Logo

„Eigentlich suche ich hinter jedem Menschen ein Buch“

Natürlich besteht der Titel wieder aus einem Wort, das mit R beginnt. „Revanche“ heißt der fünfte Roman von Claire Beyer, der Ende 2019 erschienen ist. Wir sprachen mit der Markgröninger Schriftstellerin, die als Lyrikerin begann und mit „Rauken“ vor 20 Jahren ihr hoch gelobtes Prosadebüt feierte, über das neue Buch und ihre Arbeit als Schriftstellerin.

350_0900_25040_18_09_2019Theiss_86.jpg

Markgröningen. Sie haben Ihrem neuen Roman „Revanche“ einen Vers von Tomas Tranströmer vorangestellt: „Aber der Schreiber ist halbwegs in seinem Bild/ Und bewegt sich darin zugleich als Maulwurf und Adler.“ Das klingt nach einem erzählerischen Programm.

Claire Beyer: Ja, ich habe diese Zeile gelesen und gewusst, dass das in diesem Buch mein Programm ist. Zum einen die Draufsicht des Adlers, zum andern – als Maulwurf – das Wühlen und Grubeln in der Psyche.

„Revanche“ ist der Roman einer Revanche, die unterbleibt. Die Romanhandlung umfasst ein Jahrhundert – vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. „Revanche“ ist zugleich ein Familienroman mit Liebes- und Beziehungsgeschichten über drei Generation hinweg, eine Erzählung über die Entwicklung der Informationstechnik und ihre kulturellen und sozialen Folgen, das Buch enthält Elemente eines Wirtschaftskrimis und des Märchens sowie den Bildungsroman eines Unternehmersohns der Wirtschaftswunder-Republik, der materiell ohne Sorgen leben kann, aber mit psychischen Problemen zu kämpfen hat. Dies alles kondensiert Claire Beyer in schlanker, dichter Prosa auf schmalen 190 Seiten.

Ihre Prosa zeichnet – auch diesmal – bei aller Kunstfertigkeit eine Sprache aus, die nah am mündlichen Erzählen ist.

Schreiben ist für mich eine sehr persönliche, intensive und auch intime Angelegenheit. Ich möchte immer ganz nah an meine Figuren kommen und keine Distanz zu ihnen aufbauen. Schreiben ist auch eine suggestive Haltung, die die Leser ins Buch ziehen soll und kann. Ich komme ja von der Lyrik her, bin daher nahe an den Worten.

In der Lyrik haben Sie ein lyrisches Ich, mit der Lizenz, seine Subjektivität auszubreiten. Hier erzählen Sie – wenn auch als allwissende, auktoriale Erzählerin – über andere: den Unternehmersohn Tobias Ristow, seine Geliebte Lea, ihren Sohn Raphael…

In Erzählungen gibt es eine gewisse natürliche Distanz zu den Figuren. Aber ich leite sie ja nicht aus irgendwelchen realen Vorbildern ab, sondern habe mir sie selbst erschaffen. Deshalb bin ich beim Schreiben immer mit meinen Figuren zusammen. Sie leben neben mir, in mir, um mich, und ich vermisse sie teilweise auch. Da bleibt kein Platz für große Distanz.

Besonders sympathisch ist das Personal in „Revanche“ trotzdem nicht: Tobias, die Hauptfigur, ist gebildet, aber larmoyant, die beiden Unternehmer sind skrupellos, Lea ist kalt und egozentrisch, Raphael pubertiert…

Aber er hat eine große Sensibilität. Als er über die Kriegsgräber bei Laon geht, wird er krank und mag keine Sightseeingtour durch Paris mehr machen. Er ist die sympathischste Figur in „Revanche“. Es stimmt: Das Personal eignet sich nicht als Vorbild. Aber dass jede Generation ihre jeweils eigenen Konflikte ausfechten muss, ist ein wesentlicher Aspekt meines Romans. Ich hatte mir vorgenommen, die mediale Entwicklung der letzten 100 Jahre vom Meldereiter zum Smartphone an einer Familie zu zeigen. Es ging mir um Figuren, wie sie in den fünfziger Jahren waren und heute sind. Und mit Fritz, dem Onkel, habe ich bewusst eine geheimnisvolle Figur eingeführt.

