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Lokalpolitik

Baulücken und Dächer für Wohnungsbau

Die Stadt sieht nach wie vor großen Bedarf an neuem Wohnraum. Und hat jetzt im Gemeinderat ihr Konzept präsentiert. Es setzt weniger auf weitere Neubaugebiete, dafür stark auf Verdichtung. Gebäude sollen um Wohngeschosse aufgestockt werden, vom Mehrfamilienhaus über den Supermarkt bis zur Kita. Auch ungenutzte Bauplätze und deren Eigentümer will die Stadt stärker in den Blick nehmen.

Wo es die Möglichkeit und Bauland gibt, entsteht in Ludwigsburg schnell neuer Wohnraum, hier derzeit in Grünbühl-Sonnenberg. Um Frei- flächen zu schonen, will die Stadt jetzt verstärkt versuchen, in bereits bebauten Vierteln zu verdichten. Foto: Andr
Wo es die Möglichkeit und Bauland gibt, entsteht in Ludwigsburg schnell neuer Wohnraum, hier derzeit in Grünbühl-Sonnenberg. Um Frei- flächen zu schonen, will die Stadt jetzt verstärkt versuchen, in bereits bebauten Vierteln zu verdichten. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Wie viel neuen Wohnraum Ludwigsburg noch braucht, das ist strittig. Die Bandbreite in der Lokalpolitik reicht von 200 bis 300 Wohnungen pro Jahr bis zu den 500, die Oberbürgermeister Matthias Knecht nach seinem Wahlerfolg im vergangenen Jahr von seinem Vorgänger als Ziel übernommen hat. Dass weiter gebaut werden muss, darüber sind sich jedoch alle einig. In einem Maßnahmenpaket hat die Stadtverwaltung jetzt zusammengefasst, wie es ihrer Ansicht nach gehen kann. Wenn in einzelnen Punkten auch strittig, so haben die Stadträte im Wirtschaftsausschuss des Gemeinderats das Gesamtkonzept doch mit großer Mehrheit verabschiedet. Hier die fünf Schwerpunkte des städtischen Konzepts:

1 Ausbau und Aufstockung von Dächern bei Mehrfamilienhäusern

Hier nennt die Stadt noch keine konkreten Vorhaben, sie will erst einmal in einer Grundsatzanalyse eine Strategie für das gesamte Stadtgebiet erarbeiten. Angesichts vieler oft gleichförmiger Wohnblocks sieht man ein Potenzial, will aber in einem ersten Schritt genau erheben, wie viele geeignete Mehrfamilienhäuser es in der Stadt tatsächlich gibt. Und dann jeweils bewerten, ob und wie Aufstockungen – meist um ein Geschoss – baurechtlich machbar wären. Und schließlich auch beispielhaft Kosten-Nutzen-Berechnungen anstellen. Wenn so die Grundlagen offengelegt sind, sollen Eigentümer überzeugt werden, spätestens dann aktiv zu werden, wenn ohnehin eine Sanierung des Daches oder des gesamten Gebäudes ansteht.

2 Verzicht auf Stellplätze bei Bauvorhaben in Bestandsgebieten

Mit Blick auch auf bezahlbaren Wohnraum will die Stadt in bereits bebauten Vierteln die Anforderungen an die Zahl von Stellplätzen für Autos senken. Soll zum Beispiel ein Altbau abgerissen und durch einen Neubau mit mehr Wohnungen ersetzt werden, dann müssen oft deutlich mehr Stellplätze nachgewiesen werden. Der Bau von Tiefgaragen mache den Wohnraum allerdings teurer, so die Stadt. Sie schlägt vor, insbesondere dann, wenn der Weg zum ÖPNV nicht weit ist, per Sonderregelung in solchen Fällen die reguläre gesetzliche Anforderung deutlich zu senken. Sonst bestehe die Gefahr, dass gar nicht oder weniger gebaut wird.

3 Gespräche mit Eigentümern von über 170 Baulücken

Wie viele Baulücken es in der Stadt gibt, weiß man im Rathaus schon ganz genau. Es gibt 182 Grundstücke, auf denen die Eigentümer eigentlich bauen könnten, dies aber nicht tun, so die Zahlen der Stadt. Bei rund zehn der Lücken sei allerdings trotz Baurecht eine Realisierung kaum möglich. Damit bleiben über 170 Baulücken, 109 davon könnten unmittelbar bebaut werden mit über 320 Wohnungen. Bei weiteren 63 Bauplätzen sei die Lage zwar erschwert, dennoch sei der Bau von fast 190 Wohnungen denkbar. Mit den zusammen über 170 betroffenen Eigentümern will die Stadt jetzt das Gespräch suchen, „ohne die Brechstange, ohne Zwangsmaßnahmen“, wie es heißt. Den Druck erhöhen will man aber schon, auch mit einem Kataster, das die Lücken öffentlich zeigt – allerdings nur jene Grundstücke, wo die Eigentümer dem nicht widersprechen.

