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Soziales

Hat die Karlshöhe ihr Herz verloren?

Die Karlshöhe hat im vergangenen Jahr 120 Mitarbeiter durch Kündigung verloren. Das ist gut ein Fünftel der Belegschaft. Man kann das Fluktuation nennen, man kann aber auch von einem Exodus sprechen.

Das Jahresfest der Karlshöhe zieht immer viele Besucher an. Die Karlshöhe genießt einen guten Ruf in der Bevölkerung. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Das Jahresfest der Karlshöhe zieht immer viele Besucher an. Die Karlshöhe genießt einen guten Ruf in der Bevölkerung. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Vor 143 Jahren ist die Karlshöhe Ludwigsburg von evangelischen Christen gegründet worden. Heute zählt die Stiftung zu den größten diakonischen Einrichtungen in der Region. Auf der Karlshöhe arbeiten 650 Menschen, die rund 1200 Klienten betreuen. Die Karlshöhe ist so etwas wie das soziale Rückgrat der Stadt, ein Teil der Ludwigsburg-Identität und ein eigener kleiner Kosmos im Stadtgefüge.

Christliche Werte, Mitmenschlichkeit, Wertschätzung und ein gutes Miteinander, das zeichnet die Arbeit auf der Karlshöhe aus. Die Karlshöhe, so haben wir in vielen Gesprächen, die wir geführt haben, gehört, ist kein Arbeitgeber wie viele andere. „Früher gab es Mitarbeiter, die haben hier geschafft, weil es die Karlshöhe war. Aber die Zeiten sind vorbei“, sagt uns jemand aus den Reihen der Karlshöhe heraus. „Das, was die Karlshöhe einmal ausgemacht hat, ist vorbei.“

Wir haben viele Gespräche geführt. Mit Ehemaligen und Aktiven, mit langjährigen Mitarbeitern und Menschen mit guten Verbindungen zur Karlshöhe. Sie alle wollten nicht namentlich genannt werden. Zu stark ist ihre Bindung an die diakonische Einrichtung. Sie wollen keine Nestbeschmutzer sein. Sie machen sich Sorge um ihre Karlshöhe.

Was ist passiert? Was ist der Grund dafür, dass allein im vergangenen Jahr 120 Mitarbeiter, darunter viele langjährige, gekündigt haben? Was ist der Grund dafür, dass die Krankheitstage von sonst durchschnittlich 7000 pro Jahr auf 10.000 angestiegen sind? Was ist der Grund dafür, dass es im vergangenen Jahr 20 Überlastungsanzeigen gab, während es in den Jahren zuvor vier oder fünf waren?

„Wenn es um unsere Klienten geht, tun wir Mitarbeiter alles. Diakonie heißt Nächstenliebe. Aber auf der Karlshöhe ist der Anstand gegenüber den Mitarbeitern verloren gegangen“, wird uns erzählt. Jemand anderes drückt die Situation so aus: „Die Karlshöhe hat ihr Herz verloren.“

Von einem autoritären Führungsstil ist die Rede, vom Vorstand im „Elfenbeinturm“. Der Druck, immer mehr Umsatz zu generieren, habe deutlich zugenommen, hören wir in vielen Gesprächen. Und dann fehle dem ein oder anderen das Quäntchen Mitmenschlichkeit, das das Arbeiten hier trotz einer hohen Belastung bislang mit Freude erfüllt hat. „Bei der Karlshöhe ist man früher als Mannschaft angetreten“, formuliert es jemand. „Heute denkt und handelt jede Abteilung nur noch für sich.“ Das Siegel Karlshöhe verblasse, und damit lasse auch die enge Bindung zum Arbeitgeber nach.

„Ja, wir haben Fluktuation“, sagt die Direktorin der Karlshöhe, Dr. Dörte Bester. „Das verbindet uns mit vielen anderen Einrichtungen.“ Und nein, sagt sie, die Karlshöhe habe ihr Herz nicht verloren. „Es schlägt nur etwas anders und passt sich dem Rhythmus des Lebens an.“

Der Arbeitsmarkt habe sich grundsätzlich verändert, eine lange Betriebszugehörigkeit sei ein Generationsthema, das sich ändere. „Die Mitarbeiter sind viel mobiler und wechseln schneller mal den Job, zumal man im sozialen und pflegerischen Bereich derzeit rasch eine neue Stelle findet.“ Auswirkungen auf die tägliche Arbeit hätten die vielen Weggänge nicht, sagt Bester. Freie Stellen würden schnell ausgeschrieben mit dem Bestreben, sie schnell zu besetzen. „Wir können nach wie vor unsere Aufgaben erfüllen.“ Letzteres bestätigen auch die Menschen, mit denen wir gesprochen haben. „Es ist ein großer Wille da, die Arbeit gut zu machen, aber es herrscht Frust darüber, dass die Mitarbeiter keine Unterstützung erhalten“, heißt es.

Die Karlshöhe hat einen Jahresumsatz von rund 40 Millionen Euro. Pro Jahr erhält sie zwischen 300.000 Euro und 400.000 Euro Spenden. Sie ist ein Wirtschaftsunternehmen. „Wir müssen nach den Bedingungen dieser Welt wirtschaften, und die Herausforderungen sind groß“, so die Direktorin. Sie spricht von „Zeitenwandel“ und „Zeitgeist“ und lässt das Bundesteilhabegesetz nicht unerwähnt, das ab 2020 greift. Dieses sichert dem Kostenträger eine viel höhere Transparenz zu, was schon heute zu einer aufwendigen Analyse der täglichen Hilfestellungen führt. „Die Gegebenheiten ändern sich, und dadurch auch der Blick“, sagt Bester.

Und noch etwas hat sich bei der Karlshöhe verändert: Noch bis vor einigen Jahren galt die Karlshöhe als Kaderschmiede der Diakone. Heute werden hier keine Diakone mehr ausgebildet, dies läuft nun an der Evangelischen Hochschule, die sich zwar auf dem Gelände der Karlshöhe befindet, jedoch völlig eigenständig ist. Nun ist die Karlshöhe zwar eine diakonische Einrichtung, Diakone haben in leitenden Funktionen inzwischen jedoch Seltenheitswert. Von den drei Vorstandsmitgliedern ist zwar die Direktorin evangelische Pfarrerin, ihre beiden Vorstandskollegen jedoch sind keine Diakone, so wie es früher immer Usus war. Für große Irritation sorgte nicht zuletzt die Besetzung des Vorstandsamts für die diakonisch-fachliche Arbeit: Das ist besetzt mit einer Katholikin. Dem Verwaltungsrat, der die Vorstandsposten vergibt, hat man das sehr übel genommen. „Das ist ein völlig falsches Signal nach innen wie nach außen“, heißt es in Gesprächen. Auch Dörte Bester weiß um diese Kritik. „Wir nehmen den, der für die Stelle am meisten überzeugt, und auch wenn jemand nicht Diakon ist, so tun wir unsere Arbeit im Auftrag von Jesus Christus.“

Die Diakone waren früher das Alleinstellungsmerkmal der Karlshöhe. Das ist inzwischen aufgegeben. Das, was diese diakonische Einrichtung so besonders macht, geht verloren, so sagen es die Menschen, mit denen wir gesprochen haben. „Es gibt bald nichts mehr, was die Karlshöhe von einer gewöhnlichen sozialen Einrichtung unterscheidet.“

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