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Goethe-Gymnasium

Bis zum Ende viel Neues zu bewältigen

„Wir haben mit unseren öffentlichen Schulen in Deutschland einen Schatz, und es ist eine große Aufgabe, diese zu entwickeln und zu stärken“, sagt Wolfgang Medinger. Nach 43 Jahren im Schuldienst verabschiedet sich der Schulleiter des Goethe-Gymnasiums Ende der Woche in den Ruhestand.

In Zeiten von Corona muss ein Rektor sich nicht nur um Bildung und Erziehung Gedanken machen, sondern auch um die gute Luft in den Unterrichtsräumen. Wolfgang Medinger freut sich, dass „sein“ Goethe-Gymnasium über eine moderne Lüftungsanlage verfügt.
In Zeiten von Corona muss ein Rektor sich nicht nur um Bildung und Erziehung Gedanken machen, sondern auch um die gute Luft in den Unterrichtsräumen. Wolfgang Medinger freut sich, dass „sein“ Goethe-Gymnasium über eine moderne Lüftungsanlage verfügt. Das Herzstück der Anlage unter dem Dach der Schule hat er sich für das Abschiedsfoto ausgesucht. Foto: Holm Wolschendorf

„Willkommen auf der Dauerbaustelle bis 2014“, mit diesen Worten hatte der damalige Erste Bürgermeister Konrad Seigfried im Jahr 2008 den neuen Schulleiter des Goethe-Gymnasiums begrüßt. Die Sanierungsarbeiten waren überfällig. Wolfgang Medinger fand damals Toiletten aus den 50er Jahren vor, die sich allenfalls als Kulisse für Aufnahmen der Filmakademie-Studenten eigneten. „Wenn das Goethe-Gymnasium einen angemessenen Part im Konzert der Campus-Schulen mitspielen soll, muss in nächster Zukunft etwas geschehen“, mahnte Medinger in seiner Antrittsrede an. Geschehen ist seitdem viel, und es dürfte sich in der Stadt niemand finden, der das Goethe-Gymnasium im Konzert der Schulen am Innenstadt-Campus heute nicht als angemessen vertreten bezeichnen würde. Den Campus haben die Mädchen und Jungen in der Bauzeit, die sich am Ende doch bis 2017 hingezogen hat, ausführlich kennengelernt; immer wieder in anderen Gebäuden Unterrichtsräume bezogen. „Die Mühen lohnen sich“, habe er stets versucht, die Schulgemeinschaft zu motivieren, und sich über die große Flexibilität und Offenheit der Goethe-Schüler gefreut.

Um selbst das gelungene Ergebnis der langen Sanierungsphase noch ein bisschen auskosten zu können, sei er gerne noch vier Jahre länger geblieben, um sich jetzt, mit 69 Jahren, in den Ruhestand zu verabschieden. Die Proben für die Abschiedsfeier laufen in der großen Pause auf Hochtouren, inbrünstig singt das Kollegium. Denn Musik darf gerade am Goethe mit seinem musisch-künstlerischen Schwerpunkt nicht fehlen. Auch Schulleiter Medinger hat zwölf Jahre beim Weihnachtskonzert im Chor mitgesungen. Wenngleich er sich selbst bescheiden als „mittelmäßigen Bariton“ bezeichnet, denkt er mit Begeisterung an diese Konzerterlebnisse zurück, die eine „tolle Verbindung über Klassenstufen hinweg schaffen“ – auch mit musikbegeisterten Eltern.

Medinger, der vor 50 Jahren sein Abitur am Ludwigsburger Schillergymnasium abgelegt hat, studierte in Tübingen in einer Zeit, als sich die politischen Flugblätter zentimeterhoch auf den Seminartischen stapelten. Das hinterließ auch beim gebürtigen Ludwigsburger seine Spuren. Als junger Deutsch- und Englischlehrer unterrichtete er an der Freiberger Oscar-Paret-Schule und engagierte sich in seiner Heimatstadt politisch. Als Stadtrat für die Grünen im Gemeinderat und als Mitbegründer des Demokratischen Zentrums hat er auch außerhalb der Schule etwas bewegt. Als Schulleiter setzte er sich für die Interessen der Schülerinnen und Schüler in der Stadt ein und engagiert sich als begeisterter Radfahrer für bessere Fahrradabstellplätze und den Ausbau der Alleenstraße zur Fahrradstraße.

Für einen Blick über den Tellerrand hinaus und in die Bildungslandschaft anderer Länder hinein haben die mehrjährigen Einsätze im Auslandsschuldienst im spanischen Valencia und in der argentinischen Metropole Buenos Aires gesorgt. Jeweils Erfahrungen, die er nicht missen möchte, die ihm aber auch deutlich vor Augen geführt haben, welch großer Schatz die öffentlichen Schulen in Deutschland sind und dass es sich lohnt, sich für sie einzusetzen. Das hat er mit großem Elan am Goethe-Gymnasium getan, seine große Begeisterung für die Europäische Union in Schulpartnerschaften und Projekten ausleben können, von denen eines mit dem Lucien-Tharradin-Preis ausgezeichnet wurde.

Eigentlich wollte Medinger mit der Verlängerung seiner Dienstzeit um vier Jahre die späten Früchte ernten, noch ein bisschen das Arbeiten im schönen Gebäude genießen. Mit der Coronapandemie kam zum Ende der Dienstzeit eine große Aufgabe dazu, auf die es angemessen zu reagieren galt. „Das Kollegium hat eine große Fortbildungsbereitschaft gezeigt“, lobt Medinger. Denn in der Pandemie mussten viele Kompetenzen schnell erworben werden. Die Arbeit eines Schulleiters ist in dieser Zeit ebenfalls nicht leichter geworden. „Man braucht beträchtliche seelische Kräfte“, beschreibt Medinger die Anforderungen an einen Schulleiter – nicht nur in der Pandemie. Was ihm geholfen hat? „Der respektvolle Umgang und die gute Aufgabenteilung mit meinem Team und dem Sekretariat.“ Aber das ist nicht alles. Auch ein gut funktionierendes Küchenkabinett sei in all den Jahren sehr nützlich gewesen: „Meine Frau, die mir zuhört und dann den Kopf geraderückt.“

Homeschooling und Wechselunterricht haben seiner Meinung nach die Arbeit von Lehrern und die Bedeutung der Institution Schule für die Gesellschaft in den Fokus gerückt. „Die Pandemie hat gezeigt, welche immens wichtige Funktion Schule als Ort des gemeinsamen Wachsens und Erlebens hat.“ In der Pandemie haben sich viele Investitionen während der Sanierung doppelt ausgezahlt. Egal ob eine leistungsstarke Lüftungsanlage oder schnelles Internet in jedem Klassenraum. Medinger konnte sagen: „Das Goethe hat alles.“ Mit der Ernte der späten Früchte hat es also doch geklappt. „Eigentlich hätte ich viele Dinge zum letzten Mal gemacht“, sinniert Medinger. „Die Pandemie sorgt dafür, dass ich vieles zum ersten Mal mache.“ Eines jedoch ist gleich geblieben: Den Schulalltag und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen habe er immer als etwas Bereicherndes erlebt – bis zum Ende seiner Dienstzeit gibt es Neues zu bewältigen.

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