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PFLEGEKRÄFTEMANGEL

Kritik an Spahn auch aus dem Kreis

Scharf geht Bernhard Schneider, Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung, mit den Ankündigungen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ins Gericht: „Das Sofortprogramm zur Pflege ist nur Flickschusterei“. Und die Geschäftsführerin der Kleeblatt gGmbH, Andrea Nisi-Binder, fragt sich, wo die angekündigten 13 000 zusätzlichen und von der Krankenkasse finanzierten Pflegekräfte überhaupt herkommen sollen.

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Pflegekräfte wünschen sich mehr Zeit für ihre Patienten.Archivfoto Jens Kalaene /dpa

KREIS LUDWIGSBURG. Bereits beim Demografieforum der Landkreisverwaltung im Februar hatte Landrat Rainer Haas vor einem Pflegenotstand gewarnt. Es wird geschätzt, dass bis 2025 mindestens 1200 neue Pflegeplätze benötigt werden – zusätzlich zu den aktuell bestehenden 4626. Eine Erhebung Anfang des Jahres habe ergeben, dass 40 Prozent der Einrichtungen wegen Personalmangel zeitweise einzelne Pflegeplätze nicht belegen könnten, so der Sprecher des Landratsamts, Andreas Fritz.

Um den Bedarf zu decken, wären rund 550 neue Mitarbeiter in der Pflege nötig, davon die Hälfte Fachkräfte, sagt Nisi-Binder. In den 26 Kleeblatt-Pflegeheimen im Kreis Ludwigsburg würden aktuell 35 Vollzeitstellen fehlen.

Man versuche, den Mangel mit Zeitarbeitern abzufedern. Die aber könnten sich ihre Arbeitszeiten aussuchen, also Spätdienste oder Wochenenden ausklammern. „Wir müssen aufpassen, dass das Stammpersonal nicht die Seiten wechselt“, warnt Nisi-Binder. Akut seien 17 von 725 Plätzen wegen Personalmangels geblockt. Dazu kommt der ambulante Dienst, der rund 600 Haushalte betreut. 60 Prozent der Auszubildenden würden der Pflege erhalten bleiben. Der Rest suche sich nach dem Abschluss andere Jobs. Die Arbeitsbedingungen müssten sich bessern, so Nisi-Binder, sonst hinke man dem Bedarf ständig hinterher.

Nisi-Binder fordert außerdem, dass das Anerkennungsverfahren ausländischer Fachkräfte entbürokratisiert und beschleunigt wird. Das sei möglich über verkürzte Prüfungen, Praxisanleitung und Probearbeit. Am wichtigsten sind für sie Sprachkurse. Die Spahn’sche Ankündigung, bundesweit 13 000 Planstellen zu schaffen, die über die Krankenversicherung finanziert werden sollen, würde den Kleeblattheimen 14 Stellen bescheren. „Immer noch zu wenige, aber es wäre eine spürbare Verbesserung“, so Nisi-Binder. Vorausgesetzt man könne sie überhaupt auftreiben.

An sich sei die Pflegeversicherung eine großartige Errungenschaft. Sie habe sich aber in 25 Jahren zu einem „bürokratischen Monstrum“ entwickelt, sagt Bernhard Schneider, der in Freudental wohnt. Dass nun mit einem Sofortprogramm Abhilfe geschaffen werden soll, sei zwar besser als nichts, im Grunde aber doch nur Flickschusterei. Das koste viel Geld, mache das System komplizierter und bringe am Ende keine Lösung. „Die Politik muss endlich den Mut aufbringen, das Pflegesystem neu zu erfinden und den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen.“ Mit dem Sofortprogramm sei kein großer Wurf zu erkennen, so der Sprecher der Initiative Pro-Pflegereform. Das Klein-Klein der bisherigen Politik werde weitergeführt und Maßnahmen für die Alten- und die Krankenpflege in einen Topf geworfen. „Purer Aktionismus“, kritisiert Schneider. Es werde an einem System herumgeschraubt, das nicht zu reparieren sei. Die angekündigten 13 000 Pflegestellen für die Altenhilfe seien ein Tropfen auf den heißen Stein, so Schneider. Zusätzliche Stellen mit einer Milliarde Euro aus der Krankenversicherung zu finanzieren, um damit die medizinische Behandlungspflege pauschal abzudecken, verspreche nichts als zusätzliche Bürokratie. Stattdessen müssten die Personalschlüssel angehoben werden und von der Pflegeversicherung bezahlt werden. Rückkehrprämien für Pflegekräfte von 5000 Euro zu bezahlen, würde nichts als Mitnahmeeffekte provozieren. „Es ändert nichts am System“, sagt Schneider. Pflegefachkräfte würden ihrem Beruf den Rücken kehren, weil sie ständig den eigenen Ansprüchen hinterherlaufen und sich mehr Zeit für gute Pflege wünschen.

Die Pflegeversicherung müsse strukturell so verändert werden, dass die Kosten für alle Pflegebedürftigen finanzierbar seien – unabhängig davon, ob sie zu Hause, im Betreuten Wohnen oder in einem Heim leben. Wie diese Reform gelingen könne, zeige ein Konzept der Initiative Pro-Pflegereform, die von der Evangelischen Heimstiftung 2016 ins Leben gerufen wurde. Das Ergebnis: Die Strukturreform sei machbar und finanzierbar. „Die Lösung heißt Pflegevollversicherung mit Eigenanteil“, erklärt Schneider.

Die Versicherten würden demnach einen festen Sockelbetrag bezahlen und sonst nur die üblichen Haushaltskosten wie Verpflegung und Miete. Die Pflegeversicherung würde Grundpflege und Betreuung, die Krankenkasse Behandlungspflege und Rehabilitation übernehmen. Ein Plus von 0,7 Prozentpunkten an Beiträgen reiche für eine echte Pflegevollversicherung aus. Dadurch werde gute Pflege wieder bezahlbar und das Risiko der Altersarmut sinke. Außerdem wirke man damit Dumpinglöhnen und schlechter Pflege entgegen, weil sich der Wettbewerb dann an der Qualität orientiere und nicht mehr am Preis.

Das jetzige Pflegesystem mit ambulanten, stationären und teilstationären Sektoren und Leistungen, die je nach Wohnort von der Krankenkasse, der Pflegekasse oder vom Versicherten zu bezahlen seien, sei in 25 Jahren zu einem „unüberschaubaren Flickenteppich“ geworden. „Wir müssen das radikal vereinfachen“, fordert Schneider. Er vermisse im Gesundheitsministerium eine langfristige Strategie. „Wir brauchen einen Masterplan und echte Reformen“. Die Vorschläge dazu lägen auf dem Tisch.

„Auch in den Häusern der Evangelischen Heimstiftung kann es zu kurzfristigen Engpässen wegen der Personalsituation kommen“, sagt deren Sprecherin Dr. Alexandra Heizereder. Das 1952 gegründete Unternehmen – Mitglied im Diakonischen Werk – begleite und betreue als Dienstleister 11 400 Menschen in Baden-Württemberg in 100 Einrichtungen. Dazu gehören 86 Pflegeheime, zwölf Tagespflegeeinrichtungen, eine Rehabilitationsklinik, eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen sowie 1470 betreute Wohnungen und 27 mobile Dienste mit 2360 Kunden. Im Landkreis Ludwigsburg befänden sich elf Pflegeeinrichtungen sowie zwei Standorte für mobile Dienste. Insgesamt beschäftigt die evangelische Heimstiftung 8100 Mitarbeiter und hat 710 Auszubildende.