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Literarischer Spaziergang

Frühling, Ostern: „Da jauchzt das Herz“

Mit Gabriele Sponner, die mit dem Theater Inklusiv den Faust aufgeführt hat, unterwegs auf dem Grüß-Gott-Weg – Gespräch über Goethes Ostergedicht

Nach einem vorösterlichen Spaziergang: Regisseurin Gabriele Sponner unterhält sich an der Bergstirn mit Redakteur Hans-Peter Jans über den Frühling, über den Osterspaziergang in Goethes Faust und ihre Inszenierung.Foto: Holm Wolschendorf
Nach einem vorösterlichen Spaziergang: Regisseurin Gabriele Sponner unterhält sich an der Bergstirn mit Redakteur Hans-Peter Jans über den Frühling, über den Osterspaziergang in Goethes Faust und ihre Inszenierung. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Alles drängt nach draußen, Liebespärchen, Jogger, Alte und Junge, Mütter und Väter mit kleinen und großen Kindern. Das ganze bunte Völkchen, würde Dichterfürst Goethe sagen – und alle Stände ohne Unterschied. Nicht nur Corona macht‘s möglich, auch die sonnigen Ostertage schaffen so etwas.

Es ist ein Bild, das auch Regisseurin Gabriele Sponner fasziniert. Sie hat noch im März mit dem Theater Inklusiv, bei dem Schüler, Behinderte, Schauspielbegeisterte mitmachen, die Kleine Bühne der Karlskaserne bespielt, kurz bevor die Veranstaltungen allgemein abgesagt werden mussten. Ihren „Faust“ konnte sie aber noch aufführen.

Wir trafen die Theaterpädagogin zum Spaziergang, um über Menschheitsfragen zu reden. Ja, so sieht sie es: In Goethes Faust steckt vieles, was jeden berühren kann. Was heißt Wissen? Wie ist es mit der Liebe? Wie ist es mit Gut und Böse? „Jeden Tag muss man sich entscheiden“, so Sponner. Ablesbar seien die Grundfragen auch im Gedicht „Vor dem Tor“ im Osterspaziergang (siehe Text oben), der der Faust-Tragödie vorangestellt ist.

Der Frühling, die Hoffnung

(Wir gehen den Grüß-Gott-Weg zwischen Poppenweiler und Neckarweihingen entlang, mit tollen Ausblicken über den Neckar hinweg. )

Sonne, blauer Himmel, die Natur erwacht – „da jauchzt das Herz“, sagt Gabriele Sponner. Der Frühling wirke belebend, erfrischend, was früher zu Goethes Zeiten die Menschen noch stärker erlebt haben dürften. Enge Gassen in den Städten, dunkle Häuser, beengte Wohnverhältnisse, oft ungenügend beheizt. Goethe sagt „dumpfe Gemächer“. „Der Frühling, das war für die Leute sicher ein großes Fest“, so der Eindruck von Gabriele Sponner. Er war ein Stück Hoffnung. Das Leben geht weiter, die Natur erwacht. Die Faust-Figur dachte in den Tagen zuvor an Selbstmord, die Osterglocken hielten ihn davon ab. Sie lockten ihn nach draußen, wo ihn das bunte Treiben abgelenkt hat. Wie neu geboren nimmt er das Treiben um sich herum wahr. Sponner: „Der Frühling nimmt die Schrecken der Nacht, die Schrecken der Einsamkeit, die Schrecken der Depression.“

Frühling heißt auch Liebeswerben. Sie erinnert sich gern an eine ihrer Lieblingsszenen im Stück: Faust wirbt um Gretchen, bei ihrer Inszenierung sollten umgekehrt auch die Mädchen einen Jungen „anmachen“. Denn das Frauenbild wandelt sich bei Goethe: Es ist nicht das einfältige Gretchen, sondern eine eigenständige Person, die auf natürliche Weise dem Faust moralisch überlegen ist.

Der alte Winter, das Neue

(Wir kommen an die Bergstirn, ein beliebter Treff oberhalb der Felsen am Neckar. Ein Pärchen sitzt auf einer Bank, eine Frau spielt mit kleinen Kindern im Gras. Wir setzen uns in den Schatten.)

