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Wohnen
Ein Ludwigsburger Quartier – fürs Gemeinschaftsgefühl

Blick auf das Baywa-Areal an der Schönbeinstraße, im Vordergrund die Gewerbebauten. Foto: Holm Wolschendorf
Blick auf das Baywa-Areal an der Schönbeinstraße, im Vordergrund die Gewerbebauten. Foto: Holm Wolschendorf
Wie der alte Siloturm auf dem Baywa-Areal spektakulär gesprengt wurde – daran erinnern sich sicherlich viele. Anwohner fürchteten damals um ihre Häuser. Fünf Jahre ist das nun her, seither hat sich ein eigenes Wohnquartier in der Weststadt entwickelt. Wie lebt es sich dort? Unsere Zeitung schaute sich vor Ort um.

Ludwigsburg. Kinderlachen in einem Garten. Zwei Schaukeln hängen am Balkon über der Erdgeschosswohnung. Die Frau, aus Pattonville in die Ludwigsburger Weststadt gezogen, freut sich mit den Kindern. Und hält den Sonnenschirm fest, den der Wind wegblasen will. Ja, sie fühlen sich sehr wohl in dem Quartier an der Schönbeinstraße. Es gibt nette Kontakte zu den Nachbarn, auch das Grün rund um die Häuser gefällt.

Etwas weiter bestätigt das eine Nachbarin. Dass es auch einen Gemeinschaftsraum gibt, der allen zugänglich ist, sei begrüßenswert. Allein dem Spielplatz am Rande des Quartiers, das aus fünf Wohnblocks mit 113 Wohnungen besteht, fehle es an Schatten. Da prallt im Sommer die Sonne auf Sandkasten und Spielgeräte. „Ich muss auf den Zug“, ruft ein junger Mann einem zu, lobt aber das Konzept der Wohnanlage. Es wohnten viele junge Familien hier, erzählt er, man kenne sich und treffe sich untereinander. Besonders freut er sich, dass dieser Tage endlich am Vorplatz beim Hochhaus, der sich im Sommer aufheizt, der lange versprochene Rasen verlegt wurde.

Noch vor wenigen Jahren sah es auf diesem Gelände ganz anders aus. Lange Zeit lag das Areal brach, das Baywa (die bayerische Genossenschaft) von der WLZ (Württembergische landwirtschaftliche Zentralgenossenschaft) übernommen hatte. Früher wurden hier landwirtschaftliche Produkte gelagert. Dann kam Kleingewerbe, ein Reifenhändler. Seit 2012 gehört es dem Bauunternehmen Strenger. Stadt und Unternehmen fanden einen Kompromiss, Wohnen und Gewerbe sollte möglich sein, auch Sozial- und Mietwohnungen mussten integriert werden. Ein Architektenwettbewerb folgte. Gebaut wurden dann fünf große Wohngebäude, eines davon als zehnstöckiger Wohnturm.

Dass das Wohnquartier, das von Firma Strenger daraufhin entwickelt wurde, auf Zusatzangebote setzt, wird bei den Bewohnern positiv registriert. „Ich nutze gern das Fitnessstudio“, berichtet eine Frau, die das Angebot schon öfters genutzt hat. Dass es auch Fahrräder zum Ausleihen für die Bewohner gibt, hat sie wie auch andere bislang noch nicht bemerkt. Sie fährt meist mit dem Auto zur Arbeit. Auch dass es eine Testphase mit vier Carsharing-Fahrzeugen gegeben hat, ist wenigen bekannt.

Erdbeeren, Minze und Salbei zum selber ernten

Gut angenommen werden, so Andreas Wohlmann von Firma Strenger bei einem Rundgang, die E-Ladestationen. Auch für das Urban Gardening haben sich Interessenten gefunden, berichtet er. Die Bewohner kümmern sich um die Hochbeete. Erdbeeren, Minze und Salbei wachsen dort prächtig. In einem Wohnprojekt in Sindelfingen sollen jetzt Schrebergärten integriert werden, in Sachsenheim wird es auch E-Lastenräder geben.