„Revanche“ verflicht mehrere Zeiten und Handlungsstränge. Zentral für den Roman sind eine unmögliche, deutsch-französische Liebesgeschichte im Ersten Weltkrieg und die bis in die Gegenwart reichende Geschichte des Tobias Ristow. Der frühe Unfalltod seiner Mutter und der eines Freundes haben ihn traumatisiert. Ristows Beziehungen zu Frauen scheitern, beruflich spielt er im väterlichen Unternehmen eine zweitrangige Rolle. Er ergeht sich in gebildetem Müßiggang, erträumt sich einen verschwundenen Onkel als Ersatzvater. Als er versteht, dass ihn sein Vater um sein Erbe gebracht hat, will er sich mit Hilfe seines Freundes Fred rächen. Doch Fred und die Begegnung mit dem halbwüchsigen Raphael bringen ihn davon ab.

Ganz nahe an den Figuren also, und zugleich allwissend über ihnen stehen – wie haben Sie es geschafft, diese beiden gegenläufigen Bewegungen schlüssig zusammenzubringen?

Für mich ist das kein Widerspruch. Ich gehe von keinem theoretischen Standpunkt aus an ein Buch heran, mache mir kein erzählerisches Modell, anhand dessen ich mir überlegte, wie ich etwas erzählen soll. Ein Buch fängt an, in mir zu leben. Dann bin ich einerseits die, die draufsieht, andererseits die, die wirklich wühlt. Aber da konstruiere ich nichts. Ich bin eine sehr intuitive Schreiberin.

Gleichwohl montieren Sie ungeheuer präzise, Ihre Schnitte durch die Zeit sitzen exakt.

Über den Zeitrahmen habe ich mir schon einen Plan erstellt. In diese 100 Jahre seit dem Ersten Weltkrieg passten drei Generationen hinein, und ich habe mir sehr genau die technische Entwicklung vom Meldereiter zu Smartphone angesehen und darüber viel nachgedacht. Aber das fliegt dann alles wieder hinaus. Ich habe mich auch sehr genau mit dem Ersten Weltkrieg befasst – und dann das meiste wieder entfernt. Nachdem ich so viel über diesen Krieg gelesen hatte, habe ich mir gesagt, dass darüber eigentlich schon alles geschrieben wurde – auch von Leuten, die dabei waren. Wer bin ich, dass ich das dann noch einmal von meiner Warte aus schreibe? Deshalb habe ich nach langer Überlegung diese Liebesgeschichte zwischen dem deutschen Soldaten August und dem französischen Mädchen Simone erfunden. Davor sind aber erst einmal 150 Seiten in den Papierkorb geflogen.

Trotz des erzähltechnisch erheblichen Aufwands ist Ihr Erzählduktus bewusst schlicht.

Ich mache mir über meine Sätze sehr viele Gedanken. Sie sind nur scheinbar einfach, hoffe ich. Ich habe kurze Sätze einfach lieber, das kommt wahrscheinlich von der Lyrik her. Für mich ist es die zentrale Herausforderung, möglichst alles in einen kurzen Satz zu packen. Wenn man nur sagt „Ach was?“, kann das manchmal ausreichen. Mir tun die Autoren leid, die schildern und schildern – und die Leser überlesen das dann. Ich sage mir, bei mir sollte man möglichst keinen Satz überlesen, weil ich schon alles Unnötige und Wiederholende weggelassen habe, weshalb dann jeder Satz wichtig ist.

Trotzdem kann Ihr Erzählen manchmal plötzlich fast sorglos wirken, ohne Furcht vor Disparatem. Da kann neben einem wunderbar poetischen Satz unvermittelt ein Bürokratenausdruck stehen.

Das ist mir gar nicht bewusst.

Ich vermute, weil Sie ein starkes Vertrauen in Ihr Erzählen haben?

Das stimmt. Das rührt auch aus der Erfahrung, die ich in 20 Jahren als Erzählerin gemacht habe. Ich bin niemand, der unendlich lang weiterschreibt, sondern habe den Mut zu sagen: Jetzt ist es gut! So wird es veröffentlicht – nächstes Mal mache ich es notfalls besser!

Es geht mir bei der Frage nicht um Purismus oder Qualität: Gerade „Revanche“ ist ein sehr präzise konstruierter Roman, ihr Sprachbewusstsein ausgeprägt wie immer. Aber Sie haben keine Angst, auch einmal die Zügel schießen zu lassen und – in fast allen ihren Büchern – märchenhafte Elemente zu benutzen, Dinge zu erzählen, die realistischer Weise gar nicht sein können. Oder die – wie die Nachgeschichte der deutsch-französischen Kriegsliebe von August und Simone – auch eine allwissende Erzählerin nur wissen kann, wenn sie die Welt ihrer Erzählung sprengt.

