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Verwaltung

Dem OB schwebt eine Zukunftswerkstatt vor

Matthias Knecht über seine politischen Akzente im Rück- und Ausblick – Gegen Unzufriedenheit setzt er das Gespräch mit den Bürgern

Er bleibt: OB Matthias Knecht will die Struktur mit vier Dezernenten beibehalten. Neu dazu kommt ab 1. Mai Renate Schmetz als Erste Bürgermeisterin.
Er bleibt: OB Matthias Knecht will die Struktur mit vier Dezernenten beibehalten. Neu dazu kommt ab 1. Mai Renate Schmetz als Erste Bürgermeisterin. Foto: Andreas Dalfert

Ludwigsburg. Das Wort Werkstatt klingt nach Ärmel hochkrempeln. Nach einem „Hilf-mal-mit-dann-packen-wir-das“. Das ist von Matthias Knecht beabsichtigt. Der Oberbürgermeister möchte weg von der früheren Zukunftskonferenz hin zu einer Zukunfts- und Bürgerwerkstatt, in der, wie er sagt, nicht die Verwaltungsmitarbeiter in der Überzahl sind, sondern die nach einem Zufallsprinzip ausgewählten Menschen aus der Stadt.

Das scheint nicht ins Blaue hinein gesagt zu sein. Knecht möchte, wie er in einer Konferenzschaltung am Telefon mit der Ludwigsburger Kreiszeitung darlegt, das zügig angehen. Bislang war nur vom Gemeinderat die Rede, der sich zwei Tage einschließt und sich über die Strategien für die nächste Zeit verständigen soll. Fürs Frühjahr geplant, war dies wegen Corona nicht möglich und soll nun im kommenden Jahr nachgeholt werden. Daran anschließend will Knecht ab April oder Mai „raus in die Bürgerbeteiligung“.

Das Gespräch und der Austausch helfen, so sein Credo, auch in anderen Fragen. Denn Corona verlangt viel ab, die Unzufriedenheit in der Stadtgesellschaft steigt. Knecht berichtet von vielen Gesprächen, die er geführt hat, es gehe auch darum, dass die Menschen trotz allem wieder Mut fassen. Kein Verständnis zeigt er allerdings für diejenigen, die so tun, als ob sie sich wegen der Coronamaßnahmen komplett in ihrer Freiheit beschränkt sehen und auf die Straße gehen. „Wir leben immer noch auf einer Insel der Glückseligen, schaut man in andere Länder“, betont er.

Die Verwaltung will mehr zuhören. Dafür gibt es die Idee eines Speakers Corner, angelehnt an die Londoner Einrichtung im Hyde Park, einem Platz, an dem Bürger ihre Ansichten vortragen und mit der Kommunalpolitik oder der Verwaltung diskutieren können. Der Schillerplatz wäre dafür geeignet, findet Knecht.

Nicht immer wird es so öffentlich zugehen. Der neue OB, der auch auf nichtöffentliche Sitzungen des Gemeinderats nicht verzichtet, will Bürgergespräche auch vertraulich führen können. Das habe er in den Stadtteilen bereits praktiziert. Dieses Jahr habe er sich in Neckarweihingen und Poppenweiler umgehört, was ihm wichtig ist. Er möchte ansprechbar sein, die Sichtweisen kennenlernen.

Zu viel Politik darf es nicht sein. So glaubt er, dass das vor seiner Amtszeit entstandene Klimabündnis einen Geburtsfehler hat. Man habe „das Rad eine Stufe zu weit gedreht“, so Knecht, der mit dem Klimabündnis kein Nebenparlament möchte. Dieses Bündnis könne keine Vorgaben machen, für Beschlüsse sei der Gemeinderat zuständig. Dennoch könnten sich die Bürger einbringen mit der Aktion „Mach mit“. Bei den Aktiven im Klimabündnis hat sich nach erster Euphorie auch deshalb Enttäuschung breitgemacht. Könnte dies mit einem Klimabeirat aufgefangen werden, der die Stadt politisch begleitet? Die Idee sei für ihn neu, sagte Knecht, der dies überdenken will, andererseits aber auch nicht zu viele Gremien einrichten will.

Wo er wirklich Bedarf sieht, ist die Digitalisierung. Gerade Corona habe gezeigt, wie wichtig es ist, über Videokonferenzen und andere digitale Formate erreichbar zu sein und sich austauschen zu können. Deshalb will er die Digitalisierung in der Verwaltung vorantreiben, einen eigenen Fachbereich neu begründen. Der soll sich darum kümmern, dass interne Abläufe digitalisiert werden, dass es aber auch nach außen hin für die Bürger mehr Service gibt, wenn etwa digitale Bauakten oder Urkunden benötigt werden. Auch im Parkraummanagement soll die Digitalisierung weitergehen, ein Lieblingsprojekt des Vorgänger-OB Werner Spec.

Die Schulen habe man mit Laptops und Tablets entsprechend ausgestattet, digitales Lernen sei dort möglich, sagte er. Allerdings gebe es noch Lücken in der Breitbandversorgung. Auch an der Waldorfschule in Ludwigsburg (Anmerkung: Knechts Sohn geht in Stuttgart auf die Waldorfschule) sei man digital gut aufgestellt, er hat den Eindruck, dass es funktioniert. Gerade jetzt zeige sich, dass es seit Corona auch mehr Zusammenhalt gebe, so Knecht. Wie auch andere Eltern tausche er sich mit Nachbarn aus, an zwei Abenden der Woche beteiligt er sich persönlich, auch um das Nachbarskind, lernt mit ihnen und kocht etwas.

Trotz Corona und allen Verpflichtungen: Hat er auch Akzente setzen können? Knecht räumt ein, dass wegen Corona „mit dem Setzen von Akzenten schnell Schluss war“. Dennoch gebe es neue Akzente. So sei die Stadt im Dialog mit den Bauträgern, die wegen der starken Bautätigkeit der städtischen Tochter, der Wohnungsbau, die Stadt beklagt hatten. „Wir sind jetzt auf einer besseren Spur“, stellt der OB fest, unter dessen Vorgänger es harte Auseinandersetzungen mit den privaten Bauträgern gegeben hat. Auch die Wohnungsbau habe Zeichen setzen können, etwa mit dem Aus- und Umbau der Jägerhofkaserne und den Wohnprojekten in Grünbühl-Sonnenberg. Ein wichtiger Schritt in der Stadtentwicklung sei auch der Kauf des früheren Nestlé-Areals.

Zur Debatte um die Kitabeiträge und die Belastung der Eltern verweist Knecht auf Gastronomie und Einzelhandel, für die Corona existenzbedrohend sei. „Corona hat uns viel abverlangt“, so Knecht. Seiner Ansicht nach habe die Stadt „die Familien nicht in besonderem Maße belastet“. Die Kritik der Elternschaft an den steigenden Kitagebühren lässt er nicht gelten und folgt damit seinem Ersten Bürgermeister, der stets darauf verwiesen hat, dass die Kitas unterfinanziert seien. Dennoch gelte den Familien, die sich verstärkt um Kinder und Beruf kümmern mussten, sein höchster Respekt, sagte er.

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