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Schlossfestspiele

Einstürzende Neubauten in der Ludwigsburger MHP-Arena: Ein höchst charismatisches Orakel

Die Ludwigsburg-Premiere der Einstürzenden Neubauten bei den Schlossfestspielen begeistert rund 1000 Fans in der MHP-Arena. Das Risiko, etwas pathetisch zu wirken, nimmt Frontmann Blixa Bargeld in Kauf – nicht immer komplett gelassen, wie mitunter auch der Umgang mit dem Publikum zeigt.

Poetisch versiert: Neubauten-Frontmann Blixa Bargeld in der MHP-Arena. Foto: Andreas Becker
Poetisch versiert: Neubauten-Frontmann Blixa Bargeld in der MHP-Arena. Foto: Andreas Becker
Die Einstürzenden Neubauten in der MHP-Arena. Foto: Andreas Becker
Die Einstürzenden Neubauten in der MHP-Arena. Foto: Andreas Becker
Die Einstürzenden Neubauten in der MHP-Arena. Foto: Andreas Becker
Die Einstürzenden Neubauten in der MHP-Arena. Foto: Andreas Becker
Die Einstürzenden Neubauten in der MHP-Arena. Foto: Andreas Becker
Die Einstürzenden Neubauten in der MHP-Arena. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Wie ein bleiches Orakel steht Blixa Bargeld auf der Bühne der MHP-Arena, eine große, massige Gestalt mit langem Haar im dunklen Anzug. Die tausendköpfige Menge lauscht andächtig seinen Worten: „Ein Fluss mit fünf, sechs Inseln / Eine ist schon festgewachsen / Sperrt ihren Rachen auf“ – willkommen in den lyrischen Labyrinthen des 1959 in West-Berlin als Hans-Christian Emmerich geborenen Sängers. „Eine Wolke mit kleinen Augen / Hat sich abgelöst / Erdreste hängen ihr noch an.“ Und nach dem Refrain: „Am anderen Ende / Ein verkürztes Krokodil / Eine Plasmazelle ohne Zellkern.“ Diese kryptischen Zeilen aus „Alles in Allem“, dem Titelstück ihres aktuellen Albums, das die Einstürzenden Neubauten auf dieser nachgeholten Tournee zum 40-jährigen Bandjubiläum komplett spielen, geben ein gutes Beispiel der poetischen Disposition des charismatischen 63-jährigen Frontmanns dieser 1980 in Westberlin gegründeten Industrial-Legende. Er lässt wenig Zweifel daran, dass sich seine Texte längst als Literatur verstehen.

Während die Neubauten – live ein Sextett: Neben den Gründungsmitgliedern Bargeld und Percussion-Klangtüftler N. U. Unruh (bürgerlich: Andrew Chudy) sowie dem bereits 1980 zur Band gestoßenen Alexander Hacke (Bass), Jochen Arbeit (Gitarre) und Rudolf Moser (Percussion) hat Felix Gebhard (Keyboards) um Punkt neun seinen Platz auf der neutralweiß ausgeleuchteten Bühne Position bezogen – mit „Wedding“ und „Möbliertes Lied“ in ihr Set einsteigen und Bargeld seine Beschwörungen, in denen sich Räume und Zeiten überschneiden, ins Rund der Arena raunt, fragt man sich insgeheim und unwillkürlich, ob Marbach den Vorlass bereits als Desiderat ins Auge gefasst, ob ein Stockholmer Komitee den Namen Rainer Maria – Pardon! – Blixa Bargeld bereits auf einer Liste notiert hat.

Klingende Funken aus dem Schutt der Zivilisation

Hinsichtlich der spröden Performanz, die immer noch ganz in der sarkastisch-sardonischen Tradition der Achtziger steht, befindet man sich bei diesem Auftritt gefühlt näher am Raum der Bildenden Kunst als in dem eines Popkonzerts. Für „Nagorny Karabach“ vom Vorgängeralbum „Alles wieder offen“ (2007) wird eine blaue Chemieabfalltonne in den Vordergrund gerückt, Moser kommt hinter seiner Altmetall-Instrumentenburg hervor und begleitet Bargelds Lyrics zunächst auf einer Art Stahlblechscheibenrotator, den er mit Metallbesen abnimmt, dann mit Hölzern auf der Tonne. Der Gebrauch selbst gebauter Instrumente, das spezifische Merkmal der Einstürzenden Neubauten, zielte Anfang der Achtziger nicht auf schnödes neoliberales „Upcycling“, sondern darauf, aus dem Schutt der Zivilisation selbst klingende Funken zu schlagen, um die Verhältnisse unmittelbar zu dekonstruieren. Dieser radikale Gestus der frühen Neubauten liegt nunmehr in sublimierterer Form vor.

Mit „Die Befindlichkeit des Landes“ nimmt der von den Ludwigsburger Schlossfestspielen bereits vor zwei Jahren geplante Abend etwas Fahrt auf, mit „Sonnenbarke“ folgt aber sogleich die nächste Industrial-Ballade. Musikalisch geht es meist um die Verdichtung einer minimalistisch-hypnotischen Figur, manches wie „How Did I Die?“ klingt mit Keyboardstreichern gar ein wenig nach symphonischem Bombast.

Eindruck des Saturierten lässt sich nicht ganz abstreifen

Das Risiko, bei alldem etwas pathetisch zu wirken, nimmt Bargeld jedenfalls in Kauf. Nicht immer komplett gelassen allerdings: „Du gehst uns schrecklich auf die Nerven! Setz’ dich doch irgendwo an den Rand, wo wir dich nicht sehen müssen!“, pflaumt Bargeld einen tanzenden und pfeifenden Zuschauer in der ersten Reihe an. In „Grazer Damm“ spielt Moser auf den Gitterstäben eines Einkaufswagens, die letzte Zeile von „Am Landwehrkanal“ endet in Harmoniegesang. Mit fünf Zugaben verabschieden sich die Neubauten nach eindreiviertel Stunden.

Ein Grund, warum dieser zweifellos beeindruckende Auftritt den Eindruck des Saturierten dennoch nicht ganz abstreifen kann, ist der direkte Vergleich zur Stuttgarter Band Die Nerven, die den Abend in der MHP-Arena eröffneten. Ebenfalls ein Ludwigsburg-Debüt, ist die musikalische Wucht und Energie dieser Trioperformance schlichtweg überwältigend: Max Rieger (Gesang, Gitarre), Julian Knoth (Gesang, Bass) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) wollen nicht einfach nur spielen, vielmehr fallen sie über ihre Songs her. Überlegener Punkrock, der seine Geschichte kennt – von den Cramps über Black Flag und Sonic Youth bis zu den Melvins – und doch in der Eskalation, in der Überbietung der Elemente, einen eigenen, distinkten Weg beschreitet. In dieser Konstellation exklusiv in Ludwigsburg zu erleben – ein echter Coup von Schlossfestspiel-Intendant Jochen Sandig.

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