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Nachverfolgung

In der Zentrale der Corona-Abwehr

Von einem unscheinbaren Büro in Pflugfelden aus wird der Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus organisiert. Die Waffen sind Telefone, Ausdauer und eine gute Computersoftware.

Stefanie Bartzsch an ihrem Arbeitsplatz im Industriegebiet in Pflugfelden. Die Verwaltungsspezialistin vom Landratsamt leitet die neue Einheit, die dafür zuständig ist, die Kontaktpersonen von Coronakranken ausfindig zu machen. Foto: Holm Wolschendor
Stefanie Bartzsch an ihrem Arbeitsplatz im Industriegebiet in Pflugfelden. Die Verwaltungsspezialistin vom Landratsamt leitet die neue Einheit, die dafür zuständig ist, die Kontaktpersonen von Coronakranken ausfindig zu machen. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Bis vor wenigen Monaten hätte sich Stefanie Bartzsch wohl nicht vorstellen können, welche Einheit des Gesundheitsamts sie jetzt leitet. Eigentlich arbeitet die Verwaltungsspezialistin im Bereich Controlling des Landratsamts. Doch die Coronakrise hat dafür gesorgt, dass sie und ihr Team derzeit für die Ermittlung von sogenannten Kontaktpersonen zuständig sind. Das heißt: Ihre Mitarbeiter versuchen, alle Personen, die sich an einem Corona-Infizierten aus dem Kreis Ludwigsburg angesteckt haben könnten, ausfindig zu machen, erklärt Bartzsch.

Diese in den vergangenen Monaten neu aufgestellte Einheit ist das zentrale Instrument des Landkreises, um eine zweite Coronawelle zu verhindern. Das ist nötiger denn je. Denn auch in der Region steigen die Zahlen wieder an.

Derzeit werden Mitarbeiter eingestellt

Konkret läuft die Kontaktpersonenverfolgung wie folgt ab: Das Gesundheitsamt meldet Stefanie Bartzsch und ihren Mitarbeitern jeden neuen Coronafall. Der wird dann zunächst erfasst, alle Informationen wie Name, Adresse oder Art des Tests in eine Datenbank eingegeben. Dann nimmt das Team Kontakt zu dem Infizierten auf und bittet ihn oder sie eine Liste auszufüllen, in der alle Personen verzeichnet sind, die in den vergangenen Tagen näheren Umgang mit dem Erkrankten hatten, erklärt Bartzsch. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: die Kontaktverfolgung.

Da es im Landratsamt zu eng für die neu geschaffene Einheit ist, zumal wenn coronakonform gearbeitet werden soll, mietet der Landkreis seit Juni eine Büroetage im Industriegebiet Pflugfelden. „Die Räume sind so eingerichtet, dass wir Abstand halten können“, sagt Bartzsch. Aktuell gehören sieben Mitarbeiter zum Team. Ein Teil wurde neu eingestellt, andere sind aus anderen Abteilungen des Landratsamts in das Kontaktverfolgungsteam gewechselt. Da die Zahlen steigen, wird auch das Team bis Mitte September auf 15 Mitarbeiter aufgestockt, erklärt Bartzsch. Und in den neun Büroräumen ist sogar noch viel mehr Platz. Sollte es nötig werden, könnten die Nachverfolgungsteams sogar auf 32 Mitarbeiter erweitert werden.

Sobald die Liste mit den Kontaktpersonen vorliegt, werden alle Betroffenen angerufen. Den Mitarbeitern der Nachverfolgungsteams geht es vor allem darum, zu ermitteln, wer in Quarantäne muss und sich testen lassen sollte. Dafür wird am Telefon abgefragt, wie dicht und von welcher Dauer der Kontakt zum Infizierten war. Maßgeblich sind dafür die Angaben des Robert-Koch-Instituts. Als Kontaktperson ersten Grades – und damit ein Kandidat für Quarantäne und zwei Coronatests – gelten demnach vor allem Personen, die mehr als 15 Minuten im Abstand von weniger als zwei Meter ohne Maske mit dem Erkrankten in Kontakt standen. „Da geht es dann manchmal um die Frage, wer wo am Tisch saß“, erklärt eine Mitarbeiterin von Bartzsch. Während der direkte Sitznachbar in Quarantäne muss, war das Gegenüber am anderen Tischende nur einer geringen Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Typisches Ansteckungsumfeld bleiben damit die Familie oder Familienfeste, aber auch Fälle, bei denen sich Kollegen am Arbeitsplatz anstecken, kommen immer wieder vor.

Sorgloser Umgang bei den Jüngeren

Im Laufe der Monate hat das Team, das von Montag bis Sonntag im Einsatz ist, viel dazugelernt. „Im März hatten wir oft noch ewig lange Listen mit Kontaktpersonen.“ Jetzt, da alle mehr über das Virus wissen und die Menschen sich größtenteils an die Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln halten, könne man viel gezielter arbeiten. Die Kooperationsbereitschaft in der Bevölkerung ist nach den Erfahrungen des Nachverfolgungsteams sehr hoch. Die meisten der Erkrankten und ihrer Kontaktpersonen wüssten, worum es geht, und arbeiten mit dem Landratsamt zusammen. „Viele Leute sind sehr bedacht.“ Nur bei den Jüngeren erlebe man manchmal einen eher sorglosen Umgang.

Wird jemand beim ersten Anruf nicht erreicht, versuchen es die Mitarbeiter immer wieder. Erst am dritten Tag ohne Erfolg wird das Ordnungsamt der zuständigen Gemeinde informiert. Im Extremfall kann dann sogar ein Bußgeldverfahren eingeleitet werden. Die Ordnungsämter sind übrigens auch dafür zuständig, die Einhaltung der Quarantäne zu überwachen.

Damit bei all den Anrufen – bei derzeit etwa 20 Neuinfizierten pro Tag sind das weit über 100 Telefonate – nicht der Überblick verloren geht, sind die Kontaktverfolger auf eine gute Software angewiesen. Und die haben sie auch. Jeder Anruf wird erfasst und die Mitarbeiter halten den Inhalt in Notizen fest. Wird jemand nicht erreicht, wird sein Name vom System immer wieder aufgerufen. Das sei im Vergleich zum Anfang der Krise, als noch mit Excel-Tabellen gearbeitet wurde, ein riesiger Fortschritt.

Wie sich die Krise weiterentwickelt, wissen die Mitarbeiter der Nachverfolgungsteams natürlich nicht. In jedem Fall sind sie darauf vorbereitet, mit einer steigenden Zahl von Coronafällen fertig zu werden und die weitere Ausbreitung einzudämmen.

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