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Corona-Ausgangssperre

Kontrolle mit Samthandschuhen

Mit einem verstärkten Aufgebot hat die Polizei am Samstag die nächtliche Ausgangssperre kontrolliert, die seit diesem Tag galt. Noch gingen die Einsatzkräfte mit Samthandschuhen vor – ab heute aber drohen empfindliche Bußgelder.

Erst mit einer, dann mit zwei gesperrten Fahrspuren kontrolliert die Polizei am Samstag auf der B 27 – wer als Privatmensch nach 20 Uhr noch unterwegs ist, wird angehalten.Fotos: Andreas Becker
Erst mit einer, dann mit zwei gesperrten Fahrspuren kontrolliert die Polizei am Samstag auf der B 27 – wer als Privatmensch nach 20 Uhr noch unterwegs ist, wird angehalten. Foto: Andreas Becker
Die Ausgangssperre ist ab Donnerstag aufgehoben. Archivfoto: Andreas Becker
Die Ausgangssperre ist ab Donnerstag aufgehoben. Foto: Andreas Becker

Nichts geht mehr auf der B27. Die Polizei hat die vielbefahrene Verkehrsachse auf Höhe des Haupteingangs der Barockresidenz in beide Richtungen komplett abgesperrt. Auf jeder Straßenseite stehen zwei Einsatzwagen, nur jeweils eine Spur bleibt frei. Jedes Auto muss durch diese Nadelöhre und wird kontrolliert. Rot-weiß gestreifte Verkehrskegel und blaue Warnblinklichter weisen den Weg, Polizisten winken jeweils die beiden ersten Fahrzeuge aus der immer länger werdenden Schlange mit roten Leuchtstäben zu sich.

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Polizeikontrollen

„Guten Abend, wir kontrollieren die neue Corona-Verordnung“, lautet die freundliche Standardansprache. Seit Samstagabend ist eine Ausgangssperre in Kraft: Zwischen 20 und 5 Uhr darf nur auf die Straße, wer einen triftigen Grund nennen kann. Dazu zählt die Landesregierung unter anderem berufliche Tätigkeiten, medizinische und veterinärmedizinische Leistungen oder die Begleitung von Sterbenden. Raus darf auch, wer eine religiöse Veranstaltung besucht oder mit seinem Hund Gassi geht.

Polizeibeamten sind von 20 bis

5 Uhr mit Kontrollen unterwegs

„Wir sind mit erhöhter Präsenz im Einsatz“, sagt Einsatzleiter Torsten Hourticolon. Auch die Schwieberdinger Straße und die Friedrichstraße sind abgesperrt. Wenn der Verkehr zu späterer Stunde nachlässt, werden die stationären Kontrollen aufgelöst. Dann suchen Streifenwagen das gesamte Stadtgebiet nach Personen ab, die sich trotz Ausgangssperre auf der Straße aufhalten. „Wir sind die ganze Nacht unterwegs“, so der Einsatzleiter, bis zum Ende der Ausgangssperre, so meldet die Polizei am Sonntag, waren sie im Einsatz.

Nach Angaben der Polizei waren in Ludwigsburg in der Nacht 18 Beamte im Einsatz. Die packen am Samstagabend noch nicht den Holzhammer aus. Am ersten Wochenende der Ausgangssperre ist Aufklärungsarbeit angesagt. Ab dem heutigen Montag aber werden Verstöße geahndet. Es handele sich nicht um eine Straftat, sondern um eine Ordnungswidrigkeit, erklärt Hourticolon. Der Bußgeldkatalog des Landes liege noch nicht vor. Es ist aber von empfindlichen Strafen auszugehen, die sich gerade bei mehreren Verstößen auch im Geldbeutel bemerkbar machen dürften. „Leider braucht es solche Strafen“, meint der Einsatzleiter und zuckt mit den Schultern. „Viele verstehen es anders einfach nicht.“

