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Unterricht

Debatte um Luftfilter an Schulen geht weiter

SPD im Land fordert weitere Schritte – Bayern prescht vor – Auch in Ludwigsburg geht die Diskussion weiter – Doch noch eine Pool-Lösung?

Unterricht soll auch nach den Sommerferien in Präsenz stattfinden. Noch wird gestritten, was Luftfilter dazu beitragen können. Foto: Ditfurth/dpa
Unterricht soll auch nach den Sommerferien in Präsenz stattfinden. Noch wird gestritten, was Luftfilter dazu beitragen können. Foto: Ditfurth/dpa

Ludwigsburg. Ludwigsburg hat es abgelehnt, die Klassenzimmer mit mobilen Luftfiltern auszustatten. Einige wenige Geräte sollen in Mensen aufgestellt werden, dank eines Antrags der SPD. Zu mehr, wie die FDP einforderte, hat es nicht gereicht. Ansonsten sollen CO-Ampeln helfen, dass in den Schulen regelmäßig über die Fenster gelüftet wird – damit nicht nur frische Luft hereinkommt, sondern auch die virenbelasteten Aerosole vertrieben werden. Doch reicht das aus, um Präsenzunterricht zu sichern? Wie geht es weiter nach den Sommerferien? Droht eine vierte Welle – und damit wieder eine Schließung der Schulen?

Ludwigsburg hält sich an die Vorgaben der grün-schwarzen Landesregierung, die auf das Lüften über Fenster und das Prinzip Hoffnung setzt – dass die Schulen weiterhin offen bleiben, weil viele bis dahin geimpft sind und die Inzidenz trotz Delta-Variante niedrig bleibt. Geimpft sind bis dahin voraussichtlich nur die Lehrkräfte und ein Teil der älteren Schüler. Nicht die große Masse an Kindern und Jugendlichen.

Die Einschätzung des Landes bremst die Stadt Ludwigsburg aus. Der Knackpunkt ist, so die Ansicht des Kultusministeriums: Auch mit dem Einsatz von mobilen Luftfiltern könne ein Präsenzunterricht nicht gewährleistet werden. Das heißt: Bei einer vierten Welle müssten die Schulen schließen, ob sie mobile Luftfilter haben oder nicht. Die Formulierungen bleiben insgesamt jedoch unklar.

Gesprochen wird, so das Kultusministerium auf Nachfrage unserer Zeitung, von einem „starken Infektionsgeschehen“, das durch mobile Luftfilter nicht „sicher“ verhindert werden kann. Dabei weiß man, dass seit Corona nichts sicher ist. Gleichwohl gibt das Ministerium den Hinweis auf das Bundesumweltamt und den Expertenkreis Aerosole, die die Geräte zwar als „zusätzliche Maßnahme als sinnvoll“ einstufen, sie würden sich dennoch nicht für den generellen Einsatz aussprechen.

„Wir halten uns an die Vorgaben“, heißt es bei der Stadt. Wenn, dann müsste das Land seine Position verändern, betonen der für die Schulen zuständige Daniel Wittmann und Hochbauamtschef Mathias Weißer gegenüber unserer Zeitung. Solange dort die Ansicht vorherrsche, dass mobile Luftfilter eine Ansteckung nicht verhindern und diese bei der Beurteilung, ob Präsenzunterricht stattfinden kann oder nicht, keine Rolle spielen, lohne sich die derart hohe Investition in die Geräte nicht. „Wir würden keinerlei Erleichterungen bekommen“, sagt Wittmann. Wie berichtet hatte sich Ludwigsburg als Modellstadt angeboten, zumal es mit der Firma Mann+Hummel einen Lüftungsexperten am Ort gibt. „Sollten sich die Voraussetzungen ändern, werden wir das nochmals überlegen“, so der Leiter des Fachbereichs Hochbau.

