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Soziale Medien

Instagram-Eklat im Jugendgemeinderat

Dass der Ludwigsburger Jugendgemeinderat auf der Internetseite Ludwigsburgthings Beiträge wie „Ludwigsburger Kanacken mit 20.000 D und Geschäftssinn“ mit einem „Gefällt mir“ kommentiert hat, bleibt für die Jugendlichen nicht ohne Folgen. Die Stadtverwaltung zieht die Notbremse: Die Beiträge wurden umgehend entfernt, das junge Gremium muss sich künftig einer strengen Kontrolle unterziehen.

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Zwei Beispiele von der Instagramseite Ludwigsburgthings: Oben ist der Seitenname sowie der vom Verfasser markierte Ort zu sehen. Dann ein oder zwei Bilder mit Text. Darunter steht die Anzahl derjenigen, die den Beitrag mit „Gefällt mir“ markiert habe
Zwei Beispiele von der Instagramseite Ludwigsburgthings: Oben ist der Seitenname sowie der vom Verfasser markierte Ort zu sehen. Dann ein oder zwei Bilder mit Text. Darunter steht die Anzahl derjenigen, die den Beitrag mit „Gefällt mir“ markiert haben. Das „jgr.ludwigsburg“ steht für die Seite des Ludwigsburger Jugendgemeinderats. Die Markierung haben die Jugendgemeinderäte Anfang der Woche rückgängig gemacht. Foto: Screenshots
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Der Ausgangspunkt: Am 8. Februar veröffentlicht die Seite Ludwigsburgthings auf der Internetplattform Instagram ein Bild unter dem Stichwort „Shishabar“ und dazu den Satz „Ludwigsburger Kanacken mit 20 000 D und Geschäftssinn“ (siehe linke Abbildung). Mehr als 450 Besucher der Seite markieren diesen Beitrag mit einem „Gefällt mir“, auch einer der beiden Instagram-Beauftragten des Ludwigsburger Jugendgemeinderats setzt „Gefällt jgr. Ludwigsburg“ darunter.

Als er dies bemerkt, wendet sich ein entsetzter Leser an unsere Zeitung. Dies unter dem Eindruck, dass bei seiner Lektüre die Morde eines Deutschen mit rassistischer Gesinnung in einer Hanauer Shishabar erst wenige Tage zurückliegen. Auch aus der Ludwigsburger Stadtverwaltung sei nach diesen Morden Solidarität verkündet worden, heißt es in der E-Mail an unsere Zeitung. „Umso irritierender ist es, wenn ein Organ aus derselben Stadtverwaltung, der Jugendgemeinderat, rassistische Instagramposts liked, damit aktiv unterstützt und weiterverbreitet“, so der Verfasser.

Nicht weniger verstörend: Der Beitrag auf Ludwigsburgthings über Shishabars war zehn Tage vor den Morden von Hanau veröffentlicht worden.

Als unserer Redaktion den Fall am Montag dieser Woche an die Stadtverwaltung weiterleitet und um Aufklärung bittet, dauert es keine 30 Minuten, und die Einträge des Jugendgemeinderats auf der Instagramseite sind entfernt. Gestern am Nachmittag dann die Stellungnahme und eine Erklärung, wie die Stadtverwaltung reagiert hat. Demnach hat man im Rathaus, als die Information über den Beitrag auf Ludwigsburgthings einging, umgehend mit dem fünfköpfigen Vorstand des Jugendgemeinderats den Kontakt gesucht, ebenso mit den beiden Mitgliedern des Gremiums, die für die Instagram-Seite des Jugendgemeinderats zuständig sind. „Die Stadtverwaltung und der Jugendgemeinderat distanzieren sich von jeglichem rassistischen, diskriminierenden und beleidigenden Gedankengut“, heißt es in der gemeinsamen Stellungnahme von Stadtverwaltung und Jugendgemeinderat. Die Jugendlichen machten am Montag ihr „Gefällt mir“ nach Aufforderung der Stadt sofort rückgängig.

