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„Die Vesperkirche lehrt Demut“

„Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander“, beobachtet Bärbel Albrecht. „Und sie verfestigt sich“, meint Pfarrerin Gisela Vogt. Wegen der Mieten. Die beiden bilden das Leitungsteam der Vesperkirche, die am Sonntag endet.

Buntes Miteinander in Kirchenbank und am Esstisch.Foto: Langjahr
Buntes Miteinander in Kirchenbank und am Esstisch. Foto: Langjahr

Ludwigsburg. Das Publikum der letzte drei Wochen, das es sich im „Restaurant Friedenkirche“ hat schmecken lassen, war in diesem Jahr wie immer bunt gemischt. Alleinerziehende mit Kindern und Familien, Wohnsitzlose und Geschäftsleute. Ganze Schulklassen mit ihren Lehrern, Gruppen von Flüchtlingen. Auffallend viele Senioren sind wieder gekommen. Nicht nur um die schmale Rente zu schonen, sondern auch um unter die Leute und ins Gespräch zu kommen. Aber da sind sie nicht alleine. Es ist das Motto der Vesperkirche, dass hier Leib und Seele satt werden sollen.

Rund 550 Essen am Tag

Schon am ersten Tag, dem 10. Februar, wurden 550 Essen ausgegeben. Sehr viel mehr geht auch nicht. Das sollte sich in der Folgezeit auch nicht wesentlich verändern. Mal ein paar Dutzend weniger oder mehr. Insgesamt werden es bis zum Sonntag rund 12.000 Essen gewesen sein. Jeden Tag ein anderes Drei-Gang-Menü: Suppe, Hauptessen (auch vegetarisch) mit Salat und Nachtisch. Fünf Euro müsste für ein Essen eigentlich verlangt werden. 1,50 Euro wird kassiert. Wer es sich leisten kann, lässt in der Suppenschüssel Papiergeld rascheln. Doch ohne Sponsoren wäre die Vesperkirche nicht finanzierbar.

Zubereitet wird das alles vom Küchenteam der Karlshöhe um Wolfgang Dick. „Die sind echt toll“, lobt Albrecht. Wenn etwas ausgeht, wird unkompliziert und schnell nachgekocht. Notfalls schwingt sich der Küchenchef selbst hinters Lenkrad vom Lotter’schen Gratis-Leihlaster und fährt den Nachschub vorbei. Auch wenn Geschirr fehlt oder wenn ein Rechaud kaputt geht, wie vor ein paar Tagen eben.

Für die Tischdekoration sorgten Blumen Kocher und Hofmeister. Ensinger spendierte über 5000 Flaschen Mineralwasser. Schütz und Kumpf noch mal so viel Saft. 900 private Kuchenspenden gingen zum Kaffee ein. 50 Kilo wurden vom Hochland-Pulver verbraucht. Mit auf den Weg gab’s frisches Obst.

Knapp 600 Helfer waren im Einsatz. Vom Tellerwäscher bis zur Sozial- und Rechtsberatung. Drei Ärzte hatten ihre ambulante Sprechstunde im Konfirmandenzimmer eingerichtet, nebenan drei Fußpflegerinnen, die Nägel schnitten und Hornhaut raspelten sowie Hühneraugen behandelten. An zwei Tagen schnitten fünf Friseurinnen der Salons Spöcker aus Ludwigsburg und Burgart aus Möglingen 70 Kunden gratis die Haare. Der Kleiderladen hatte täglich geöffnet und aus der Spielecke durften Kinder Sachen auch mit nach Hause nehmen.

„Für viele ein Geschenk“

„Drei Wochen Vesperkirche, 365 Tage dabei sein“, hatte der Kreisdiakonieverband zum Zehnjährigen ausgelobt und Spenden akquiriert. 20.000 Euro an Geld sind hereingekommen, 10.000 Euro an Sachspenden. Birgit Wollgarten schnürte bedarfsgerechte Päckchen für ältere Singles bis hin zu großen Familien. Sie ist gerührt von der Dankbarkeit, die ihr entgegengebracht wird. „Was für viele von uns so selbstverständlich ist, ist für viele ein glücksbringendes Geschenk.“ Freibadbesuche, ein Ausflug nach Tripsdrill, ein Einkaufsgutschein in einer Metzgerei. Das Geben mache Freude. „Die Vesperkirche lehrt Demut“, so Vogt.

Erstmals in der Geschichte der Vesperkirche wurden Haustiere in der Königsloge von einer Ärztin der Kleintierklinik Osweil medizinisch durchgecheckt und kostenlos geimpft. Das Benefizkonzert und der Kinoabend füllten die Kirchenbänke restlos. Auch die sozialpolitische Podiumsdiskussion mit Betroffenen war gut besucht.

Zum Abschlussgottesdienst am Sonntag wird sich ein Paar, das schon seit 24 Jahren standesamtlich getraut ist, auch den kirchlichen Segen im allgemeinen Gottesdienst geben lassen. Die beiden sind Vesperkirchengäste von Anfang an. Für sie und ihre kleine Hochzeitsgesellschaft wird sogar ein eigener Tisch reserviert. „Ganz, ganz große Ausnahme“, betont die Pfarrerin.

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