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Meine Geschichte

Herr Seiler, der Stimmungsmacher der Schlossfestspiele

Seit über 30 Jahren ist Bernhard Seiler der Klavierstimmer der Ludwigsburger Schlossfestspiele

Klavierstimmer Bernhard Seiler: Immer auf der Suche nach dem perfekten Klang. Foto: Holm Wolschendorf
Klavierstimmer Bernhard Seiler: Immer auf der Suche nach dem perfekten Klang. Foto: Holm Wolschendorf

Es ist heiß an diesem Vormittag im Ordenssaal im Schloss. Wer hier schon einmal bei der Stadtgründungsfeier saß, der weiß, was Hitze ist. Bernhard Seiler (57) nennt es die „Gluthölle“. Mit einem blauen Handtuch wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Er ist fast fertig mit seiner Arbeit. Der schwarze Steinway-Flügel der Schlossfestspiele klingt wie aus einem Guss.

„Der Steinway ist mein Baby“, sagt der Klavierstimmer. Seit 1984 sorgt er bei den Festspielen für den richtigen Ton. Er war auch damals mit dabei, als das Instrument in Hamburg ausgesucht wurde. Jetzt steht das imposante Instrument für die diesjährige Festspielsaison im Ordenssaal.

„Ohne uns“, so sagt er selbstbewusst, „müssen die Musiker gar nicht auftreten.“ Es seien zwar die Künstler, die dem Flügel die Melodien entlocken, doch es seien die Klavierstimmer, die den richtigen Klang fänden. „Der Grundcharakter ist einem Instrument gegeben, aber wir können mit dem Hammerköpfen viel verändern.“ Die Hammerköpfe, das sind die filzbezogenen Holzhammer, die die Saiten anschlagen. „Die Intoniererei ist eine ganz große Kunst“, sagt Sailer und legt seinen Stimmhammer, mit dem er die Wirbel dreht, zur Seite.

Als Kind hat Bernhard Seiler schon Klavier gespielt. Damals wohnte er selbst im Schloss. Als leitender Direktor des Staatsarchivs hatte der Vater eine Dienstwohnung in Ludwigsburgs nobelster Adresse. „Das war eine schöne Kindheit“, erinnert er sich. Rund 20 Familien hätten damals im Schloss gewohnt, „das Blüba war unser Haus- und Hofgarten. Wir hatten hier unsere eigene, kleine Welt.“ Und immer wieder öffneten sich in dieser kleinen Welt die Tore nach draußen. Wenn Staatsempfänge im Schloss waren, oder wenn die Festspiele Konzerte veranstalteten. „Damals duften die die Fenster noch öffnen, und so habe ich viele der Konzerte von draußen gehört.“

Auch Bernhard Seiler hört man an diesem Tag im Schlosshof. Obwohl das Fenster geschlossen ist. Es klingt ein bisschen nach Jazz, was er hier spielt, er selbst nennt es „Quatschmusik“. Eigentlich liebe er Chopin. Um den Klang zu finden, müsse er das Instrument auch spielen können. „Selbst Musiker sein? Nein, dazu wäre ich viel zu schlecht.“ Nun, in den Ohren eines Laien ist das eine glatte Untertreibung, und er räumt ein: „Ich könnte problemlos zwei Stunden lang unterhalten, aber ich könnte das nicht beruflich machen.“ Seine Passion sei immer schon das Handwerk gewesen. Als Schüler habe er keine Lust auf Abitur gehabt und sich deshalb lieber für eine Lehre entschieden. „So bin ich zum Klavierbau gekommen.“ Später habe er sich aufs Konzertstimmen spezialisiert.

Über all die Jahre hat er für fast alle großen konzertierenden Pianisten gestimmt. Nur Lang Lang fehle ihm noch. Auch für Udo Jürgens oder Konstantin Wecker hat er das Instrument in die richtige Stimmung gebracht. „Ich muss nicht wissen, welches Repertoire gespielt wird“, sagt Seiler. Er versuche vielmehr, das Instrument an den Raum anzupassen. Damit es eben perfekt klingt. Am liebsten würde er mal einen Flügel in der Carnegie Hall in New York stimmen. Aber das werde wohl ein Traum bleiben. 230 Saiten, 88 Tasten, und alles muss zueinander stimmen. „Da sucht man immer die Perfektion.“ 40 Prozent Gehör, 60 Prozent Handwerk, so schätzt er seinen Beruf ein. „Schlimm ist es, wenn man hört, dass es noch nicht passt, man es aber nicht richtig hinbekommt.“ Bernhard Seiler bekommt aber alles hin. Nicht umsonst ist er seit so vielen Jahren der Klavierstimmer der Schlossfestspiele. „Ich lebe Klavier“, sagt er. Und manchmal gebe es sie eben doch, diese Momente nach dem Stimmen, wenn er den Flügel noch mal zum Test spiele. Er ganz allein im Konzertsaal. Weltvergessen. Dann ist die Bühne die seine.

Aber nun müsse er weiter, sagt er, und packt seine Werkzeugtasche. Das nächste Instrument in der Musikhalle wartet schon. Das müsse rechtzeitig zur Probe gestimmt sein. „Wir haben immer Zeitdruck.“ Im Ordenssaal ist es immer noch stickig-schwül. „Der Flügel hat sich zum Glück daran gewöhnt.“

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