Duett. Foto: Andreas Becker
Tobias Sammet (rechts) und Ralf Scheepers im Duett. Foto: Andreas Becker
Tobias Sammet mit Avantasia in Aktion. Foto: Andreas Becker
Tobias Sammet mit Avantasia in Aktion. Foto: Andreas Becker
Ganz schön viel Kleidung: Tobias Sammet bleibt trotz 30 Grad beim selbstgewählten Dresscode. Foto: Andreas Becker
Ganz schön viel Kleidung: Tobias Sammet bleibt trotz 30 Grad beim selbstgewählten Dresscode. Foto: Andreas Becker
Das Power-Metal-Projekt Avantasia bestreitet bei den KSK Music Open im Ludwigsburger Schlosshof einen wahren Hitze-Marathon. Frontmann Tobias Sammet leidet noch unter Wacken-Jetlag – und treibt seine Späße mit dem Publikum.

Ludwigsburg. Ja ist denn heut schon Halloween? Grimmige Kürbisgesichter grüßen von der Bühnenrückwand das Publikum, das am Donnerstagabend bei über 30 Grad im Schlosshof auf diesen Auftritt – ganz ohne Vorband! – gewartet hat. Mit Wummern und Grollen fällt um 19.57 Uhr, eine knappe halbe Stunde später als angekündigt, der Vorhang bei den KSK Music Open im Schlosshof und Avantasia legen los. Das sogenannte „All-Star-Projekt“ um den rührigen Frontmann Tobias Sammet ist eine ganz bewusste musikalische Reizüberflutung, das ist sein Markenzeichen: Seit über 20 Jahren schart er auf Platten wie auch live eine ganze Riege von Sängerinnen und Sängern sowie Instrumentalisten um sich, die einzeln, gleichzeitig oder in unterschiedlichen Kombinationen ihr Können zur Schau stellen.

So sind es an diesem Abend, einschließlich Sammet und seiner fünfköpfigen Kernband, nicht weniger als 14 Musiker, die sich die Bühne teilen. In mitunter fast schwindelerregender Abfolge als Gastsänger die Klinke beziehungsweise das Mikro in die Hand geben sich einmal mehr Eric Martin (Mr. Big), Ronnie Atkins (Pretty Maids), Bob Catley (Magnum), Jørn Lande (Masterplan) und Ralf Scheepers (Primal Fear), Letzterer ist als Esslinger quasi ein Local Hero.

Bei 30 Grad mit Mantel, Schal und Zylinder

3500 Zuschauer verfolgen, wie sich das Power-Metal-Schlachtschiff Avantasia in Bewegung setzt, um den Schlosshof nicht weniger als zweieinhalb Stunden lang in Wallungen zu versetzen. Der leider etwas matschige Rhythmusgitarrensound bessert sich zwar im Laufe der Zeit leicht, bleibt im Klangbild aber die größte Schwachstelle. Und doch wird das Konzert zum bunten und für fast alle Rock- und Metal-Jünger potenziell geeigneten Spektakel. Los geht es mit dem groovigen „Twisted Mind“, dessen Riffs die Menschenmenge sogleich zum Recken von zahlreichen „Pommesgabel“-Händen veranlasst, bei „Reach out for the Light“ darf Schlagzeuger Felix Bohnke erstmals die Doublebass flattern lassen. Kurz darauf folgt das schwer ohrwurmtaugliche „Dying for an Angel“, das Sammet gemeinsam mit dem starken Eric Martin performt. Kein Zufall, dass die Studioversion mit Scorpions-Sänger Klaus Meine eingespielt wurde – der Song passt zu dessen Band klanglich wie die Faust aufs Auge.

Apropos: Auch den Habitus und das Erscheinungsbild scheint Tobias Sammet zumindest an diesem Abend ein wenig vom Hannoveraner Sänger abgeschaut zu haben, gepaart mit einer guten Portion jugendlicher Munterkeit. In voller Montur – mit Mantel, Schal und Zylinder – ist der 44-Jährige angesichts der Temperaturen fast ein wenig zu bemitleiden, hält sich aber erstaunlich wacker – Übungssache. Wenigstens der Hut wird nach den ersten paar Songs abgelegt, der Mikrofonständer hingegen bleibt sein treuer Begleiter.

Ist das Ludwigsburger Publikum nicht hungrig genug?

Sammet selbst verfügt über eine solide, in den Höhen durchaus kraftvolle Stimme, kein Stimmwunder vielleicht, dafür aber ein Frontmann mit starker Präsenz und viel frechem Witz in der Moderation. Am Vorabend, erklärt Sammet, habe man noch auf dem Wacken Open Air gespielt, um dann in der Nacht gleich in die Barockstadt weiterzureisen: „Wir sind noch ein wenig zerschossen“, stellt er vergnügt fest, um dann zu versichern, dass alle hochmotiviert bei der Sache seien. Dafür wirft er dem Publikum vor, im Gegensatz zur norddeutschen Festival-Menge nach den zwei Coronajahren nicht so ausgehungert zu wirken: „Ihr seid übersättigt hier in Ludwigsburg!“ Seine vor bissiger Ironie mitunter triefenden Späße mit dem Publikum („Wir spielen jetzt einen etwas älteren Song – da wart ihr noch nicht verrentet“) kommen beim alterstechnisch im Kern zwischen 40 und 50 angesiedelten Publikum im Laufe des 19 Songs umfassenden Abends immer besser an, so scheint es. Das Augenzwinkern wird deutlicher – vielleicht liegt das auch daran, dass Sammet nun immer häufiger seine Sonnenbrille absetzt?

Mit fortlaufender Dauer und Songs wie „Invoke the Machine“ oder „The Story ain‘t over“ steigt die Stimmung im Hof, auch die Luftgitarren-Dichte bei den überaus textsicheren Fans steigt, während die Schlossfassade hinter der Bühne pink, violett und lila in den Abendhimmel strahlt. Apropos Wacken: Wenn man so will, ist Avantasia mit seiner opulenten Besetzung ein ganzes Mini-Festival für sich. Und damit sicherlich zur rechten Zeit am rechten Ort: Aus vielem noch mehr zu machen, war als tröstendes Signal vielleicht noch nie so wertvoll wie in diesen Zeiten.

Weitere Infos zu den Konzerten bei den KSK Music Open gibt es unter www.ksk-music-open.de.

Unseren Bericht zum Auftaktkonzert der Dropkick Murphys gibt es hier.

Warum die Absperrungen nach dem ersten Konzert umgebaut werden mussten, dazu gibt es hier mehr Infos.