4 Erneute Suche nach Neubaugebieten im Innenbereich

Neubaugebiete im Außenbereich am Siedlungsrand will die Stadtverwaltung vermeiden. Sie sieht noch Potenzial im Innenbereich für „vereinzelte Flächen“, wie es heißt. Dabei will man auch mit Grundstückseigentümern nochmal reden, die bisher in Gebieten, die Bauland werden sollen, nicht an die Stadt verkaufen wollten. Anders als bisher zeigt sich die Stadt jetzt offenbar bereit, gemeinsam mit Bauträgern auf diese Eigentümer zuzugehen. „Es geht also darum, in einem neuen, noch zu definierenden Miteinander von Stadt und Bauträgern nach Wegen zu suchen, um Flächen, auf denen bereits heute Baurecht vorhandenen ist, dem Wohnungsmarkt zuzuführen“, heißt es im Rathaus.

5 Potenziale in Gewerbegebieten, auf Parkplätzen und Kita-Gebäuden

Der Lidl-Markt in der Oststadt ist das erste Beispiel in der Stadt, wo konkrete Pläne für Wohnungsbau in Geschossen über einem Supermarkt zur Entscheidung auf dem Tisch liegen. Die Stadt sieht noch mehr Potenzial und will die Möglichkeiten erst einmal analysieren. Neben Aufstockungen von Discountern oder Supermärkten wäre Wohnraum auch auf Gewerbebauten oder Bürogebäuden möglich. Die Stadt will in ihre Analyse, wo Wohnraum draufgesattelt werden kann, auch eingeschossige Kindergartenbauten auf Eignung untersuchen. In den Blick nehmen will man auch Parkplätze, es gebe Städte, wo mit Stelzenbauten über Parkierungsflächen neuer Wohnraum entstanden ist.

Das gesamte Paket haben die Stadträte im Wirtschaftsausschuss nach einer längeren Debatte teils einstimmig, teils mit deutlicher Mehrheit verabschiedet. Strittig waren die Frage nach der Lockerung bei der geforderten Anzahl an Stellplätzen und das Kataster mit Baulücken. So warnte Klaus Herrmann (CDU) in der Stellplatzfrage „vor dem Trugschluss, dass die Menschen kein Auto mehr besitzen wollen, auch wenn sie offen für neue Mobilitätskonzepte sind“. Er sieht auch ein öffentliches Baulückenkataster kritisch.

Man dürfe bei den Baulücken nicht zu restriktiv vorgehen, meinte Reinhardt Weiss (FW). Hier machte auch FDP-Stadtrat Sebastian Haag die Einschränkung, dass die Freiwilligkeit gewährt bleiben müsse.

Michael Vierling (Grüne) dagegen sieht in dem städtischen Konzept den richtigen Ansatz, Wohnraum zu schaffen ohne dem Flächenfraß Vorschub zu leisten. Wie andere stellte auch er die Frage, wie viele neue Wohnungen die Stadt sich eigentlich als Ziel vornehmen sollte. Die von Oberbürgermeister Knecht nach seinem Amtsantritt von seinem Vorgänger übernommenen Marke von bis zu 500 Wohneinheiten pro Jahr scheint so manchem Stadtrat zu viel.

Daniel O’Sullivan (SPD) will ein Wachstum der Einwohnerzahl durchaus diskutieren, sieht Vorschläge der Verwaltung wie Aufstockungen oder einen „gewissen sozialen Druck“ auf Eigentümer von Baulücken positiv, will aber nicht über mehr als 300 Wohnungen pro Jahr reden. Dieselbe Marke nannte auch Klaus Herrmann. Verwiesen wurde dabei darauf, dass mit mehr Wohnungen auch immer die Infrastruktur mit Schulen, Kitas und Mobilität ausgebaut und finanziert werden müsse. „Wir müssen hier immer abwägen zwischen einem Wachstum und Konsolidierung, zwischen Wohnen, Klima und Infrastruktur“, so Weiss.

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