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Geburtshilfe

Hebammenmangel wird immer gravierender

Bereits Anfang des Jahres schlugen die Hebammen im Bottwartal Alarm, weil sie auf Monate ausgebucht waren: Im Prinzip müssten sich Frauen gleich nach dem positiven Schwangerschaftstest eine Hebamme suchen. Jetzt hat sich die Situation nochmals verschlechtert. Vor November können die Hebammen keine Frauen mehr aufnehmen.

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Hebammen sind bei der Vor- und Nachsorge gefragt.Archivfoto: dpa

Ludwigsburg. Der Grund: Sigrid Böhle aus Steinheim fällt krankheitsbedingt bis Ende des Jahres aus. „Glücklicherweise habe ich alle meine Frauen durch massive Selbstausbeutung der Kolleginnen bei ihnen untergebracht. Wir hören zwar im Radio und im Fernsehen viel, aber passieren tut nichts“, klagt sie.

Im Bottwartal sind jetzt nur noch zwei Hebammen tätig: Ines Pantle in Großbottwar und Angela Tremmel in Oberstenfeld, wobei Tremmel auch im Krankenhaus arbeitet und nur zum Teil freiberuflich. Mit Kolleginnen aus Marbach, Benningen und Freiberg konnte der Ausfall von Sigrid Böhle so aufgefangen werden, dass die Frauen „einigermaßen betreut sind“, sagt Christel Scheichenbauer, die stellvertretende Landesvorsitzende des Hebammenverbandes aus Benningen. Allerdings würden manche Frauen bei der Rückbildung von einer anderen Hebamme betreut als im Wochenbett. „Es gibt keine Betreuung aus einer Hand.“ Auch werde das Kontingent der Betreuung bis zu zwölf Wochen nach der Geburt nicht voll ausgeschöpft, sondern nur da, wo der Bedarf wirklich gegeben sei, zum Beispiel wenn es einer Frau nicht gut geht oder es mit dem Stillen nicht klappt. Sonst müsse man sich mit einer Basisbetreuung bis zur fünften Woche begnügen. „Wir haben so viel Arbeit, dass wir es nicht mehr überblicken“, sagt Scheichenbauer. Die noch arbeitenden Hebammen hätten auch Familie und „wir sind fast alle über 50 Jahre alt und wollen am Wochenende auch mal nichts machen“, so Scheichenbauer.

50 Prozent der jungen Mütter hätten keine Nachsorgehebamme, schätzt Scheichenbauer, vor allem Migrantinnen wüssten nichts vom Hebammenmangel und stünden dann ohne Betreuung da. Weniger Betreuung durch Hebammen bedeute, dass die Frauen häufiger den Arzt aufsuchen, da sie zum Beispiel nicht wissen, wie ein Nabel nach der Geburt aussehen muss. Auch die Stillrate werde zurückgehen. „Das ist schlimm, weil Studien zeigen, dass Kinder, die lange gestillt wurden, weniger Probleme mit Diabetes oder Übergewicht bekommen“, so Scheichenbauer. Da die meisten Frauen nach drei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden, müssen die Hebammen Fäden ziehen, Blutwerte kontrollieren und ähnliches. Ohne deren Einsatz drohen die Neugeborenengelbsucht oder Nachblutungen. Die psychosoziale Komponente der Betreuung falle ebenso fast komplett weg.

Kurzfristig werde sich an der Situation, die auch im ländlichen Bereich hinter Sachsenheim, Bietigheim und im Bereich Gerlingen nicht anders sei, nichts ändern. Zwar gebe es einen Runden Tisch Geburtshilfe, aber dieser bringe keine schnellen Lösungen. Es sei ein langer Prozess und so lange gebe es keinen Nachwuchs, beschreibt Christel Scheichenbauer die Situation.

Denn der fehlende Nachwuchs ist das Problem. Viele junge Kolleginnen würden nur rund vier Jahre im Beruf bleiben und dann aufhören. Viele wählten zudem lieber die sichere Festanstellung in der Klinik als die Selbstständigkeit. Grund sind die Arbeitszeiten und die schlechte Bezahlung der freiberuflichen Hebammen. 32,87 Euro gibt es für einen Hausbesuch von der Krankenkasse, diese sieht eine Dauer von 20 Minuten vor, die Fahrzeit nicht mit eingerechnet. Die Arbeitszeiten sind schwierig, man hat keinen festen Arbeitsplan und muss am Wochenende jederzeit einsetzbar sein. Großes Thema ist auch die Haftpflichtversicherung. Zwar sei sie mit 670 Euro ohne Geburtshilfe für eine normale Hebamme zu leisten, aber eben nicht für eine Hebamme, die nur zum Beispiel an den Wochenenden oder im Urlaub die Vertretung übernimmt. Trotz Teilzeitarbeit muss sie den vollen Betrag zahlen.