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Schulen

„Ein Sprung ins kalte Wasser“

Das Lernen zu Hause: So manches funktioniert, aber nicht jeder Schüler hat die gleichen Voraussetzungen

Lernen mit dem Tablet oder PC: Da wird gerade jede Menge Erfahrung gesammelt. Foto: Irina Belcikova/ stock.adobe.com
Lernen mit dem Tablet oder PC: Da wird gerade jede Menge Erfahrung gesammelt. Foto: Irina Belcikova/ stock.adobe.com

Vor fast drei Wochen haben die Schulen im Südwesten geschlossen. Seither müssen sich auch die Schüler und Lehrer in Ludwigsburg mit den Hürden des digitalen Unterrichts auseinandersetzen. Anfangs streikte die Lernplattform Moodle, bei Videokonferenzen blieben teils Schüler außen vor, weil sie sich selbst mit Tablet nicht einwählen konnten. Manche behalfen sich mit Handy, um wenigstens an die Daten zu kommen. Die digitale Umstellung, so rasch sie auf die Familien zukam, hat enorme Anforderungen an die technische Ausstattung gestellt. Nicht jede Familie, in der zudem Homeoffice angesagt war, hat PC und Tablets gleich mehrfach.

Inzwischen hat sich der Unterricht normalisiert, wie aus Familien zu hören ist, zumindest die höheren Klassen und Oberstufenschüler arbeiten täglich zu Hause am Schreibtisch, und das nicht wenig. Mathe, Physik, Englisch, Biologie – da kommen die Aufgaben zuhauf, auch neuen Stoff müssen sich die Schüler aneignen. Nicht immer reicht der Blick aufs Tablet. Gerade schwierige Lehrinhalte benötigen einen Ausdruck, weshalb auch hier die Eltern gefordert sind. Vom Handy mal schnell fünf Seiten ausdrucken? Das geht nur, wenn man einen Drucker hat, der kabellos Aufträge entgegennimmt. Da heißt es umrüsten.

Dabei werden die Schüler von den Lehrern sehr unterschiedlich versorgt, wie Familien berichten. Viele Lehrer nehmen es genau und lassen sich zur Kontrolle die Lösungen und Aufgaben zusenden, vereinzelt gibt es aber auch Lehrer, die gleich für zwei Wochen eine Aufgabe stellen und sich dann nicht mehr melden. So fallen manche Schüler in Corona-Zeiten durchs Raster, und wohl auch mancher Lehrer.

Durchs Raster fallen in diesen Zeiten auch alle Schüler, die keine digitale Ausrüstung haben und in sozial schwachen Familien auch nicht aufrüsten können. Und nicht immer sind die Eltern in der Lage, mal kurz mit der nötigen Unterstützung bei Mathe oder Biologie auszuhelfen.

Wichtig für viele Familien: Ein Wochenplan mit festen Zeiten für Homeoffice, Lernen, Freizeit hilft, Struktur zu geben und Stress zu vermeiden. Es wird teils von den Schulen auch mit der Minimallösung versucht. Die Aufgaben kommen per Whatsapp über die Klassensprecher und werden ins Heft übertragen, die Arbeitsblätter kommen per E-Mail, des Ausdruckens wegen. Was sonst noch digital geleistet werden kann, scheitert manchmal aber auch an den Umständen. So gibt es Schulbuchverlage, die den Kindern online Zugang etwa zum Deutschbuch geben – bis irgendwann die Meldung der verzweifelten Lehrerin an ihre Schüler kommt: „Die Seite ist völlig überlastet, ich bekomme keine Antwort auf E-Mails oder Anrufe.“ Die Lösung: Sie stellt die Aufgaben selbst, stellt den Lernstoff zur Verfügung. Durch das digitale Lernen verschieben sich auch die Machtverhältnisse respektive die Hierarchie. Manche Lehrer schicken die Lösungen gleich mit, was in analogen Zeiten völlig unmöglich gewesen wäre. Eigenverantwortliches Arbeiten der Schüler nimmt zu, auch eine Perspektive für die Zukunft.

Eltern, die Bedenken haben, können die Lösungen auch kassieren, für das spätere gemeinsame Lernen. Denn es hilft, wenn Eltern die Aufgabe des Lehrers übernehmen – als Manager, die Zeit, Umfang und Arbeitsweise bestimmen, die Zuversicht und Ruhe verbreiten, die Grenzen setzen. Digitales Lernen fordert die ganze Familie stark, wird aber von manchen auch als Chance gesehen für autarkes Lernen. Positiv bewertet wächst in Zeiten der Coronakrise und Schulschließungen in Familien auch die Erkenntnis: Wir sind selbst verantwortlich. Das mag ein Weg sein, nach Corona anders mit Schule umzugehen.

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