Ja, das ist ein Stück weit absurd, gell. Aber ich stütze das auf eine tief in uns Menschen verwurzelte Hoffnung: Wenn meine Figuren sehen könnten, dann… Das ist vom Aufbau des Romans her eigentlich unsinnig, und trotzdem wollt ich das so haben. Da ist noch eine seltsame Geschichte. Als ich bei den Recherchen über den Ersten Weltkrieg die Landschaft um Laon besucht habe, war ich traurig, dass ich den Maler Auguste Renoir im Buch nicht verorten konnte. Er hat in dieser Gegend gewohnt, doch von ihm kommt dann nur der deutsche Vorname August in den Roman.

„Revanche“ ist ein in der deutsch-französischen Geschichte verhängnisvolles Wort. Im Roman bleibt es auf die Privatsphäre beschränkt – und die geplante Revanche des Sohnes am Vater fällt aus Vernunftgründen aus. Wie kamen Sie auf das Thema?

Revanche kann auch positiv besetzt sein: Ich revanchiere mich für eine Gefälligkeit. Diese Doppeldeutigkeit hat mich interessiert. Dieses „du hast mir geholfen, ich bin dir etwas schuldig, ich revanchiere mich“ – das kommt im Roman ja auch vor, nämlich in der Freundschaft zwischen Tobias und Fred. Das Paradoxe ist nur, dass Fred seinem Freund Tobias dann hilft, eine negative, böse Revanche vorzubereiten. In der ursprünglichen Fassung habe ich diese Revanche auch durchgezogen, da hat Tobias die Firma seines Vaters tatsächlich platt gemacht. Ich habe mir Tobias und seinen Charakter daraufhin nochmals angesehen und ihm eine Bewusstseinsveränderung, eine persönliche Entwicklung zugestanden. Wie komme ich auf meine Themen? Ich sagte schon, ein Buch muss anfangen in mir zu leben, etwas muss meine Aufmerksamkeit erregen. Mehr weiß ich dazu nicht zu sagen.

Wirtschaft und Finanzwelt spielen in ihren Büchern keine Hauptrolle, sind aber immer präsent. Inwieweit fließen Erfahrungen Ihres früheren Brotberufs als Bankkauffrau in ihr Schreiben ein?

Nur insofern, als ich Menschen aus dem Wirtschaftsleben kenne und auch Freunde habe, die Unternehmer sind. Ich greife gerne auf Dinge zurück, die ich kenne und bei denen ich weiß, wovon ich rede. Keiner lebt im luftleeren Raum, und ich muss ja wissen, wie meine Figuren ihr Geld verdienen. Die Wirtschaft bestimmt einen großer Teil unseres Lebens, den ich nicht ausblenden kann. Ich sitze doch nicht im Elfenbeinturm. Mein Turm ist aus Stein, aus hartem Stein.

Aber vom Turm aus beobachtet man. Tobias Ristow sagt einmal, er wolle Beobachter sein, Außenseiter bleiben. Ist das eine Schriftsteller-Beschreibung?

Zum Teil schon. Das ergibt sich fast automatisch. Ich suche immer einen Stoff, suche immer Geschichten. Eigentlich suche ich hinter jedem Menschen sofort ein Buch. Insofern bin ich absoluter Beobachter und Außenseiter. Ich habe als freie Autorin aufgegeben, was mich abgesichert hätte. Das kann man ja nicht unbedingt als vernünftig betrachten.

Wie und was lesen Sie? Suchen Sie beim Lesen auch „Stoffe“, handwerkliche Anregung?

Ich vergesse mich beim Lesen leicht. Ich lese gern Thomas Mann und Goethe. Und ich lese sehr, sehr gern Robert Walser. Walser lesen ist für mich eine Streicheleinheit der Seele. Und ich lese natürlich auch Zeitgenossen. Da sieht man sich selbstverständlich auch die handwerkliche Seite und die Stoffe an – wobei ich mich immer wieder vergesse, wenn ich ein gutes Buch lese. Und natürlich lese ich Lyrik.

Als Lyrikerin haben Sie ja angefangen. Schreiben Sie heute noch Gedichte?

Nur gelegentlich. Im Moment schreibe ich drei Geschichten für den Insel-Verlag. Ich habe die längste Zeit meines Lebens Gedichte geschrieben, mich erst mit 50 Jahren der Prosa zugewandt. Und ich habe noch viel zu erzählen.

Autor: