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Digitalisierung

Karaoke und Daddeln im Pflegeheim

Dreimal in der Woche heißt es für Bewohner des Hans-Klenk-Hauses: ran an die Spielekonsole. Die Spiele darauf – es wird getanzt, gesungen, gekegelt und Motorrad gefahren – wurden extra für Senioren entwickelt und trainieren Beweglichkeit und Gedächtnis.

Konzentriert machen Berta Störk und Heribert Robel die Tanzbewegungen auf dem Bildschirm nach.Foto: Holm Wolschendorf
Konzentriert machen Berta Störk und Heribert Robel die Tanzbewegungen auf dem Bildschirm nach. Foto: Holm Wolschendorf

Entspannt sitzt Ingeborg Wild auf dem Motorrad. „Eine BMW 500er“, erzählt sie. Die 87-Jährige lehnt sich locker nach links oder rechts, wenn sie den Fahrstreifen wechselt. Ihr Ziel: die Frauenkirche in Dresden. Ingeborg Wild wohnt im Hans-Klenk-Haus in Ludwigsburg und sitzt vor einem Fernseher. Das Motorrad fährt über den Bildschirm, mit einer Spielekonsole trainiert Ingeborg Wild ihre Beweglichkeit und ihr Gedächtnis. Dass sie nach Dresden möchte, erfährt sie nur am Anfang des Spiels. Dann muss sich die Seniorin das Ziel merken und die richtigen Abfahrten nehmen. Kurz vor dem Ziel biegt die 87-Jährige plötzlich nach rechts ab. Auf dem Straßenschild steht Berlin. „Sie wollten doch nach Dresden“, erklärt eine freundliche Computerstimme. Ingeborg Wild zuckt mit den Schultern. „Letztes Mal hab ich das gleich gefunden“, sagt sie.

Die „memoreBox“ ist ein Pilotprojekt, das derzeit in 115 Pflegeheimen in Deutschland, sieben davon stehen in Baden-Württemberg, getestet wird. Die Spielekonsole wurde extra für Senioren entwickelt und beinhaltet sechs therapeutische Spiele, erklärt Arndt Kühnle, der Regionalgeschäftsführer von Barmer in Ludwigsburg. Die Krankenkasse fördert die einjährige Testphase. In jedem der teilnehmenden Pflegeheime werden zwei Gruppen begleitet. Eine Gruppe trainiert regelmäßig, dreimal in der Woche eine Stunde, mit der Konsole. Die andere nicht. Nach der Testphase, die im September 2020 endet, vergleichen die Berliner Charité, die Alice-Salomon-Stiftung und die Humboldt-Universität Berlin die Ergebnisse und stellen dadurch fest, ob die Spiele einen positiven Einfluss auf die Beweglichkeit der Senioren haben.

Alexandra Metzger, die Leiterin des Sozialdienstes im Awo-Pflegezentrum, ist bisher sehr zufrieden mit der „memoreBox“. Das Pflegeheim habe bereits Spiele auf einer anderen Konsole ausprobiert, doch die Bedienung war zu kompliziert, die Spiele zu schnell. Bei der neuen Konsole reicht ein Knopfdruck zum Einschalten, alles weitere wird mit Gesten gesteuert, die auch die Bewohner verstehen. „Wir schaffen das gut“, sagen diese. „Und falls nicht, haben wir ja unsere jungen Männer, die helfen“, ergänzt eine und zwinkert den Mitarbeitern des Pflegeheims zu.

„Am Anfang konnte ich mir ehrlich nicht vorstellen, dass wir Alten das schaffen“, gibt Theresia Langbein zu. Sie ist 88 Jahre alt und spielt am liebsten Briefträger. Auf dem Bildschirm fährt ein Postbote auf einem Fahrrad durch eine Wohnsiedlung. Links hat er gelbe Briefe, rechts blaue. Je nachdem, welcher Briefkasten am Straßenrand auftaucht, muss Theresia Langbein nach rechts oder links hinten greifen und den Brief werfen. „Das fordert den festen Stand und die Zielgenauigkeit“, erklärt Arndt Kühnle. Ihr Ziel trifft die 88-Jährige fast immer. Und landet doch mal ein Brief hinter einer Hecke, lacht Theresia Langbein: „Upps!“

Während Ingeborg Wild am liebsten vor dem Bildschirm kegelt, setzt sich Berta Störk gerne auf das Motorrad. „Am meisten Spaß macht es, die Schilder umzufahren“, sagt die 85-Jährige. Beim Tanzen blüht Heribert Robel richtig auf. Der 86-Jährige bewegt mit Begeisterung seine Hüften und hebt die Hände im Takt zu einem bekannten Schlager von Helene Fischer. Auf dem Bildschirm zeigt eine Frau, welche Bewegungen nacheinander kommen. „Ich habe früher viel getanzt“, erzählt Heribert Robel mit einem Lächeln im Gesicht. Fetzig muss die Musik sein, zu der er sich bewegt.

Zum Abschluss wählen die Senioren das Karaoke-Spiel. Zur Auswahl stehen mehrere Lieder. Doch sie einigen sich schnell: „Am Brunnen vor dem Tore“ soll es sein. Denn das kennen sie alle.

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