Das Bauunternehmen versucht, solchen Wohngebieten mit Zusatzangeboten ein eigenes Gemeinschaftsgefühl zu geben. Das Wohnviertel ist einheitlich gestaltet, entstanden ist ein Mix aus Miet- und Eigentumswohnungen, auch 17 Sozialwohnungen sind darunter, die durchschnittlich für 10,89 Euro pro Quadratmeter vermietet werden. Als Besonderheit hat Strenger auch Mikroappartements integriert: Es sind Einzimmer-Wohnungen, in denen nicht nur das Bett, sondern auch die Küche zum Ausklappen ist. Sie verbirgt sich hinter einem Schrank; öffnet man die Tür, ist der Herd bereit fürs Kochen. Pendler haben sich das zugelegt, auch Firmen haben solche Appartements für Mitarbeiter gekauft, die zeitweise in Ludwigsburg arbeiten.

So unterschiedlich die Wohnverhältnisse sind, die Bewohner scheinen gut damit zurechtzukommen. Auch was das angrenzende Gewerbe angeht. Der Mix setzt sich auch jenseits der Schönbeinstraße fort, wo Strenger für Dienstleister und Gewerbe gebaut hat. Die Gewerbebauten nehmen architektonisch Bezug auf die Wohnbauten, ein Innenhof ist fast schon luxuriös grün und großzügig gestaltet. Ringsum reihen sich im Gebäude Büros und Dienstleister.

„Das passt, wir merken davon wenig“, sagt eine Bewohnerin in dem neuen Quartier zu den Gewerbeflächen. Wohnen und Gewerbe so dicht beieinander störe in diesem Fall nicht. Das Wohngebiet ist klar davon abgegrenzt. Allein was in der Industriehalle sein wird, wo hin und wieder Lastwagen vorfahren, ist ihnen noch ein Rätsel. Auch in diesem Moment fährt ein Lastzug ab.

Nachbarn sind von der Bebauung weniger begeistert

An der Schönbeinstraße gegenüber dem Wohnprojekt stehen Häuser mit Satteldächern und Gartentürchen. Die neuen Bauten lösen bei ihnen keine Begeisterung aus. „Früher war es ruhiger hier“, sagt ein Anwohner, der auf laute Kinder und die vielen Autos in der Straße verweist. „Wenn Feierabend bei den Betrieben war, dann war es hier still.“ Wenigstens sei, sagt er, die Zufahrt zur Tiefgarage anders als zunächst geplant abgerückt. Ein Aspekt, den die Nachbarin weniger toll findet, weil diese jetzt bei ihr ist. Wenn sie da hinüber, sieht sie Asphalt und Beton. Trostlos, findet sie das. Da hätte auch etwas Grün gut getan, sagt sie.

Mit den Wohnblocks haben sich die Nachbarn abgefunden, schön seien die grauen Blocks allerdings nicht. An trüben Tagen wirke das bedrückend. Sie würden sich zudem wünschen, dass das Licht im Quartier, für das eigens Lichtdesigner beauftragt worden sind, gedimmt wird. Es brenne die ganze Nacht durch. „Das ist einfach zu hell“, so die Nachbarn.

Was war bisher?

2007: Baywa zieht weg von Ludwigsburg nach Freiberg.

2008: Die Stadt lässt ein erstes Gutachten zur weiteren Nutzung erstellen. Gewerbe und Wohnen ist denkbar.

2009: Das brachliegende Gelände will Baywa vermieten an Firmen und eine Glaubensgemeinschaft. Später wird eine Wohnbebauung angepeilt.

2010: Der Gemeinderat will das Gelände als reines Gewerbegebiet erhalten.

2012: Das Unternehmen Strenger kauft das Baywa-Gelände. Eine Wohnbebauung wird vorerst abgelehnt.

2016: Die Stadt verlangt einen Wettbewerb, das Unternehmen beauftragt fünf Architekten. Der Bauausschuss lobt die städtebauliche Lösung.

2016/2017: Es beginnen die Abbrucharbeiten, 2017 wird der Siloturm gesprengt. Noch gibt es Differenzen mit der Stadt wegen der Erschließung des Geländes.

2018/2019: Die Bauarbeiten gehen voran, 2019 können die Wohnungen bezogen werden. 2021 sind die Gewerbebauten fertig. (hpj)