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Beschwerlicher Weg nach oben: In luftiger Höhe spielen die Musiker auf, dafür sind sie weithin zu hören.Fotos: Andreas Becker
Beschwerlicher Weg nach oben: In luftiger Höhe spielen die Musiker auf, dafür sind sie weithin zu hören. Fotos: Andreas Beck

Ein kleines Stück Posaunenhimmel

Ganz seltener Moment: Die Turmbläser musizieren zum 300-jährigen Bestehen ihrer Zunft gleich auf beiden Kirchtürmen der Stadtkirche

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Foto: Andreas Becker
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Beschwerlicher Weg nach oben: In luftiger Höhe spielen die Musiker auf, dafür sind sie weithin zu hören. Fotos: Andreas Becker
Beschwerlicher Weg nach oben: In luftiger Höhe spielen die Musiker auf, dafür sind sie weithin zu hören. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Es sind genau 123 Stufen, die Werner Wisniewski am Samstagvormittag bewältigen muss. Er steigt den Südturm der Stadtkirche hinauf, so wie jeden Samstag. Wisniewski ist einer der Ludwigsburger Turmbläser: Gemeinsam mit Kollegen vom CVJM-Posaunenchor musiziert er seit 1983 jeden Samstag und jeden Sonntag auf dem Dach des evangelischen Gotteshauses.

In diesem Jahr steht ein Jubiläum auf dem Programm. Denn es war just vor 300 Jahren, als Herzog Eberhard Ludwig den Hofmusikus Kastenbauer offiziell zum Stadtzinkenisten bestellte, auf dass dieser vom Turm der damals noch im Bau befindlichen Stadtkirche die Stadtgesellschaft aus luftiger Position mit wohlgefälligen Klängen unterhalte.

Bei einer Zinke handelt es sich um ein historisches Blasinstrument, das aus Holz gefertigt wurde und besonders im frühen 17. Jahrhundert weit verbreitet war. „Damals konnten sich nur die Adligen eine Trompete leisten“, weiß Wisniewski. Die Zinke dagegen war auch für die breite Bevölkerung erschwinglich –vermutlich musste der Herzog am Instrument sparen, um seinen kostspieligen Hofstaat zu finanzieren.

Anlässlich des Jubiläums wagen die Turmbläser ein Experiment. An diesem Samstag wird nicht nur auf dem Südturm, sondern auch auf dem Nordturm geblasen. Im doppelten Duett: Trompeter Wisniewski und Posaunistin Gudrun Arnsdorf erklimmen den Südturm, Regina Funda (Trompete) und Hans Knörr (Posaune) kraxeln den Nordturm hinauf. Die Kollegen im Norden haben es deutlich schwerer, denn dort wird das enge Treppenhaus immer wieder von Stahlträgern versperrt. „Das oberste Treppenstück hat kein Geländer“, erzählt Regina Funda. „Aber wir wissen uns zu helfen: Einer klettert vor, der andere reicht Taschen und Instrumente unter den Stangen durch.“

Beschwerlicher Weg, aber traumhafter Blick

Der Weg hinauf ist beschwerlich. Doch die Turmbläser werden entschädigt: Oben angekommen, bietet sich von der schmalen, komplett um die Turmmauer laufenden Plattform ein traumhafter Blick aus der Vogelperspektive. In 26 Metern Höhe entfaltet sich das barocke Stadtpanorama in voller Pracht. Der Blick reicht weit über die Stadtgrenzen bis zum Hohenasperg und zum Stuttgarter Fernsehturm – bei frühlingshaften Temperaturen: In der Mittagszeit ist es so warm, dass nicht wenige Passanten auf dem Marktplatz im T-Shirt unterwegs sind.

Die vier Musiker genießen ihr kleines Stück vom Posaunenhimmel, sind aber auch ein bisschen nervös. Schließlich will das räumlich getrennte Quartett die Innenstadt im perfekten Gleichklang beschallen. „Das wird lustig, wenn man sich nicht hört“, sagt Arnsdorf, während sie sich mit Wisniewski in der ehemaligen Wohnung des Turmwächters im Südturm warmspielt. „Eigentlich brauche ich 20 bis 30 Minuten, bis sich die Muskulatur lockert“, meint sie. „Aber so viel Zeit habe ich heute nicht.“ Derweil haben sich die Kollegen auf dem Nordturm bereits in Stellung gebracht. Auf dem Mobiltelefon werden noch ein letztes Mal Programm und Pausen abgesprochen, dann geht’s los. Die Musiker haben sich darauf verständigt, das erste Stück in Richtung Westen zu schmettern. Danach geht es einmal um den Turm herum, es folgen drei weitere Lieder in Richtung Marktplatz.

Der Einsatz erfolgt nach altbewährtem Muster: Zur Mittagsstunde schlagen die Glocken der Stadtkirche zwölf Mal, danach setzt das fünfminütige „Sturmgeläut“ ein. Im Kirchturm ist der Lärm ohrenbetäubend. Als die Glocken verstummen, übernehmen die Turmbläser mit melodischeren Klängen. Wie immer spielen die Musiker eine Mischung aus kirchlichen Liedern und Chorälen, klassischen Stücken sowie traditionellen Volksliedern. „Wir haben ein Repertoire aus drei Büchern, da findet sich immer wieder neues Material“, sagt Wisniewski.

Die Turmbläser meistern ihr Jubiläumskonzert spielend. Auch das Publikum am Boden ist begeistert, am Marktplatzbrunnen lauscht eine Traube von Musikliebhabern andächtig. „Wir haben unseren Fan-Club mitgebracht“, wiegelt Wisniewski scherzhaft ab. Das mag stimmen. Offensichtlich werden aber auch vorbeieilende Passanten auf das Spektakel aufmerksam und versuchen, den Ursprung der Blechbläser ausfindig zu machen. Wer fündig wird, deutet mit einer Armbewegung in die Höhe.

Dankbarer Applaus für den Auftritt

„Es war schon gewöhnungsbedüftig. Ab und zu ist ein bisschen was auseinandergegangen“, zeigt sich Wisniewski nach dem improvisierten Jubiläum selbstkritisch. Die Zuhörer auf dem Marktplatz aber haben solch leichte Disharmonien wohl gar nicht bemerkt, jedenfalls wird der Auftritt mit dankbarem Applaus quittiert.

Warum klettern die Turmbläser jedes Wochenende auf den Kirchturm? Immerhin kommt schon der November nicht immer frühlingshaft, sondern nicht selten auch mit eisiger Kälte daher. Bei starkem Wind sei das Musizieren mitunter nicht ganz einfach, räumt Arnsdorf ein. „Je größer der Schalltrichter, umso schwieriger ist es, das Instrument festzuhalten. Dummerweise bin ich von der Trompete auf die Posaune umgestiegen, jetzt hab‘ ich den Salat.“

Die allwöchentlichen Gastspiele finden nicht selten unter schwierigen Bedingungen statt, sind aber längst zum festen Bestandteil des Alltags geworden. „Für mich gehört das einfach zum Wochenende dazu“, sagt Trompeterin Funda. „Als wir im Frühjahr wegen des Lockdowns zwei Monate lang nicht spielen konnten, habe ich erst so richtig gemerkt, was da fehlt.“

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