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Schadstoffe

In der Unsicherheit ein positiver Trend

Droht womöglich nach der Schlossstraße noch einmal eine Überraschung, dann erneut mit dem Zwang zu teuren Maßnahmen gegen Stickstoffdioxid in einer weiteren Straße? Diese Frage treibt mehr als einen Stadtrat um. Die Geschichte einer allgemeinen Verunsicherung – angereichert mit ein paar guten Zahlen.

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Ludwigsburg. Wenn es um überhöhte Werte mit Stickstoffdioxid geht und mithin um den Kampf gegen ein Fahrverbot, ist in der Lokalpolitik eine Verunsicherung, auch ein gewisses Misstrauen, deutlich spürbar. Das ist gut erklärbar. Zum einen durch die Vorgeschichte mit einer schmerzhaften Überraschung. Und aktuell durch die Tatsache, dass Ludwigsburg in ganz Baden-Württemberg neben Stuttgart die einzige Stadt ist, die derzeit noch ernsthaft von einem Diesel-Fahrverbot bedroht wird.

Die Vorgeschichte: Viele Jahre hatten sich alle Blicke bei den Themen Feinstaub, Stickstoffdioxid und Dieselfahrverbot auf nur eine einzige Stelle in der Stadt gerichtet: die Friedrichstraße. Genauer: Auf jene Stelle nahe der Unterführung unter der B27, wo eine Messstation lange Jahre Schadstoffwerte weit über den Grenzwerten zutage förderte. Die verbreitete Überzeugung war es, dass ein Dieselfahrverbot in der Stadt vom Tisch wäre, sobald an dieser Stelle die Grenzwerte eingehalten werden.

Gutachten schreckt auf

Der Feinstaub war schon im grünen Bereich und als es auch beim Stickstoffdioxid im Jahr 2019 fast so weit war, sorgte ein Gutachten für den Schock: Es kam auf der Basis von Modellrechnungen zu dem Ergebnis, dass die Belastung in anderen Straßenzügen der Stadt noch deutlich höher als in der Friedrichstraße liegen dürfte.

Die brisanten Zahlen waren zunächst eher das Nebenprodukt einer Expertise, mit der die Stadtverwaltung eigentlich etwas ganz anderes belegen wollte und in dem Gutachten auch bestätigt fand: Die Maßnahmen für saubere Luft in der Friedrichstraße zeigten Wirkung. Das wurde vom damaligen Oberbürgermeister Werner Spec öffentlich als großer Erfolg gefeiert. Damit seien die Klage der Deutschen Umwelthilfe und ein Dieselfahrverbot hinfällig.

Die gutachterliche Warnung vor Problemen in anderen Straßen dagegen blieb der Öffentlichkeit monatelang verschwiegen. Die Stadt kannte die brisanten Zahlen seit dem Sommer 2018, aber erst im Umfeld einer Gerichtsverhandlung im Herbst 2019 kam alles ans Tageslicht. Erste Messungen bestätigten: Es gibt einen neuen Brennpunkt in der Schlossstraße (B27), dort mit einem ersten Messwert von 60 Mikrogramm, also weit über dem Grenzwert von 40 Mikrogramm.

Und daher rührt die Verunsicherung in der Stadt. Kommt es womöglich jetzt mit der Schlossstraße noch einmal so, wie es mit der Friedrichstraße schon geschehen ist? Dass sich ein falscher Eindruck breit macht: Sobald wir das Stickstoffdioxid in der Schlossstraße unter den Grenzwert gedrückt haben, ist alles gut – und man dann aber plötzlich an anderer Stelle vom nächsten Brennpunkt überrumpelt wird?

Filtersäulen als letzter Akt?

Die Sorge brach sich Bahn kurz vor der Weihnachtspause, als es um viel Geld der Steuerzahler ging: Über 1,3 Millionen Euro für 15 Filtersäulen, die an der Schlossstraße Stickstoffdioxid aus der Luft holen sollen. Nur damit sei es möglich, den Grenzwert im Jahr 2021 so schnell anzupeilen, dass ein Dieselfahrverbot nicht länger drohe, das sagten die Fachleute den Stadträten. Und die gaben das Geld frei. Aber eben nicht ohne jene bange Frage, ob man damit wirklich vor weiteren Überraschungen gefeit sei.

Eine Antwort blieb die Stadtverwaltung in jener Sitzung schuldig. Eine Anfrage unserer Zeitung bei der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) ergibt jetzt gute Nachrichten für fünf andere stark befahrene Straßen, in denen die LUBW Stickstoffdioxid misst. Zumindest von dort droht die befürchtete Überraschung im Moment nicht. Überall liegen die Werte für fast das gesamte Jahr vor, überall liegen sie unter dem Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, meist deutlich (siehe Karte).

Wird das auch so bleiben? Das ist gut möglich, angesichts der zunehmenden Zahl an E-Fahrzeugen und der neuen, schadstoffärmeren Verbrennern. Und angesichts der Beschlüsse im Gemeinderat, reduzierte Geschwindigkeit mit Tempo 40 weiter auszurollen. Auch angesichts der Erwartung, dass die vierte Spur auf der Autobahn im neuen Jahr dafür sorgt, dass weniger Durchgangsverkehr in die Stadt kommt.

Warten auf Ende der Baustellen

Noch nicht wirklich absehbar ist es allerdings, wie sich die Lage auf der Hauptverkehrsachse von der Schwieberdinger Straße mit der Steigung in der Keplerstraße über die Bahnbrücke zur Friedrichstraße hin entwickelt. Die Berechnungen im Gutachten aus dem Jahr 2019 hatten für die Keplerstraße auf eine besonders hohe Belastung hingewiesen. Hinter den aktuellen, guten Messergebnissen steht das Fragezeichen, dass derzeit große Baustellen den Verkehr auf dieser Achse noch bremsen. Grundsätzlich sorgt auch die Corona-Pandemie für Unklarheit. Sorgen die Lockdowns und der damit verbundene Rückgang des Autoverkehrs nur für Einmal-Effekte? Es könnte im Gegenteil aber auch so kommen, dass der Trend zum Homeoffice die Straßen dauerhaft entlastet und damit auch die Belastung mit Schadstoffen senkt.

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