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Corona

Corona: Unter schwer Erkrankten viele Migranten

Götz Geldner, intensivmedizinischer Chefarzt am Ludwigsburger Krankenhaus, schlägt Alarm: Mehr als die Hälfte der Intensivpatienten auf den Covid-Stationen hat einen Migrationshintergrund. Die Gründe dafür sind vielfältig , hängen aber laut Geldner vor allem mit Sprachbarrieren und sozialen Ursachen zusammen. Um politischer Stimmungsmache von Rechts vorzubeugen, fordert der Arzt, das Problem offensiv anzugehen.

Menschen aus den unteren sozialen Schichten erkranken häufiger am Coronavirus und müssen häufiger auf die Intensivstation.Archivfoto: LKZ
Menschen aus den unteren sozialen Schichten erkranken häufiger am Coronavirus und müssen häufiger auf die Intensivstation. Foto: LKZ

Spätestens bei der zweiten Coronawelle wurde dem Ludwigsburger Intensivmediziner Götz Geldner, der auch Präsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten ist, eine Sache klar: Vom Coronavirus sind nicht alle Gesellschaftsschichten gleich betroffen. Hatte er in der ersten Welle noch vor allem ältere Menschen auf seinen Intensivstationen, waren es in der zweiten schon viel mehr jüngere und darunter mehr als 50 Prozent Migranten. Derzeit, in der dritten Welle, schätzt Geldner deren Anteil auf bis zu 80 Prozent. „Vor allem Türken, Griechen, Albaner, Russischstämmige und Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien.“

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„Ich habe nicht den Eindruck, dass es unter Migranten mehr Aluhüte gibt, als unter dem Rest der Bevölkerung.“


Götz Geldner; Chefarzt

Dass Menschen aus sozial schwächeren Schichten, zu denen Migranten oft gehören, durchschnittlich häufiger unter einer Corona-Erkrankung leiden, ist nicht neu. In den USA und England gibt es dazu zahlreiche Studien. In Deutschland wurde das Problem in den vergangenen Monaten meist aber nur hinter vorgehaltener Hand erwähnt. Zu groß ist hier die Angst, mit Rassismusvorwürfen oder der Unterstellung einer Stimmungsmache konfrontiert zu werden.

Dabei gibt es eine Reihe von objektiven Gründen, warum Migranten im Durchschnitt häufiger erkranken und dadurch häufiger auf einer Covid-Intensivstation landen. Mit dem kulturellen Hintergrund hat es meist nichts zu tun.

Ein Problem sieht Götz Geldner in der mangelnden medizinischen Aufklärung, deren Ursache auch Sprachbarrieren sind. „Wir haben jetzt damit begonnen, jedem entlassenen Patienten Flyer für die Verwandtschaft und Bekanntschaft mitzugeben.“ Die Flyer gibt es in unterschiedlichen Sprachen und gerade die Genesenen „sind für uns die besten Werbeträger“. In manchen Migrantengemeinschaften fehle seiner Erfahrung nach einfach das Wissen darüber, wie mit der Krankheit umzugehen ist und was zum Beispiel Quarantäne bedeutet. Umso gebildeter Menschen sind, umso besser könnten sie die Gefahren einschätzen.

Auch ausländische Ärzte sind für Professor Geldner wichtige Multiplikatoren, die noch stärker in der Aufklärung miteinbezogen werden sollten, da sie einen guten (auch sprachlichen) Zugang zu ihren Patienten mit Migrationshintergrund haben. Ein weiterer Ansatz – in einigen Landkreisen und Städten wird daran schon gearbeitet – wären gezielte Impfkampagnen in Moschee- oder Kirchengemeinden sowie in sozialen Brennpunktvierteln.

Zur mangelnden Information kommen viele soziale Komponenten hinzu. Die Diskussion darüber nimmt in Deutschland langsam Fahrt auf, erste Studien, etwa von der Universität Stuttgart, sind dazu erschienen. Demnach leben die sozial schwächeren Schichten, zu denen viele Migrantenfamilien zählen, oft in beengten Wohnverhältnissen. „Ob ich zu fünft in einer Zweizimmerwohnung oder zu zweit in einer Fünfzimmerwohnung lebe, macht einen großen Unterschied“, sagt Geldner. Im letzteren Fall lasse sich eine Quarantäne „gut abfedern“. Besser gestellte Menschen haben auch einen besseren Zugang zum Gesundheitssystem, sie achten mehr auf einen gesunden Lebensstil und gesundes Essen und können sich Lebensmittel notfalls auch liefern lassen.

Mitglieder der sozial unteren Schichten können zudem viel seltener im Homeoffice arbeiten und müssen ihr Geld stattdessen in Berufen verdienen, in denen die Ansteckungsgefahr höher ist, etwa in Bereichen der Produktion oder im Dienstleistungsgewerbe.

Dass unter Migranten überdurchschnittlich viele Menschen wären, die das Coronavirus leugnen oder nicht ernst nehmen, hat der Ludwigsburger Chefarzt dagegen nicht festgestellt. „Ich habe nicht den Eindruck, dass es unter ihnen mehr Aluhüte gibt, als unter dem Rest der Bevölkerung.“

Und einige Leichtsinnige gebe es überall. So zum Beispiel die vier jungen Männer türkischer Herkunft, die im vergangenen Jahr zusammen eine Wasserpfeife geraucht haben. Einer steckte die anderen drei an, zwei mussten ins Krankenhaus, wo es für sie um Leben und Tod ging. „Die haben richtig Glück gehabt.“

Geldner stellt klar, dass seine Diagnose nichts mit rechter Stimmungsmache oder Migranten-Bashing zu tun hat. Er will auf ein Problem hinweisen, um es zu bekämpfen und Leben zu retten. Für ihn als Arzt sei es ohnehin egal, wer vor ihm liegt: „Ich behandle alle völlig gleich.“

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