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Dokumentarfilm
Ein Busch als Offenbarung: Regisseur Volker Schlöndorff im Ludwigsburger Caligari

Eine Doku wie ein Roman: Volker Schlöndorff zeigt „Der Waldmacher“. Foto: Holm Wolschendorf
Eine Doku wie ein Roman: Volker Schlöndorff zeigt „Der Waldmacher“. Foto: Holm Wolschendorf
Der oscarprämierte Regisseur Volker Schlöndorff stellt im Caligari seinen neuen Dokumentarfilm „Der Waldmacher“ vor. Dabei geht es um eine alte Baumschnitttechnik, die verödete, ausgelaugte Landschaften wiederbegrünt.

Ludwigsburg. Das Caligari-Kino ist ausverkauft, und das am 1. Mai. Premiere feiert aber keine neue Film-Fiktion im großen Stil – obwohl der international renommierte und Oscar-ausgezeichnete Filmregisseur Volker Schlöndorff höchstpersönlich angereist ist. „Der Waldmacher“ heißt Schlöndorffs neuestes Projekt, und gewidmet hat er diesen ersten Dokumentarfilm in seiner mittlerweile 50-jährigen Filmkarriere dem Lebenswerk von Tony Rinaudo. Der australische Agrarwissenschaftler gewann 2018 den Alternativen Nobelpreis: Er praktiziert und verbreitet seit Jahrzehnten zusammen mit afrikanischen Bauern eine alte Baumschnitttechnik, die vormals verödete, ausgelaugte Landschaften auf einmalige Weise wiederbegrünt – und das in mittlerweile 23 Ländern des afrikanischen Kontinents.

Zufällig habe er Tony Rinaudo kennengelernt, erzählt Volker Schlöndorff im Gespräch mit Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms, das die Reihe „Dok Premiere“ regelmäßig veranstaltet. Er sei bereits nach wenigen Minuten fasziniert gewesen von Rinaudo und dessen Arbeit: „Ich fragte ihn also spontan, ob ich einen Film über ihn drehen könnte, und er schlug sofort ein.“ Nur sechs Wochen später trafen sie sich in Mali wieder, und Volker Schlöndorff hatte seine kleine Digitalkamera im Gepäck. Rund vier Jahre Arbeit später, inklusive anderthalb Jahren Verzögerung durch den Pandemie-Lockdown, präsentiert der vor allem durch Literaturverfilmungen wie „Die Blechtrommel“ berühmt gewordene Schlöndorff jetzt seinen Doku-Erstling, den er selbst als „Film-Essay“ bezeichnet.

Gegen die Ausbreitung der Wüsten

Dabei kommt der knapp anderthalbstündige Dokumentarfilm im Aufbau eher einem Roman ähnelnd daher – mit Prolog, mehreren Kapiteln mit Überschriften wie „Die Armutsfalle“ und einem Epilog. Dazwischen eingestreut finden sich Kurzfilme anderer Regisseure, die spotlichtartig Facetten des bäuerlichen Lebens in Afrika beleuchten wie die Vorteile des Hirse- gegenüber dem Maisanbau oder die harte Arbeit von Köhlerinnen.

Schlöndorff agiert in seinem Film sowohl als kommentierender Erzähler als auch Interviewer Rinaudos. In erster Linie ist Schlöndorff jedoch ein angenehm unsichtbarer, beobachtender Begleiter bei Tony Rinaudos hochspannender Wiederbereisung Afrikas, 40 Jahre, nachdem der Australier als junger Wissenschaftler 1981 erstmals in den Niger kam. Damals wollte Rinaudo gegen die Ausbreitung der Wüsten und den Hunger der Menschen ankämpfen, zunächst scheinbar erfolglos mit dem Anpflanzen neuer Bäume. Als er schon beinahe aufgegeben hatte, offenbarte sich ihm mit einem unscheinbaren Busch am Straßenrand die entscheidende Kehrtwende: Er erkannte, dass es sich bei dem vermeintlichen Busch um einen Baum mit weitverzweigtem Wurzelnetzwerk unter der Erde handelte – und dass es Millionen solcher Bäume gab, denen es nur an der richtigen Schneidetechnik mangelte, um zu wachsen. Der Rest ist schnell erzählt, auch wenn Rinaudo dazu einen jahrzehntelangen Atem brauchte: Er rekultivierte die traditionelle, simple Methode des Baumschnitts und zeigte sie den Bauern vor Ort.

Herzlich-ehrlicher Austausch

Jetzt, vierzig Jahre später, trifft Rinaudo zusammen mit Schlöndorff viele Dorfbewohner und Dorfälteste von früher wieder. Längst geben sie die Schneidemethode, durch die sich Bäume und Böden nach und nach erholen, untereinander weiter. Die berührenden Wiederbegegnungen von Rinaudo und „seinen“ Bauern zeigen zugleich sein wohl größtes Talent, weisen auf das Geheimnis seines Erfolgs: Es ist sein herzlich-ehrlicher Austausch, der nicht belehrend und von oben herab, sondern stets auf Augenhöhe mit den Bauern und Dorfbewohnern stattfindet. „Hilfe zur Selbsthilfe“ nennt Rinaudo das im filmischen Epilog – und seine Geheimrezeptur – die des Baumschneidens wie die der freundschaftlichen Kommunikation – gibt ihm längst recht. Und hier schließt sich denn auch der Kreis zu Volker Schlöndorff und seiner recht freien essayistischen Form, die er für „Der Waldmacher“ gewählt hat: „Ich wollte mein Publikum eben nicht über Afrika belehren.“