Das zeigt sich am nächsten Tag in einem vorläufigen Fazit: Wie die Polizei berichtet, wurden im Bereich des Polizeipräsidiums in den Kreisen Ludwigsburg und Böblingen rund 1500 Fahrzeuge kontrolliert – ein Fünftel gab an, von der Ausgangssperre nichts zu wissen und wurde lediglich ermahnt. In 46 Fällen indes, laut Polizei ging es nicht näher erläutert um „Uneinsichtige und beharrliche Verstöße“, gab es eine Anzeige,

Trotz langer Wartezeit zeigen die Autofahrer am Samstag Verständnis für die Kontrollen. Die Beamten informieren in kurzen Gesprächen über die Ausgangssperre und weisen immer wieder darauf hin, dass man sich auf der Internetseite www.baden-wuerttemberg.de über die Bestimmungen informieren kann. Diskutiert wird kaum. Hourticolon wird nur einmal in einen kurzen Disput verwickelt: Ein Mann war gerade beim Einkaufen und will den Polizeihauptkommisssar davon überzeugen, dass er ohne die Schlange auf der B27 auf jeden Fall schon um 20 Uhr zu Hause gewesen wäre. Keine gute Ausrede, denn die Polizei hat die Straßensperre erst einige Minuten nach 20 Uhr aufgebaut.

Um die zahlreichen Fahrzeuge schneller kontrollieren zu können, schlägt ein Beamter vor, eine zweite Spur zu öffnen. Dieser Plan geht auf, da nun doppelt so viele Fahrzeuge abgearbeitet werden können. Dennoch ist die Schlange – insbesondere in Richtung Autobahnauffahrt Ludwigsburg Nord – gegen 21 Uhr immer noch lang. Busse, Taxis und Lieferanten von Lokalen werden nicht kontrolliert. „Machen Sie die Leute satt und glücklich“, winkt ein Polizist einen Pizzaausfahrer durch. Das wird freilich nur gelingen, wenn die Pizza in der Warteschlange nicht kalt geworden ist.

Künftig werden von jedem, der unterwegs ist, Nachweise verlangt

Bei den meisten Autofahrern ist angekommen, dass die Ausgangssperre greift. Der überwiegende Teil ist beruflich unterwegs. Viele können eine Bestätigung ihres Arbeitgebers vorlegen, was den Beamten die Arbeit erleichtert. Manche waren gerade bei Angehörigen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Sie habe gerade ein Medikament für ihre Mutter aus der Apotheke geholt, erzählt eine Dame. Auch in solchen Fällen verlangen die Beamten künftig einen Nachweis, sagt Hourticolon. „Da reicht die Pflegegradeinstufung oder das Rezept von der Notfallpraxis.“

„Wir werden Verstöße gegen die Ausgangssperre verfolgen“

Der Einsatzleiter ist nicht unzufrieden mit dem Verlauf der Kontrolle. Deutlich mehr als 80 Prozent der Autofahrer hätten tatsächlich einen triftigen Grund gehabt, schätzt Hourticolon, als ab 21.30 Uhr nur noch vereinzelt Fahrzeuge am Kontrollpunkt eintreffen. Triftige Gründe sollten auch in den kommenden Wochen vorliegen, sonst kann es schnell teuer werden. „Wir werden Verstöße gegen die Ausgangssperre verfolgen“, betont der Polizeihauptkommissar. „Ob wir einen solch erhöhten Kräfteeinsatz beibehalten, müssen wir entscheiden, wenn wir die Ergebnisse der ersten paar Nächte ausgewertet haben.“

Das erste Fazit der Polizei zeigt: Den Belehrungen der Beamten sei überwiegend mit Verständnis begegnet worden. Der Appell der Polizei nach den ersten Kontrollen : dass sich die Bürger „an die Ausgangsbeschränkung halten und dazu beitragen, dass die Pandemie bewältigt werden kann“.

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