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minderjährige flüchtlinge

Fit werden für den deutschen Alltag

Es dauert nur noch wenige Wochen, dann werden 44 junge Männer in das neue Wohnheim im Murrer Gewerbegebiet einziehen. Wie sie dort betreut werden, darüber wurden die Bürger am Donnerstagabend informiert.

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In wenigen Wochen wird die Unterkunft für junge Flüchtlinge im Murrer Gewerbegebiet bezugsfertig sein.Foto: Oliver Bürkle

Ludwigsburg. Sie alle waren jünger als 18, als sie sich ohne Eltern oder Angehörige nach Deutschland durchgeschlagen haben. Manche Familien wurden auf der Flucht getrennt und haben keinen Kontakt mehr, manche haben erlebt, wie ihre Verwandten getötet wurden, einige wurden als Hoffnungsträger von den Daheimgebliebenen entsendet. „Auf allen lastet großer Druck“, so Roland Stäb von der Jugendhilfe des Landratsamts und Marc Dressel von der Caritas: Erwartungen, Ungewissheit, Traumata.

Heiner Pfrommer, Dezernatsleiter für Soziales der Kreisverwaltung, rechnet in Murr vor allem mit Afghanen, Syrern und einigen Afrikanern zwischen 16 und 20 Jahren. Die genaue Zusammensetzung stehe noch nicht fest. Je nach Reife und Entwicklung würden einige Heranwachsende auch über den 18. Geburtstag hinaus nach dem Jugendhilferecht und nicht nach Asylgesetz behandelt. Das bedeutet, dass sie besonderen Schutz und Betreuung genießen. Aktuell seien das 370 auf den Landkreis verteilt.

Im Murrer Gewerbegebiet in der Rudolf-Diesel-Straße sind gerade zwei Gebäude im Entstehen, in denen 44 unbegleitete Minderjährige untergebracht werden. Das ist nach der Ludwigsburger Strombergstraße eine der größten Unterkünfte für sogenannte „UMA“ (unbegleitete minderjährige Ausländer) im ganzen Landkreis. Und sie ist dringend nötig. Zum einen, weil demnächst eine Unterkunft in Kornwestheim geschlossen werden muss, zum anderen weil trotz rückläufiger Flüchtlingszahlen monatlich immer noch 150 Migranten im Kreis ankommen. Darunter auch Jugendliche ohne Begleitung.

Zu viert werden sie in kleinen Wohngemeinschaften leben. Jeder hat sein Schlafzimmer, es gibt Küche, Badezimmer und einen Gemeinschaftsraum, Zimmer für die Betreuer und einen Seminarraum für gemeinsamen Unterricht oder Aktivitäten. Rund um die Uhr werden sie von pädagogischen Mitarbeitern der Caritas betreut. Der Schlüssel liegt bei einer Fachkraft auf vier bis sechs Asylsuchende. Auch nachts gibt es einen Bereitschaftsdienst. „Wir wollen den jungen Menschen eine neue Heimat und Perspektive bieten“, so Hendrik Rook von der Caritas, das die Trägerschaft des Heims übernehmen wird.

Um 5.30 Uhr ist Wecken, schildert Dressel den Tagesablauf. Nach dem Frühstück wird vormittags in Vorbereitungsklassen Deutsch unterrichtet. Wer bereit dafür ist, geht zur Schule, macht ein Praktikum oder eine Ausbildung. Nachmittags werden die Hausaufgaben erledigt, zusammen die Freizeit gestaltet. Dressel hofft dabei auf die Unterstützung der Murrer Vereine und Organisationen. Ab 22 Uhr ist Nachtruhe. „Wir wollen die Jugendlichen fit für den deutschen Alltag machen“, erklärt er. Die Erfahrung zeige, dass diese Angebote als Chance dankbar angenommen würden. Fast allen sei klar, dass sie auch bei einer Heimkehr von diesen Erfahrungen profitieren könnten.

Gerade würden außerdem die Küchen in einer weiteren Unterkunft in der Hindenburgstraße 15 montiert, informierte Bürgermeister Torsten Bartzsch den 100 Zuhörern in der Gemeindehalle. 40 Plätze würden dort entstehen sowie ein Büro für den Arbeitskreis Asyl. Später könnten die umgewandelt werden in hochwertige, aber günstige Wohnungen. In der Steinheimer Straße gebe es zudem Zimmer für zwölf Personen. 14 Flüchtlinge seien privat untergekommen. Die weiteren bestehenden Räumlichkeiten der Kommune würden für den weiteren Bedarf vorgehalten. „Niemand kann sagen, wie die weitere Entwicklung sein wird“, betonte der Bürgermeister die Unsicherheit bei Fragen des Familiennachzugs oder wie sich das Verhältnis zur Türkei auf das Flüchtlingsabkommen auswirken werde. Weitere Neubauten seien derzeit aber nicht geplant. Bartzsch dankte den zahlreichen Ehrenamtlichen und besonders dem Arbeitskreis Asyl: „Ohne Sie wäre die Gemeinde schlicht überfordert.“ Es seien nun alle in der kommunalen Gemeinschaft gefordert, an der Integration mitzuwirken.

„Flüchtlinge sollen in Murr Fuß fassen, hier eine neue Heimat finden und sich nicht fremd fühlen“, beschreibt Rudolf Grill das Anliegen des Arbeitskreises Asyl mit seinen rund 25 Aktiven. Man wolle konkrete Integrationshilfe leisten und Brücken in die Gesellschaft bauen. Vor allem die Wohnungslotsen hätten sich bewährt, die in beinahe allen Lebensbereichen unterstützend zur Hand gehen. Mit der Ankunft der jungen Männer würden die Aufgaben noch zunehmen, so Grill, der auf weitere Helfer hofft.