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Musik
„Es ist ein Riesenangriff auf das Singen“

Siegfried Bauer am E-Klavier bei der allabendlichen Singrunde mit den Nachbarn.Foto: Holm Wolschendorf
Siegfried Bauer am E-Klavier bei der allabendlichen Singrunde mit den Nachbarn.Foto: Holm Wolschendorf
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Das Coronavirus hat gemeinsames Singen in ein schlechtes Licht gerückt. Dagegen kämpft Siegfried Bauer an. Abend für Abend. „Singen ist ein Lebensmittel“, sagt Bauer und legt voller Inbrunst gleich selbst los: „Co-ro-na, Co-ro-na, Co-ro-na...“

Ludwigsburg. „Das darf nicht wahr sein“, war der erste Gedanke von Siegfried Bauer, als er hörte, dass im Gottesdienst nicht mehr gesungen werden darf. „Singen gehört zum Gottesdienst“, sagt Bauer (75), der bis 2009 der Landeskirchenmusikdirektor der evangelischen Kirche in Württemberg war.

Musik und vor allem auch Singen, das ist das Leben von Siegfried Bauer. Seit Jahren engagiert er sich in der Stadt und darüber hinaus für die Musik das gemeinsame Singen. Unter anderem leitet er seit 2010 die Projekte „Sing mit!“, mit jährlichem Advents- und Weihnachtsliedersingen sowie „Mann singt!“ Für die Stiftung „Singen mit Kindern“ bildet er Singpaten und Grundschullehrer aus.

„Singen ist gesund für Kinder und Erwachsene. Singen setzt Glückshormone frei. Singen stärkt Leib und Seele und manche glauben sogar, dass Singen intelligenter macht“, sagt Bauer. Kurzum: Singen ist für ihn ein Lebensmittel.

Dass ausgerechnet Singen so stark in den Verdacht geraten ist, das Coronavirus zu übertragen, ist für Bauer und sein Engagement eine Katastrophe. Alle seine Singprojekte ruhen derzeit. Er ist nicht einmal sicher, ob das Advents- und Weihnachtsliedersingen im Forum dieses Jahr stattfinden kann.

„Das Virus ist ein Riesenangriff auf die Kultur“, sagt er. „Um die Amateurmusik mache ich mir große Sorgen.“ Bauer rechnet kaum noch damit, dass es dieses Jahr in den vielen Amateurvereinen noch reguläre Orchester- und Chorproben geben wird. Im schlimmsten Fall könne es Jahre dauern, bis die Situation sich wieder normalisiert. „Es besteht die Gefahr, dass Chöre und Orchester dabei auseinanderbrechen.“ Nach vielen Monaten ohne Proben könnten ältere Mitglieder sich dazu entschließen, ganz aufzuhören und der Kontakt zum Nachwuchs bricht ab. Dagegen müsse man etwas tun.

Laut Siegfried Bauer ist es jetzt wichtig, dass die Chorleiter den Kontakt zu ihren Sängern halten und beispielsweise digitale Chorproben anbieten. Auch Proben von Kleingruppen in gut gelüfteten Räumen, seien nach den Sommerferien vielleicht wieder möglich. Eltern sollten zu Hause auf jeden Fall mit ihren Kindern singen. „Die Stiftung ‚Singen mit Kindern‘ hat dafür Angebote auf ihrer Homepage.“

Bauer hofft aber auch darauf, dass neuere Forschungen das Singen wieder ins rechte Licht rücken könnten. Laut einer Studie, an der auch Strömungsspezialisten beteiligt waren, sei gar nicht das Singen so gefährlich, da die Luft dabei nur maximal einen halben Meter vom Gesicht wegströmt, ursächlich für die vielen Ansteckungen in Kirchen und bei Konzerten sei der enge Kontakt der Besucher und Musiker untereinander gewesen, so Bauer.

Er selbst setzt natürlich ein gesungenes Statement gegen das Virus. Gemeinsam mit den Nachbarn in seinem Quartier hat er sich schon über 60. Mal zum abendlichen Singen im Garten oder über den Gartenzaun getroffen – natürlich im gebotenen Sicherheitsabstand. 15 bis 20 Leute seien Punkt 19 Uhr dabei. „Für die Nachbarschaft ist das eine tolle Geschichte.“

Aber auch dem „Lebensmittel Singen“ möchte Bauer, der den abendlichen Gesang am E-Klavier begleitet, mit dieser Aktion gerecht werden. Über 30 unterschiedliche Lieder wurden schon gesungen und auf mehrere Geburtstage angestimmt. Ein Höhepunkt ist dabei immer das Corona-Lied, das Bauer eigens für das gemeinsame Singen gedichtet an. Auf die Melodie von Rocco Granatas „Marina, Marina, Marina“ wird da gegen „Corona, Corona, Corona“ angesungen.