Logo

Corona

„Ich fühle mich richtig erleichtert“

Das Ende der Zwangspause: Friseure freuen sich über eine große Nachfrage – Kunden frohlocken über Ordnung auf dem Kopf

Sebastian Jödicke vom gleichnamigen Atelier in Ludwigsburg ist froh über die Wiederöffnung. Fotos: Holm Wolschendorf
Sebastian Jödicke vom gleichnamigen Atelier in Ludwigsburg ist froh über die Wiederöffnung. Foto: Holm Wolschendorf
Arif Türkmen dünnt das Nackenhaar gründlich aus. Doch ohne Haare waschen geht vor dem Schneiden nichts.
Arif Türkmen dünnt das Nackenhaar gründlich aus. Doch ohne Haare waschen geht vor dem Schneiden nichts.
350_0900_25548_04_05_20Wolschendorf_35.jpg

Ludwigsburg. Den Friseurgeschäften fehlte Umsatz, den Beschäftigten die Arbeit und den Kunden eine ordentliche Frisur auf dem Kopf. Seit gestern sind in Stadt und Kreis Ludwigsburg alle mehr als froh, dass nach sechs Wochen Zwangspause jeder wieder zum Zuge kommt. Bei allen Friseuren herrscht Hochbetrieb.

Vorbei ist es mit dem vollen Haarschopf, den zu langen Nackenhaaren, der missglückten oder der erst gar nicht versuchten Tönung. „Ich fühle mich richtig erleichtert“, sagt Marcel Minckert aus Remseck. Sichtlich entspannt sitzt er auf dem Stuhl und lässt sich im Atelier Jödicke in Ludwigsburg von Friseurin Katharina Maier einen akkuraten Kurzhaarschnitt verpassen. Während er sich über sein schön geschnittenes graues Haar freut, ist Friseurin Maier froh, endlich wieder arbeiten zu dürfen: „Das hat mir schon sehr gefehlt.“

Großer Andrang überall

Erleichtert darüber, dass das Geschäft wieder anläuft ist auch Atelier-Chef Sebastian Jödicke. Er bringt Stammkundin Traude Schmid aus Poppeweiler gerade ihren Kurzhaarschnitt in Form. „Ich habe geduldig gewartet, bis Herr Jödicke Bescheid gab, wann ich wieder kommen kann“, sagt sie zu der Zwangspause. Jödicke hat die Termine zunächst im Kalender stehenlassen. „Seit zwei Wochen bin ich damit beschäftigt gewesen, allen angemeldeten Kunden einen neuen Termin zu geben“, sagt Jödicke. Für die nächsten zwei Wochen sei er nun ausgebucht. Ohne telefonische Anmeldung geht bei ihm nichts.

Das Kontrastprogramm ist auf der anderen Straßenseite bei den Friseuren Bablo sowie Istanbul zu beobachten: lange Schlangen vor den Türen und Wartezeiten von bis zu einer Stunde. „Das wird sich in ein paar Tagen wieder einspielen“, meint Arif Türkmen vom Salon Istanbul, der sehr zufrieden ist, das es wieder weitergeht. Er kann normal weitermachen, muss auf keinen seiner drei Plätze verzichten.

Im Gegensatz zum Atelier, wo Sebastian Jödicke wegen der Abstandsregel nur noch fünf von zehn Arbeitsplätze nutzen kann. Dies hat natürlich auf den Durchlauf von Kunden und somit auf den Umsatz Auswirkungen. Dennoch sieht Jödicke auch eine Chance in der Distanz zwischen den Kunden: Es entstehe mehr Privatsphäre, die er künftig für mehr Wellness, mehr persönliche Beratung und Austausch nutzen möchte: „Wir können so die Wertigkeit unseres Handwerks wieder in den Fokus zu stellen“.

Gut zu tun hat auch das Pur Friseurteam in der Wilhelmgalerie: „Wir sind für diese und nächste Woche ausgebucht“, freut sich Inhaberin Julia Tenzer. Bei ihr geht es nur nach Termin, Laufkundschaft hat keine Chance. Somit kommen derzeit vor allem Stammkunden wie etwa Bettina Häfner aus Ludwigsburg, die erleichtert ist, dass sie für ihr blondes Haar die Ansatzfärbung machen lassen konnte. Häfner: „Ich war schon Wochen drüber und habe letzte Woche angerufen.“

Gar nicht offen gehabt hätte an diesem Montag Keller haircompany in Ludwigsburg. Dort geht es erst heute richtig los. Doch Inhaber Sezai Bingül hat den Ruhetag ausfallen lassen, um vor allem Männern die Haare zu schneiden. Bingül: „Morgen sind wieder alle neun Mitarbeiter da.“

Alle Betriebe müssen sich darauf einstellen, dass die Hygiene- und Schutzmaßnahmen, wie beispielsweise Abstand halten, Desinfektion oder Nasen-und Mundschutz, in den Salons nun vom kommunalen Ordnungsdienst überprüft werden. Allerdings seien die städtischen Kontrolleure nicht gezielt unterwegs, wie der Leiter des Amtes für Sicherheit und Ordnung, Heinz Mayer, sagt. „Bei den täglichen Runden werden wie im Einzelhandel auch die Friseurgeschäfte nach und nach kontrolliert“, so Mayer.

„Bei mir waren sie schon am frühen Morgen da“, sagt Friseurinnungsobermeister Uwe Volz, der Wings beautypool in Ludwigsburg betreibt. Er ist positiv überrascht von den Kunden, die sich „super an die strengen Vorgaben halten“. Die 186 Innungsbetriebe in der Region Stuttgart müssen sich nämlich an die von der Innung und der Berufsgenossenschaft erarbeiteten Auflagen halten, wonach immer ein höherer Schutzstandard zu wählen ist, wenn es bei der Umsetzung Unterschiede zur Landesrichtlinie gibt. So darf es beispielsweise kein Haareschneiden ohne Waschen geben. Und auch das Selberföhnen fällt weg, um die Geräte nicht zu verunreinigen.

Autor: