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Reichspogromnacht

Gedenken und Mahnung zugleich

Mit einer Gedenkfeier ist gestern Abend an die Reichspogromnacht vor 81 Jahren erinnert worden. Auf dem Synagogenplatz kamen zahlreiche Menschen zusammen und bekundeten auf diese Weise ihre Verbundenheit mit den Opfern.

Zahlreiche Menschen nahmen gestern Abend an der Gedenkveranstaltung auf dem Synagogenplatz teil. Fotos: Holm Wolschendorf
Zahlreiche Menschen nahmen gestern Abend an der Gedenkveranstaltung auf dem Synagogenplatz teil. Foto: Holm Wolschendorf
Vor und auf dem Gedenkstein brennen zahlreiche Kerzen.
Vor und auf dem Gedenkstein brennen zahlreiche Kerzen.
Oberbürgermeister Matthias Knecht beschwor Werte wie Freiheit und Demokratie.
Oberbürgermeister Matthias Knecht beschwor Werte wie Freiheit und Demokratie.
Das Trio Rivkele interpretierte traditionelle jiddische Lieder.
Das Trio Rivkele interpretierte traditionelle jiddische Lieder.

„Erinnern und engagieren“ hatte der Förderverein Synagogenplatz und der Arbeitskreis Dialog Synagogenplatz als Organisatoren die Veranstaltung betitelt. Das Trio Rivkele brachte mit jiddischen Liedern ein fast vergessenes Kulturgut zu Gehör. Zahlreiche Kerzen standen vor und auf dem Gedenkstein, der an die Juden aus Ludwigsburg erinnert, die während der Nazizeit systematisch verfolgt und ermordet wurden. Zahlreiche Besucher zeigten in klirrender Kälte ihre Solidarität. „Antisemitismus ist keine Einstellung, sondern ein Verbrechen“, stand auf einem Blatt Papier, das jemand abgelegt hatte.

Dass eine ablehnende Haltung gegenüber Juden in Deutschland immer noch oder wieder zu spüren ist, das stellte auch Professor Dr. Frederec Musall in den Fokus seiner Ausführungen. Aus familiären Gründen hatte der Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg seinen Besuch kurzfristig absagen müssen. Anne Kathrin Müller, die sich im Arbeitskreis Synagogenplatz engagiert, verlas seine Ausführungen, die Musall am Vorabend an Stelle der geplanten Ausführungen zum jüdischen Leben in Deutschland 30 Jahre nach dem Mauerfall verfasst hatte.

Antisemitischer Vorfall in Freiburg

„Es macht mich persönlich unglaublich traurig und wütend, ausgerechnet am 9. November über einen aktuellen Vorfall zu sprechen, als wäre die Erinnerung an diesen Tag nicht Mahnung genug“, ging Musall auf einen antisemitischen Vorfall ein, der sich vor kurzem in Freiburg ereignet hat. Er schilderte, dass ein jüdischer Student in einem Fitnessstudio angepöbelt und angegriffen, seine Kippa vom Kopf gerissen und in einen Mülleimer geworfen wurde. Eine Kippa im Mülleimer, das ist für Frederec Musall ein Bild, das mehr sagt als tausend Worte. Wer diese Kopfbedeckung in den Mülleimer werfe, der wolle nicht nur ein Stück Stoff oder Leder entsorgen, sondern auch die Menschen, die sie tragen und das, was diese repräsentieren.

„Steh’ auf und geh“ heiße es in dem Text, den Jüdinnen und Juden am Ende des Shabbats am 9. November lesen und in dem Abraham von Gott befohlen werde, das Land seiner Väter, eine Gesellschaft von Götzendienern, zu verlassen, so der Professor für Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte. Analog zu diesem Text appellierte Frederec Musall an die Zuhörer auf dem Synagogenplatz, sich auf den Weg zu machen und an der Gestaltung einer offenen Gesellschaft mitzuwirken, in der weder Kippa, Kopftuch oder andere religiöse Symbole eine Rolle spielen.

„Dieser Abend heute, das ist der wichtigste Moment in meiner bisherigen Amtszeit“, richtete sich Oberbürgermeister Matthias Knecht an die vielen Menschen auf dem Synagogenplatz. Er begann seine Ausführungen mit einem Zeitzeugenbericht, der in den Ludwigsburger Geschichtsblätter abgedruckt wurde. Darin wird die Zerstörung der Synagoge in Ludwigsburg geschildert. Die Juden seien normale Menschen unter Menschen und aus vollster Überzeugung Ludwigsburger gewesen, so der Oberbürgermeister.

Auseinandersetzung mit Demokratie

Die Gedenkveranstaltung sei aber mehr als die Erinnerung an den furchtbaren Abend vor 81 Jahren und es gehe nicht nur um die intensive Beschäftigung mit der Vergangenheit. „Lassen Sie uns einen Weg finden, um die aktuellen Herausforderungen anzugehen“, richtete er sich an die Zuhörer. Er wies auf die Bedeutung hin, sich täglich mit Themen wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit zu beschäftigen – zumal sich auch die Tektonik Europas immer weiter verschiebe. Ludwigsburg sei eine Stadt, in der Menschen jeder Religion und jeder Hautfarbe friedlich zusammen leben könnten. Getreu des Mottos der Gedenkveranstaltung.

„Beteiligen Sie sich, machen Sie mit“, richtete sich Jochen Faber, Vorsitzender des Fördervereins Synagogenplatz, getreu des Mottos der Gedenkveranstaltung an die zahlreichen Menschen, sich zu engagieren und auf diese Weise einen Beitrag zu einer offenen, demokratischen Gesellschaft zu leisten.

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