Auf Ludwigsburgthings werden seit dem 21. Dezember 2019 Bilder gepostet. Wer die Seite betreibt, ist auf Instagram nicht erkennbar. Sie befasst sich ausschließlich mit Ludwigsburg, zeigt entweder Fotos aus der Stadt oder Motive, die offenbar irgendwo im Internet gefunden wurden. Immer werden diese Bilder mit einer Ludwigsburg-Botschaft in Verbindung gebracht. Das können harmlose Hinweise auf das fehlende Nachtleben, mangelnde Parkplätze oder das größte Sparschwein sein. Es gibt aber auch Beiträge, die sowohl die Stadtverwaltung kategorisch ablehnt, als auch der bestürzte Leser als „rassistische oder sexistische, meist aber geschmacklose Beiträge“ beschreibt. Zum Beispiel werden zum Thema Einkaufscenter zwei Fotos gegenübergestellt: Einmal ein „normales Einkaufscenter“ mit drei freundlichen Kunden, darunter ist unter „Marstall Center“ eine dicht gedrängte Gruppe von finster dreinblickenden jungen Migranten abgebildet (siehe Abbildung rechts). Beide Fotomotive stammen nicht aus Ludwigsburg. Mehr als 2200 Menschen folgen der Seite. Viele von ihnen sind junge Menschen mit Migrationshintergrund, das zeigt der Blick auf die Liste der Abonnenten.

Der eigene Instagram-Auftritt des Jugendgemeinderats wird von einer Geschäftsstelle im Rathaus betreut. Außerdem haben nach Angaben der Stadtverwaltung zwei Mitglieder des Jugendgemeinderats Zugang und können im Namen des Gremiums posten, kommentieren und Beiträge mit „Gefällt mir“ markieren. Die Stadt will die beiden schützen, nennt weder Namen noch Geschlecht. „Es handelt sich um eine unbedachte Handlung eines Mitglieds des Jugendgemeinderats“, heißt es in der gestrigen Stellungnahme. Und weiter: „Diesem Mitglied ist es sehr wichtig klarzustellen, dass es keinesfalls rassistische Gedanken unterstützt. Gerade dieses Mitglied setzt sich im Jugendgemeinderat und an der Schule für kulturelle Vielfalt ein. Der/die Betroffene bereut das unüberlegte Handeln sehr und entschuldigt sich hiermit offiziell dafür.“

Dennoch wird der Vorfall nicht ohne Folgen für den Jugendgemeinderat bleiben. „Wir werden die Jugendlichen erneut sowohl für ihr öffentliches Amt als auch für ihr Verhalten in den sozialen Medien sensibilisieren“, so die Stadtverwaltung. Dieses Thema sei schon „bei mehreren Gelegenheiten angesprochen“ worden, etwa bei der Einführungsklausur des neuen Jugendgemeinderats im November.

Das junge Gremium präsentiert sich sowohl auf Instagram als auch auf Facebook. Mit den Beiträgen in den sozialen Medien soll die Arbeit des Jugendgemeinderats bekannt gemacht werden – vor allem bei Gleichaltrigen.

Welche Bilder, Videos und Texte sie dort veröffentlichen, mussten die Jugendlichen bereits zuvor mit der Geschäftsstelle abstimmen. In Zukunft muss alles, was in den sozialen Medien passiert, mit der Verwaltung abgestimmt werden, auch bei „Gefällt mir“-Angaben auf anderen Seiten, so die Stadtverwaltung. Das würde bedeuten, dass die Jugendlichen auf den Plattformen keine eigenen Entscheidungen mehr treffen dürften. Außerdem gebe es die neue Regel, dass nur noch offizielle Projekte oder Projektpartner des Gremiums ein „Gefällt mir“ vom Jugendgemeinderat erhalten können.

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