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„Menschen aus dem Kreis“

Leben zwischen Heimat und Politik

Einen weiten Bogen von ihrem Privatleben bis zum Bundespräsidentenamt haben Eva Luise und Horst Köhler als prominente Gäste der Gesprächsreihe „Menschen aus dem Kreis“ der LKZ und der Kreissparkasse am Dienstagabend gespannt. Und damit die vielen Zuhörer in den Bann gezogen.

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Unterhaltsame Runde: Auf dem Podium mit Eva Luise und Horst Köhler sowie der Moderatorin des Abends, LKZ-Chefredakteurin Ulrike Trampus (links), wurde viel gelacht.Fotos: Holm Wolschendorf
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Großer Andrang: Die Erinnerungen des Ehepaars Köhler lockten viele Besucher in den Louis-Bührer-Saal der Kreissparkasse.

Ludwigsburg. Das Interesse an den Köhlers war groß: Zahlreiche Besucher waren am Dienstagabend der Einladung zu der gemeinsamen Veranstaltung von Ludwigsburger Kreiszeitung und Kreissparkasse Ludwigsburg in den Louis-Bührer-Saal gefolgt. Über den Besuch „zweier ganz besonderer Menschen“ freute sich Heinz-Werner Schulte, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Ludwigsburg, der die Köhlers „hier zu Hause in Ludwigsburg“ herzlich willkommen hieß. „Das ist ein schöner Moment im Leben eines Zeitungsverlegers“, freute sich Gerhard Ulmer, Verleger der Ludwigsburger Kreiszeitung. Die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern hatte die Kreissparkasse auf 2000 Euro aufgestockt, sie wurden an die Karlshöhe gespendet. Die ehemalige First Lady ist Schirmherrin dieser Einrichtung.

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Menschen aus dem Kreis: Köhler

„Eine Ahnung von Heimat“

„Ludwigsburg ist die Stadt, die mir eine Ahnung von Heimat gab“, eröffnete Ulrike Trampus, Chefredakteurin der Ludwigsburger Kreiszeitung, das Interview mit einem Zitat von Horst Köhler. Seine Familie kam Anfang 1954 als Flüchtlinge nach Ludwigsburg und lebte zunächst in der Jägerhofkaserne, während Eva Luise Köhler hier zur Welt gekommen ist. „Meine Frau sagt, ich bin kein echter Schwabe“, scherzte Horst Köhler, der sich selbst als „Rucksackschwabe“ bezeichnet. „Das schmeckt wie Sauerampfer“, schilderte er seine erste Begegnung mit dem Württemberger Wein, einem Trollinger-Lemberger, im Haus der künftigen Schwiegereltern. Später durfte der Wein aus der Heimat auch bei Auslandsaufenthalten nie fehlen.

Liebe auf den ersten Blick war es dagegen mit Eva Luise Bohnet, die die gleiche Konfirmandengruppe wie die jüngere Schwester von Horst Köhler besuchte. Eigentlich sei das hübsche Mädchen mit dem frechen Kurzhaarschnitt viel zu jung gewesen. „Ich riskierte trotzdem einen Blick“, so der Altbundespräsident heute. Und als es nach einem Besuch im Kino in Strömen regnete, schlüpfte er einfach unter den Schirm des jungen Mädchens.

„Die Liebe ist die Basis“

„Gegenseitiges Interesse, gemeinsame Interessen und Wertschätzung“, antwortete Eva Luise Köhler auf die Frage von Ulrike Trampus, ob es eine Formel für das harmonische Miteinander gebe. „Die Liebe ist die Basis dafür“, fügte die ehemals Erste Dame des Staates hinzu. Die vielen herausragenden beruflichen Positionen Horst Köhlers brachten zahlreiche Umzüge mit sich – ob nach Bonn, London, Washington und später Berlin. Was Horst Köhler als Heimat empfindet? „Dass ich mit meiner Frau zusammen bin“, sagte er. Aber auch Familie, Sprache und Kultur spielen für ihn eine große Rolle.

