Logo

Wettbewerb

Geht Nachhaltigkeit in Coronazeiten?

Seit knapp zehn Monaten versuchen zehn Haushalte im Rahmen des städtischen Wettbewerbs „Nachhaltigkeit (ba)rockt“ ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Was beim Start des Wettbewerbs nicht eingerechnet war: die Coronapandemie. Drei Haushalte erzählen, wie sie trotz Krise versucht haben, so nachhaltig wie möglich zu leben.

Viele Haushalte sind seit dem Wettbewerb mehr mit dem Fahrrad unterwegs. Foto: Christoph Schmidt/dpa
Viele Haushalte sind seit dem Wettbewerb mehr mit dem Fahrrad unterwegs. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Sie haben in den vergangenen Monaten ihren Energie- und Wasserverbrauch notiert, den Müll gewogen und sich immer wieder mit Gleichgesinnten ausgetauscht. Beim Wettbewerb „Nachhaltigkeit (ba)rockt“ von der Stadt Ludwigsburg versuchen ganz unterschiedliche Haushalte, ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, die Stadt unterstützt zum Beispiel mit Coachings, einem Energiecheck und der Möglichkeit, ein Pedelec auszuprobieren.

Dann kam Corona und die Treffen der sogenannten Energiehelden wurden nach und nach abgesagt. Die Haushalte nahmen trotzdem weiter ihren Verbrauch ganz genau unter die Lupe, zum Teil kamen aber auch neue Herausforderungen auf sie zu. Die größte Änderung hat Sonja Heilig beim Einkaufen gemerkt. Plötzlich musste es schnell gehen, weil zuhause drei Kinder betreut werden mussten. „Da war dann der Weg zum Discounter einfach geschickter“, sagt die Oßweilerin. Normalerweise geht sie in kleinere Lebensmittelläden, kauft unverpackt und besucht regelmäßig den Wochenmarkt. Doch als es schnell gehen musste, gab es im Discounter eben alles an einer Stelle. „Einmal die Woche bin ich weiter zum Markt, das lasse ich mir nicht nehmen“, so Heilig. Außerdem eine Umstellung: An der Wurst- oder Käsetheke war es plötzlich aus hygienischen Gründen nicht mehr möglich, seine eigene Box füllen zu lassen.

Der Wasser- und Stromverbrauch ist bei den Heiligs angestiegen, weil plötzlich alle zuhause waren. Aber Sonja Heilig sieht das nicht als Zeichen dafür, dass die Familie in Coronazeiten weniger nachhaltig gelebt hat. „Nur weil ich nicht zuhause bin, heißt das ja nicht, dass ich das Wasser und den Strom nicht verbrauche“, sagt sie. Zwar seien die Zählerstände im Hause nach oben gegangen, aber Energie und Wasser würden auch verbraucht, wenn die Kinder in der Schule oder die Eltern bei der Arbeit seien.

Bei Familie Kucher aus Poppenweiler hat sich der Energie- und Wasserverbrauch kaum geändert über die Coronazeit, erzählt René Kucher. Er arbeitet als Zusteller bei der Post und hat trotz Krise weiter gearbeitet wie auch schon davor. Seine Frau ist als Tagesmutter tätig – sie konnte zwei Monate lang nicht arbeiten, war also zuhause. Doch das war auch davor schon der Fall.

Lothar und Barbara Mahler, die am Rand der Innenstadt wohnen, sind Renter. Home Office fiel für sie also nicht an. Man habe plötzlich noch mehr Zeit gehabt, über das nachhaltige Leben nachzudenken, so Lothar Mahler. Und seine Frau fügt hinzu: „Eigentlich war es leichter, nachhaltig zu leben.“ Schließlich seien sie kaum aus dem Haus gekommen. Barbara Mahler war vier Wochen lang schlapp und konnte kaum etwas machen. Erst vergangene Woche hat sie das Ergebnis eines Antikörpertests bekommen: Sie hatte von Mitte März bis Ostern Corona – ohne es zu wissen, denn die damals als typisch angesehen Symptome wie Fieber und Husten blieben bei der Rentnerin aus. Viele Dinge, wie etwa Kochen oder Waschen, habe sie in der Zeit der Pandemie nur selten gemacht. Dadurch sei der Verbrauch nicht angestiegen.

Und auch das Auto blieb meistens stehen. „Ich war sowieso sechs Wochen lang zu schwach, um Auto zu fahren“, sagt Barbara Mahler. Und ihr Mann war viel mit dem Pedelec unterwegs, das er im Rahmen des Wettbewerbs drei Monate lang leihen konnte. Strecken innerhalb der Stadt wurden mit dem Pedelec zurückgelegt. Außerdem unternahm Lothar Mahler eine dreitägige Radtour durch die Pfalz – anstatt des jährlichen Trips nach Mallorca, wo er normalerweise mit einer Gruppe Rennrad fährt.

In den Schulferien und an Wochenenden sei das Auto meistens stehen geblieben, sagt René Kucher. Denn Ausflugsziele seien ja größtenteils geschlossen gewesen. Stattdessen standen Radtouren in der Gegend auf dem Programm. „Dadurch konnten wir beim Thema Mobilität ein bisschen was einsparen“, so Kucher.

Auch bei Familie Heilig wurde das Auto in der Zeit des Lockdowns weniger genutzt. Schließlich waren alle zuhause. „Einkaufen gehe ich eh mit dem Fahrrad“, sagt Sonja Heilig. Das Fahrrad sei sowieso das wichtigste Verkehrsmittel der Familie, auch die Kinder sind gerne mit dem Fahrrad unterwegs. „Wir wollen ihnen das Bewusstsein mitgeben, dass man in der Stadt nicht mit dem Auto zu fahren braucht“, erklärt Heilig.

Dass die Mülltonne voller ist, weil alle mehr zuhause sind, haben beim letzten Treffen der Energiehelden mehrere Haushalte erzählt. Sonja Heilig kann das nicht bestätigen. Es wurde gekocht wie immer – mit viel Gemüse, dessen Reste sowieso in den Biomüll wandern. Und sonst werde darauf geachtet, so wenig Müll wie möglich zu produzieren. „Wir wollen nicht auf Null runterkommen, das wäre uns zu viel Arbeit mit drei Kindern“, so Heilig. Das Jüngste trage immer noch Windeln, was den Restmüll fülle.

Bei Familie Kucher fiel während des Lockdowns Müll weg. Denn normalerweise ist der Restmüll ziemlich voll durch die Windeln der Kinder, die Yvonne Kucher als Tagesmutter betreut. „Da hatten wir sogar einen Vorteil“, so René Kucher. Zu Beginn sei im Haushalt sehr viel Müll zusammengekommen, das habe sich aber im Laufe des Wettbewerbs schon verbessert. „Da wollen wir weiter dran bleiben.“

Wer die größte Verbesserung in der gesamten Zeit geschafft hat, wird in der kommenden Woche beim letzten Treffen der Teilnehmer mit Preisverleihung. Doch ums Gewinnen geht es gar nicht unbedingt. Die Haushalte Kucher, Heilig und Mahler betonten alle, dass es ihnen darum gehe, Impulse zu bekommen und zu sparen – dem eigenen Geldbeutel, aber vor allem der Umwelt zuliebe.

Autor: