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Geschichte

Der Golddukat im Taubenmist

Erwartet hatten die Helfer des Vaihinger Geschichtsvereins nur säckeweise Taubenkot und Staub. Aber zwischen zwei Steinplatten steckte ein Schatz im Dreck im Haspelturm: ein barocker Golddukat.

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Im Haspelturm wurde ein barocker Golddukat entdeckt. Fotos: privat
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Ludwigsburg. Mit Schmutzrändern rund um die Staubmaske kommt der Enzweihinger Alexander Danz ans Licht: „Ich hab da was gefunden. Aber ich glaub, es ist nichts Wertvolles.“ In der Hand hat er ein verschmutztes rundes Metallplättchen, das aussieht wie billiges Plastikspielgeld im Sandkasten.

Reinhard Wahl, der Vorsitzende der Vaihinger Gesellschaft für Stadtgeschichte, Museumsarbeit und Kultur, fängt an zu buchstabieren: „Rex wie König, Ludwig, 1693 – das Jahr des großen Stadtbrandes. Ich glaub, das Ding ist echt!“. Und Metallfachmann Uli Simecek ergänzt: „Wenn das Kupfer oder Messing wäre, wäre es längst angelaufen – das muss Gold sein!“ Die vorsichtige Reinigung und Makroaufnahmen durch Edwin Drasdow machen den Fund vollends zur Teamarbeit. Eine kurze Internetrecherche bringt schließlich Klarheit: Der Habsburger Leopold I. war seit 1658 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, seine Golddukaten also auch in Vaihingen offizielles Zahlungsmittel.

Die gefundene Münze wiegt rund 3,5 Gramm und die Qualität des Goldes hat in Fachkreisen einen guten Ruf. Münzen dieser Art erzielen bei Auktionen oft mehr als 2000 Euro. Aber an einen Verkauf denkt natürlich niemand. Die Münze soll vielmehr gleich am heutigen Montag dem rechtmäßigen Eigentümer, der Stadt Vaihingen, übergeben werden.

Das eigentliche Ziel der aktuellen Reinigungsaktion im Haspelturm sind öffentliche Führungen am Vaihinger Maientag über Pfingsten. Da soll der Turm erstmals wieder seit Jahrzehnten bequem zugänglich sein. Ein Gerüst-Treppenturm, den Mitglieder des Vereins Die Vaihinger Gesellschaft für Stadtgeschichte, Museumsarbeit und Kultur mit Unterstützung von Sponsoren errichtet haben, macht das möglich.

Zuerst aber muss der Turm von Taubenkadavern und altem Nistmaterial befreit werden. Auch zerbrochene Holzrähmchen mit Resten von Hasendraht-Gittern rufen nach Entsorgung. Am Maientag können dann Mini-Gruppen von sechs Personen mit geschulten Turmführenden die schmalen Treppen erklimmen. Zu sehen gibt es natürlich die Haspel selbst, eine handbetriebene Winde, mit der Gefangene an einem Seil ins Loch hinab gelassen und hoffentlich auch wieder lebendig herausgeholt wurden. Außerdem viele Einbauten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als der Turm dem Luftschutz diente.

Auch der Zugang in rund sieben Metern Höhe ist beeindruckend: Eine ungeheuer dicke, aber stark verwitterte Türe – mit eiserner Klappe zur Kontaktaufnahme bei geschlossener Türe. Rätsel gibt eine umlaufende Wasserablaufrinne im obersten Turmgeschoss auf: Sollte damit nur Wasser abgeleitet werden, das durch die Schließscharten drang? Oder hatte der Haspelturm ursprünglich gar kein Dach, sondern eine offene Plattform? Vermutlich wird das nie mehr zu klären sein.

Ein bisschen trittsicher müssen die Besucher schon sein, denn die oberste Holztreppe im Haspelturm ist so schmal, dass sie kaum als Stiege durchgeht. Darunter verbirgt sich in den dicken Wänden des Turms zur Grabenstraße eine steinerne Wendeltreppe.

Sie stammt aus der Bauzeit um das Jahr 1400. Dieses Datum haben dendrochronologische Untersuchungen an Eichenbalken ergeben, die vom großen Stadtbrand 1693 zwar verkohlt, aber nicht zerstört wurden. Beim Bau des Turms gehörte Vaihingen zu den reichen Städten Württembergs und konnte den imposanten Turm am Eck der Stadtbefestigung ermöglichen.

Führungen im Haspelturm gab es übrigens schon früher: In den 1920er Jahren bot der Verein für Verschönerung und Fremdenverkehr schaurig-schöne Sonnenwirtle-Führungen an, Vorderlader und Stichwaffen inklusive. Damals war man der Überzeugung, dass der Sonnenwirtle – ein in Vaihinger hingerichteter und sogar von Friedrich Schiller dichterisch verarbeiteter Verbrecher – ganz bestimmt hier im Loch gesessen habe. Tatsächlich saß er aber in einer Zelle des Kirchtor-Turms in der Nähe der Peterskirche. Das war sicher kein Zufall, denn vier Monate im unbeheizten Loch des Haspelturms wären wohl kaum zu überleben gewesen. So ist der Haspelturm heute des Sonnenwirtle-Mythos beraubt, auch wenn außen die Steintafel des Verschönerungsvereins anderes berichtet - und damit ebenfalls Teil der Geschichte geworden ist. (red)

Info: Eintrittskarten zum Turm von Pfingstsamstag bis zum Nachmaientags-Dienstag gibt es bei der Kultur- und Touristinfo der Stadt Vaihingen.