Logo

Afghanistan

Frauen leiden unter den Taliban

Vor neun Monaten haben die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen. Die Situation vor allem für Frauen und Mädchen ist dadurch noch schlimmer geworden als zuvor, sagt die afghanische Aktivistin Aisha Khurram. Kürzlich hat sie einen Vortrag in Ludwigsburg gehalten.

Die 22-jährige Aisha Kurram ist in Kabul auf-gewachsen und lebt jetzt in Berlin. Foto: privat
Die 22-jährige Aisha Kurram ist in Kabul auf-gewachsen und lebt jetzt in Berlin. Foto: privat

Ludwigsburg. Auch wenn mittlerweile andere Themen in den Schlagzeilen stehen, die Situation in Afghanistan ist nach wie vor angespannt, nachdem dort am 15. August 2021 die Taliban die Macht übernommen hatten. Über die Lage ihres Heimatlandes sprach vor kurzem Aisha Khurram in Ludwigsburg bei einer Veranstaltung, zu der der Verein „Frauen für Frauen“ sowie die Ökumenische Fachstelle Asyl eingeladen hatten.

Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet Aisha Khurram von der aktuellen Situation in Afghanistan. Sie selbst ist in Kabul aufgewachsen und hat dort Jura und Politikwissenschaften studiert. Einen Monat vor ihrem Abschluss an der Uni in Kabul übernahmen die Taliban die Macht. „Ich musste sofort meine Heimat, meine Familie und die Universität verlassen“, erzählt die junge Aktivistin. Sie fand Zuflucht in Deutschland und kann in Berlin mittlerweile dank eines Stipendiums weiter studieren. 2019 war die jetzt 22-Jährige afghanische Jugendbeauftragte bei den Vereinten Nationen. Außerdem war sie in Afghanistan in der Friedensbewegung aktiv und setzte sich für eine Beteiligung der Jugend am afghanischen Friedensprozess ein. Seit ihrem Studium in Berlin unterstützt sie den Verein Kinderberg International bei der Umsetzung von Entwicklungsprojekten in Afghanistan.

Die wirtschaftliche und soziale Situation von Frauen in Afghanistan sei schon vor dem 15. August 2021 schlimm gewesen, so Aisha Khurram. Jetzt sei die Situation aber noch schlimmer. Die zwei Jahrzehnte davor sei es Frauen möglich gewesen, in die Gesellschaft zurückzukehren, zur Schule zu gehen und sich im politischen und wirtschaftlichen Bereich zu engagieren. „Die Situation war nicht ideal, aber es gab Hoffnung“, sagt die Studentin. Frauen hätten sich angestrengt und viele Opfer gebracht, um das zurückzubekommen, was rechtmäßig ihnen gehörte. „Aber alle Anstrengungen waren sinnlos, als die Taliban die Macht übernommen haben.“

Seit Monaten dürfen Mädchen nicht mehr zur Schule, die Bewegungs- und Redefreiheit von Frauen im ganzen Land sei begrenzt. „Aktivistinnen, die gewaltfreien Widerstand anführen, wurden entführt oder eingesperrt“, beschreibt Aisha Khurram die Situation in ihrem Heimatland.

Das Recht zu arbeiten sei nicht nur ein Recht für die Frauen gewesen, sondern eine Notwendigkeit, da viele ihre Väter und Ehemänner im Krieg verloren haben und nun die Hauptverdiener für die Familie sind. „Wenn Frauen jetzt nicht arbeiten dürfen, kämpfen ganze Familien mit der Armut.“ Laut Aisha Khurram leiden derzeit rund 95 Prozent der Menschen in Afghanistan an Hunger. Das betreffe vor allem Kinder. Die Anzahl der unterernährten Kinder sei drastisch angestiegen.

Die schrecklichste Änderung sei jedoch der Zustand der Unsicherheit. Die Taliban seien keine zusammenhängende und vereinte militante Gruppe, sondern hätten interne Konflikte über Macht und Regeln. Dass sie bisher noch keine richtige Regierung gebildet haben, mache es internationalen Terrorgruppen wie dem Islamischen Staat einfacher, Terror zu verbreiten und „einen für sie sicheren Hafen in Afghanistan zu schaffen“, um den Zutritt zu der Region sicherzustellen.

Frauen auf der ganzen Welt sollten sich mit den Frauen in Afghanistan solidarisieren, so Aisha Khurram. Mit ihren demokratischen Rechten hätten deutsche Frauen die Möglichkeit, auf die Regierung Deutschlands einzuwirken, Entwicklungsprojekte in Afghanistan nicht aufzugeben. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe Deutschland zur Schaffung eines alternativen Gesundheitswesens sowie anderen Hilfssystemen beigetragen. „Davon haben Frauen in Afghanistan sehr profitiert, als Begünstigte und als Arbeitnehmer“, so Khurram. Der Rückzug aller Hilfssysteme sei „tödlich für das Wohlbefinden der Frauen in Afghanistan“.

Autor: