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Decke wird zum Kino

Heile Welt im Pflegezentrum? Ein bisschen stimmt das, nimmt man die Minuten, in denen an der Decke ein Film läuft, der zeigt, wie die Natur im Frühling erblüht, wie Kinder spielen oder ein Hund bei einem Spaziergang herumspringt. Erich Hofmeister, 92 Jahre alt, findet das super.

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Ludwigsburg. An der Decke flimmert es in dem Zimmer, ein Spaziergänger geht mit seinem Hund, wohl ein Deutsch Langhaar, über eine Wiese. Freundliches Wetter, am Ufer eines Teichs patscht der Hund ins Wasser. Der Film vermittelt eine fröhliche Stimmung, versetzt den Raum in eine andere Zeit. Erich Hofmeister lässt sich den Film gerne an die Decke spielen, wo er ihn gemütlich im Bett liegend verfolgen kann. An diesem Tag, wenn die Presse vorbeikommt, bleibt er lieber auf.

In seinem Rollstuhl empfängt er den Besuch, der in die Talstraße zum Hans-Klenk-Haus kommt. Er strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, sagt zum Film, dass er auch einen Hund hatte. Eine Colli, wie man von der Tochter erfährt. Auch sie hat einen Hund, ein Foto hängt an der Wand. Erich Hofmeister schaut verschmitzt, als man ihn etwas später nach seinem Alter fragt. „Schätzen Sie mal“, sagt er herausfordernd und schaut einen hellwach an. Und man ahnt, dass er stolz darauf ist, wie fit er ist, trotz Rollstuhl. Er lässt nicht locker, und als man vorsichtig „über 80“ sagt, lächelt er. Schließlich hat er die 92 erreicht.

Er hat sich bereit erklärt, uns zusammen mit der Hausleitung die neue mediale Errungenschaft vorzustellen, die sich Qwiek.up nennt. Die Filmesequenzen, die im Awo-Pflegezentrum seit kurzem auch in einzelnen Zimmern abgespielt werden können, werden individuell auf die Interessen abgestimmt. Es geht ums Wohlbefinden, das in der Altenpflege eine immer größere Rolle spielt. Insbesondere auch dann, wenn man nicht mehr so mobil ist und die Tage im Bett verbringt oder die Demenz manches verschiebt oder vergessen macht. Menschen mit Demenz neigen, so begründet das Pflegezentrum den beruhigenden Einsatz des Geräts im Haus, zu unkontrolliertem Verhalten, zu Apathie oder Aggression. Auf Erich Hofmeister trifft das nicht zu, er scheint eher der stille Genießer zu sein.

Mit den Filmen sollen gute Erinnerungen geweckt werden, über die danach dann gern mit anderen oder Pflegekräften gesprochen wird. Biografiearbeit nennt sich das. „Viele erinnern sich an etwas, wenn sie die Filme sehen“, berichtet Alexandra Metzger, die Pflegedienstleiterin der Awo-Einrichtung. „Das sind oft ähnliche Erlebnisse, wie sie im Film gezeigt werden, es müssen nicht Aufnahmen von einem selbst sein.“

Am Sport ist Erich Hofmeister besonders interessiert. Und wie soll es anders sein: Am liebsten schaut er Fußball, weil er selbst auch gekickt hat. In der Bundesliga fiebert er mit dem Rekordmeister Bayern München mit. Die gewinnen (fast) immer. So wie er selbst vielleicht, als er noch aktiver Boxer war. Damals. Er zeigt auf einen Pokal, den er zum hundersten Kampf erhalten hat. 150 habe er aber bestritten, erzählt er. Der Amateurboxer kämpfte für 07 Ludwigsburg.

Für Fußball, da braucht er allerdings nur den Fernseher. Über das neue Gerät lässt er sich manchmal Musik einspielen, Lieder, die er kennt. Das ist auch bei anderen beliebt. Das Gerät, so Alexandra Metzger und Heimleiter Knut Hoppe, sei täglich im Einsatz und kann von Zimmer zu Zimmer wandern. Gefragt seien Filme über Tiere wie Katzen, Hühner und Hasen, auch Aufnahmen aus dem Zoo sind gefragt, besonders gern angesehen werde der Blick in die Unterwasserwelt, ins Aquarium. Alle Aufnahmen haben etwas Friedliches, nichts Aufregendes. Rasche Bildfolgen werden vermieden. Die Filme zeigen den Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es gibt Alltagsszenen zu Babys und Kindern, alte Handwerke werden gezeigt.

Wer mag, kann für Angehörige ein Video oder Bilder digital auf einem Stick mitbringen, die dann jederzeit abgespielt werden können. Dadurch kann die Welt draußen etwas hereingeholt werden. Im Hans-Klenk-Haus ist man froh, dass das mit dem Gerät alles sehr einfach geht. „Das erzeugt aus Bildern automatisch ein Video und ist sehr leicht zu bedienen“, berichten Andrea Metzger und Florian Helle vom Sozialdienst. Aus dessen Mitte kam auch die Idee, diese Neuerung anzuschaffen, die mit Unterstützung der LKZ-Spendenaktion Helferherz möglich wurde.

Gerade auch in Coronazeiten bietet das Gerät, das vor wenigen Wochen angeschafft werden konnte, wenigstens virtuell Ersatz. Sonst geht der Sozialdienst mit Bewohnern, mit denen dies möglich ist, auf den Marktplatz oder zu Stadtfesten. Corona hat dies unterbunden, auch in der Altenpflege blieb nur der Ausweg zu digitalen Angeboten. Ohne diese wäre es einsam geworden im Heim, vor allem in den Monaten des harten Lockdowns, als keine Besuche möglich waren. Man hat sich mit Smartphones und Tablets beholfen, um den Kontakt aufrechtzuerhalten. Schon damals kamen Familien auf die Idee, Videos zu übergeben, um ihrem Angehörigen Bilder aus dem Garten oder von den Kindern zu zeigen. „Jetzt können wieder Besucher ins Haus, das ist viel mehr wert“, stellt Heimleiter Hoppe fest.

Um allen Bewohnern Eindrücke aus der Stadt vermitteln zu können, wollen Mitarbeiter des Sozialdienstes, die sich insgesamt um Angebote wie Vorlesen, Gedächtnistraining bis hin zu Gymnastik und Veranstaltungen im Haus kümmern, losziehen und fotografieren. Sie wollen Bilder vom Leben in der Stadt mitbringen. Bisher hat man auch mal Bilder ausgedruckt, um etwas zeigen zu können.

Bei Erich Hofmeister erfüllen das im Moment die vielen privaten Bilder und Erinnerungsstücke an der Wand. Sie zeugen davon, was er schon von der Welt gesehen hat. Er ist gerne gereist, sagt er. Ein Teller zeigt Tunesien, er war in Thailand unterwegs, ein Bild zeigt die Chinesische Mauer. Der 92-Jährige, der einst beruflich für die Ludwigsburger Stadtverwaltung im Hauptamt tätig war, nickt. „Da sei er gewesen“, sagt er und zeigt auf den Punkt, von dem aus er die Chinesische Mauer gesehen hat. Weil er sich aber auch in Ludwigsburg zu Hause fühlt, liest er gerne. Jeden Tag nimmt er sich die Zeitung vor. Wenn sie mal nicht eintrifft, meldet er sich bei der Tochter, die die LKZ vorbeibringen muss. Ohne Zeitung geht es bei ihm nicht. Er liest sie, heißt es, von vorne bis hinten durch.

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