Die hohen Kosten haben den Gemeinderat abgeschreckt. Die Stadt hat die Kosten aufgrund der Listenpreise errechnet, wie Weißer mitteilt, herausgekommen sind über sieben Millionen Euro für die Ausstattung für Kitas und Schulen (wir berichteten). „Der zusätzliche geringe Nutzen rechtfertigt nicht die hohen Kosten“, sagt Wittmann mit Verweis auf eine Studie der Uni Stuttgart. Doch das Ludwigsburger Unternehmen Mann+Hummel nennt in einer schriftlichen Anfrage gegenüber unserer Zeitung ganz andere Summen, die weniger als die Hälfte ausmachen. 1301 Zimmer in Kitas und Schulen könnten für unter drei Millionen Euro ausgestattet werden.

Ob geringere Beträge zu einer anderen Entscheidung in der Kommunalpolitik geführt hätten, bleibt offen. Wie zu hören ist, waren die deutlich niedrigeren Kosten nicht bekannt. Die SPD, die sich für den Einsatz mobiler Luftfilter in Räumen und Mensen, die schlecht belüftet werden können, eingesetzt hatte, zeigte sich verwundert über diese Zahlen. Die Fraktion wird an dem Thema dranbleiben und möchte erneut eine Pool-Lösung vorschlagen, bei der für jede Schule bis zu 30Geräte angeschafft werden, die diese selbst verwalten. „Über die Pool-Lösung ist leider nicht abgestimmt worden“, bedauert Fraktionschefin Margit Liepins. Insgesamt wären das rund 400 Geräte, anstatt der bisher beschlossenen 30 bis 40 Geräte für die Mensen, schätzt sie.

Ob die Landesregierung ihren Kurs aufrechterhalten kann, wird indes immer fraglicher. Angesichts der Gefahr durch die Delta-Variante des Coronavirus steigt der Druck auf Grün-Schwarz, die Schulen im Südwesten bis zum Herbst mit Luftfiltern auszurüsten. „Es muss jetzt jede Maßnahme ergriffen werden, um das Infektionsrisiko für unsere Kinder im Herbst zu senken“, sagte SPD-Fraktionschef Andreas Stoch. Viele Schüler seien dann noch nicht geimpft. „Deshalb braucht es Luftfilter in allen Klassenzimmern des Landes“, forderte der Ex-Kultusminister. Die Regierung dürfe sich „nicht erneut sehenden Auges in Schulschließungen hineinmanövrieren“.

Auch die FDP und Lehrerverbände haben sich für die Anschaffung von mobilen Raumluftfiltern ausgesprochen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Dario Schramm, fordern die Anschaffung von Luftfiltern für Schulen. Die Geräte könnten einen erheblichen Beitrag zur Verhinderung von Infektionen leisten, sagte Schramm. „Wir müssen jetzt alle Möglichkeiten nutzen.“

Die grüne Landesregierung gerät auch von anderer Seite unter Druck. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) prescht vor und hat das Ziel ausgerufen, dass es bis zum Herbst in allen bayerischen Klassenzimmern einen Luftreiniger geben soll. Der Freistaat will den Kommunen dafür 50 Prozent der Anschaffungskosten erstatten. Auch die Grünen-Bundestagsfraktion fordert die Ausrüstung der Klassenzimmer mit Luftfiltern, um die Schulen offen halten zu können. In Ludwigsburg kämpfen die Grünen im Gegensatz dazu dagegen an.

In anderen Bundesländern werden längst schon mobile Luftreiniger finanziell gefördert, Städte bestellen hunderteweise Geräte. Münster hat schon vergangenen November 300 mobile Luftfilter angeschafft, Köln will jetzt alle Klassenzimmer mit Luftfiltern ausstatten.

Wissenschaftler verweisen inzwischen verstärkt auf die unterstützende Wirkung von Lüftungsanlagen. Am zuverlässigsten seien fest installierte Lüftungsanlagen. Eine solche Anlage gibt es in Ludwigsburg im neu sanierten Goethe-Gymnasium und künftig auch an der Friedrich-von-Keller-Schule. „Die Luft wird automatisch abgesaugt und ausgetauscht“, erklärt Stephan Schönfelder von der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur. Der Professor für energetische und technische Systeme plädiert dafür, Infektionsschutz und Luftqualität in Klassenräumen zusammenzudenken. Nicht ganz überzeugt ist er von mobilen Luftreinigern, sofern dies die einzige Lösungsstrategie wäre. Diese filtern die Luft, ohne sie zu erneuern. Es müsse trotzdem über Fenster gelüftet werden.

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