Oft ist der alte Winter Symbol für das Vergangene, das, was vorbeigeht, langsam flieht. „Die Sonne duldet kein Weißes“, heißt es im Gedicht. Das Neue kommt mit „Bildung und Streben“. Kann das auch politisch verstanden werden? Bringt Bildung und Streben die Menschen voran? Zumal zu Goethes Zeiten das Bürgertum aufbegehrte, die Menschen auch an Ostern alle gleich und frei und „ans Licht gebracht“ sind. Denkbar wäre das, so Sponner. Kunst sei immer mehrdeutig, könne nach vielen Seiten hin interpretiert werden. So wie beim Faust: Theatermacher Claus Peymann hat mit starken sexuellen Bildern inszeniert, andere sehen da in der Tragödie christliche Elemente oder gar mystische Züge. Dass Goethe aber auch die Bürger im Blick hatte, ist denkbar, auch wenn er die Französische Revolution verächtlich als unnütze Gleichmacherei abtat, die Gewalt verabscheute.

Die Menschen bewegen sich im Gedicht unter der gleichen Sonne, sie feiern die Auferstehung des Herrn, aber sind auch „selber auferstanden“, wie es dort heißt. Auferstanden aus der Enge der Städte, aber vielleicht auch aus der Enge des Geistes – Sponner erinnert daran, dass damals noch Hexen verbrannt wurden. Kindstötung, wofür Gretchen in dem Faust-Drama im Kerker landet, ist auch historisch belegt. Goethe selbst hat 1772 in Frankfurt die Hinrichtung einer jungen Frau miterlebt, die ihr Neugeborenes umgebracht hat. „Sie hieß Susanna Margaretha Brandt“, weiß Gabriele Sponner, die sich mit deren Schicksal schon beschäftigt hat.

Die Enge, ein eingezwängtes Leben in Regeln und alten Denkweisen, kann bedrohlich sein, macht aggressiv, so Sponner. Die Enge kann auch in Corona-Zeiten schwierig werden. „Der Mensch braucht Raum, muss sich bewegen können.“ Vielleicht wird er dann auch übermütig – wie in dem Gedicht, wo einer ein Boot fast bis zum Sinken überladen hat.

Das Menschsein

(Über uns kreist ein Milan, weiter unten steigen mehrere, sind es sechs oder sieben, Mäusebussarde in die Luft. Sie wirken entspannt, zeigen keine Revierkämpfe.)

Jeder kennt diesen Satz, mit dem das Gedicht endet: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein.“ Auch wenn schon etwas abgenutzt, es sei schließlich ein Grundbedürfnis, so sein zu dürfen, wie man ist – ob Flüchtling, Kranker, Behinderter, sagt Sponner. Sie arbeitet gern inklusiv, führt für Ludwigsburg das weiter, womit Rainer Kittel von der Kunstschule Labyrinth mit Handycapace, einem Tanztheater, den Anfang machte. Ein Teil ihrer Schauspieler kommt von der Karlshöhe, in einem neuen Projekt – dem elften Stück des Theater Inklusiv – geht sie mit Matthias Bohnet auf die Bühne, der das Down-Syndrom hat. Sie traut sich mit ihm sogar an ein Zwei-Personenstück, im Herbst soll es aufgeführt werden.

Dass man so sein darf, wie man ist, erleben viele in der Natur, findet Sponner. „Alles hat seinen Platz, man fühlt sich beheimatet.“ Doch wenn der Mensch hier Mensch sein darf, wo ist er es dann nicht? Sponner verweist auf den Faust, in dem es um Gut und Böse, um Lebensgenuss und Tod geht, um Teufelspakt und Gott. Ein Spannungsfeld, das jeder aushalten muss. Die Faust-Figur selbst reflektiert immerhin, was der Vater getan hat: Er hat während einer Seuche den Leuten Medizin verabreicht, woran diese starben. Fausts Lehrling findet das nicht schlimm, dieser habe es eben nicht besser gewusst. Aber an Fausts Gewissen nagt das. Hat der Vater verantwortlich gehandelt? Wissenschaft war zu Goethes Zeiten oft noch Hokuspokus. Allerdings zeichnet er mit Fausts Gehilfen einen, der ohne Gewissensbisse später einen Homunkulus, einen Retortenmenschen, züchtet.

Das gute Ende

(Wir sind auf dem Rückweg, die Sonne brennt herab. Unter einem großen Kirschbaum fängt die Natur zu singen an, Bienen fliegen von Blüte zu Blüte.)

Als Regisseurin des Theater Inklusiv ist Gabriele Sponner darauf bedacht, ihre Stücke gut enden zu lassen. Während Faust als Held letztlich scheitert, wird Gretchen erlöst und aus dem Kerker befreit. „Der teuflische Mephisto sagt, sie ist gerichtet, die Engel singen aber: sie ist gerettet.“

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