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Bahnsteighöhen

Bund, Bahn und Länder streiten um 21 Zentimeter

Was 21 Zentimeter auslösen können, zeigt der Streit um die Forderung des Bundes, die Bahnsteighöhen an Bahnhöfen einheitlich auf 76 Zentimeter anzuheben. Die Umsetzung hätte nicht nur für den Landkreis Ludwigsburg Folgen.

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Wenn Reisende am Ludwigsburger Bahnhof aus der S-Bahn steigen, warten 20 Zentimeter Höhenunterschied. Archivfoto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. „Bitte achten Sie beim Aussteigen auf den Höhenunterschied zwischen Zug und Bahnsteigkante“. So oder so ähnlich hallt es kurz vor der Einfahrt in die Bahnhöfe durch viele Züge. Barrierefreiheit? Fehlanzeige. Auch im Kreis Ludwigsburg müssen Reisende eine Stufe nehmen, um ein- oder auszusteigen.

„Allein in der Region Stuttgart gibt es aktuell drei Bahnsteighöhen, die eine durchgängige Barrierefreiheit verhindern“, heißt es in einer Pressemitteilung des Fahrgastbeirats Baden-Württemberg. Die Rede ist von 55 Zentimentern, 76 Zentimetern und 96 Zentimetern für die S-Bahn-Bahnsteige. Auch im Landkreis Ludwigsburg sind mindestens drei verschiedene Bahnsteighöhen vorhanden. Die Bahnsteige am Ludwigsburger Bahnhof haben eine Höhe von 76 Zentimetern, genau wie die in Bietigheim-Bissingen und Vaihingen. Viele Bahnsteighöhen im Kreis, beispielsweise der Bahnhof Ellental in Bietigheim-Bissingen (55 Zentimeter) oder Sachsenheim und Sersheim (beide unter 38 Zentimeter) sind aber deutlich niedriger.

Folglich müssen Reisende, die mit der S-Bahn am Bahnhof in Ludwigsburg ankommen, 20 Zentimeter nach unten steigen. Hält ein Nahverkehrszug, geht es 21 Zentimeter nach oben, um vom Zug auf den Bahnsteig zu gelangen.

Nun fordert der Bund eine einheitliche Bahnsteighöhe von 76 Zentimetern. Nicht nur Baden-Württemberg stemmt sich gegen diese strikte Forderung. „Die 76 Zentimeter stehen als Vorgabe in der Eisenbahn-Bau- und -Betriebsordnung“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn Stuttgart. „Diese 76 Zentimenter werden vom Bund gefordert, nicht von uns.“

Eine Bahnsteighöhe von 76 Zentimetern werde meist im Fernverkehr eingesetzt und genutzt. „In den 70er Jahren hat man begonnen, Bahnsteige mit einer Höhe von 76 Zentimetern zu bauen. Gerade die größeren Bahnhöfe verfügen über Bahnsteighöhen dieser Art“, sagt Matthias Lieb, Vorsitzender des Fahrgastbeirats Baden-Württemberg.

Vor nicht allzulanger Zeit wurde für den Nahverkehr, der Ländersache ist, eine Bahnsteighöhe von 55 Zentimetern festgelegt. In vielen Orten wurde viel Geld in die Sanierung der Bahnhöfe gesteckt. Um den Reisenden einen barrierefreien Zugang zu ermöglichen, wurden auch die Züge auf die 55 Zentimeter angepasst. Die Umbauten der Bahnhöfe auf die neu geforderten 76 Zentimeter würden erneut hohe Millionenbeträge verschlingen. Mit den Bahnsteigen wäre es nicht getan, auch die Züge, Treppen und Fahrstühle müssten angepasst werden. Darüber hinaus würde es während des Umbaus zu Zugausfällen kommen.

Für viele Bürger wäre dies ein Rückschritt der in vielen Fällen schon erreichten Barrierefreiheit, da diese während des Umbaus, der lange Zeit in Anspruch nehmen würde, komplett verloren ginge. Reisende müssten zum Ein- und Aussteigen also wieder eine Stufe nehmen.

In einer Pressemitteilung des Fahrgastbeirats heißt es, dass in den „letzten 20 Jahren viele Strecken und Züge auf 55 Zentimeter ausgebaut“ wurden. Auch die Nachbarländer Schweiz und Frankreich hätten 55 Zentimeter als Regelhöhe. Somit bestünde laut Fahrgastbeirat die Aufgabe darin, „linienweise einheitliche Bahnsteighöhen – auch in den Knotenbahnhöfen – sicherzustellen.“ Laut Matthias Lieb seien auch in Baden-Württemberg viele Netze auf die 55 Zentimeter angepasst worden, um „einen stufenfreien Einstieg“, zu gewährleisten: „Eine rasche Entscheidung ist erforderlich“.

„Das Ganze ist eine kontroverse Diskussion, da gerade von Länderseite andere Höhen gefordert werden“, sagt ein Sprecher der Bahn. „Wir stehen in Kontakt mit dem Bundesverkehrsministerium. Die 76 Zentimeter sind noch nicht beschlossen.“ Vermutlich werde es im Januar einen runden Tisch in Berlin geben, um das neue Bahnsteighöhenkonzept noch einmal zu besprechen.

„Unser langfristiges Ziel ist die Barrierefreiheit. Das ist eine große Aufgabe, die viel Geld kosten wird und mindestens genauso viel Zeit braucht“, sagt er. „Es wird eine Lösung geben.“