„Wir haben überall unsere nächsten Nachbarn eingeladen“, berichtete Eva Luise Köhler, dass es nie schwierig gewesen sei, neue Kontakte zu knüpfen. Das galt auch für die USA, wo das Paar von 2000 bis 2004 lebte. Horst Köhler, der in Washington als Direktor des Internationalen Währungsfonds tätig war, erzählte, dass er schon vorher in London gelernt habe, sich an die zumindest sprachliche Überschwänglichkeit anzupassen. Die Auslandsaufenthalte schärften auch seinen Blick für die kulturelle Vielfalt. „Es gibt die Möglichkeit, Brücken zu unterschiedlichen Kulturen zu bauen. Man muss sie nur sehen und begehen“, plädierte er an seine Zuhörer.

„Ich sehe mit Sorge auf die Debatte“, antwortete der prominente Gast auf die Frage, wie er die aktuelle Migrationsdiskussion bewerte. Die Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sommer 2015 sei richtig gewesen. Ein Fehler dagegen, nicht deutlich zu machen, dass Deutschland nicht die ganze Welt aufnehmen könne. „Auch die Migration braucht Grenzen“, wies Köhler darauf hin, dass die Aufnahme- und Integrationsfähigkeit begrenzt sei. „Wir sind eine alternde Gesellschaft und brauchen Leute“, plädierte er für ein Zuwanderungsgesetz. Allerdings müsse man die Kraft haben zu sagen, wen man wolle und wen nicht. Kritik übte er an der Haltung der Staaten, die den Migrationspakt der Vereinten Nationen ablehnen.

„Ich habe es auch getan, weil Deutschland mir als Flüchtlingskind viel gegeben hat“, erzählte der prominente Gast, warum er das Amt des Bundespräsidenten nach anfänglichem Zögern übernommen habe, das er sich durch „Learning by doing“ zu eigen machte. Er übte es von 2004 bis zu seinem Rücktritt 2010 aus. „Ich habe meine Aufgabe als Ehrenamt verstanden, im wahrsten Sinne des Wortes“, sagte Eva Luise Köhler. Sie nutzte ihre Stellung als Präsidentengattin, um den Fokus auf seltene Erkrankungen zu richten. Mit ihrem Mann hat sie im Jahr 2006 eine Stiftung für Menschen mit seltenen Erkrankungen gegründet. Nicht Begegnungen mit gekrönten Häuptern haben Eva Luise und Horst Köhler in dieser Zeit am tiefsten beeindruckt, sondern Zusammentreffen mit deutschstämmigen Juden in Israel oder einem afrikanischen Mädchen, das als Kindersoldatin missbraucht wurde.

Vereinte Nationen als Plattform

Der Blick nach Afrika mit 1,2 Milliarden Menschen durfte an diesem Abend nicht fehlen. „Man muss ernsthaft daran arbeiten, die Bedingungen in Afrika so zu ändern, dass die Menschen dort bleiben“, sagte Horst Köhler. Wer das ernsthaft wolle, müsse auch die Wirtschafts- und Handelsstrukturen in Europa ändern und diese fair gestalten. „Europa und Afrika befinden sich in einer Schicksalsgemeinschaft, und man kann diese zum Guten wenden“, zeigte sich der ehemalige Bundespräsident überzeugt. Es sei falsch zu glauben, dass alle Afrikaner nach Europa wollen. „Die jungen Menschen wollen eine Ausbildung und ihr Land aufbauen“, berichtete er aus zahlreichen Gesprächen, die er geführt hat.

Das Thema Afrika lässt Horst Köhler immer noch nicht los: Aktuell engagiert er sich in der Beilegung des Westsahara-Konfliktes, der sich auf ganz Nordafrika auswirkt. Für ihn sind die Vereinten Nationen angesichts einer in Unordnung geratenen Welt ein wichtiges Organ, das allen Menschen auf diesem Planeten eine Plattform bietet. „Wir dürfen unseren Enkeln keine Welt hinterlassen, die von Kriegen, Umweltzerstörung und Hass geprägt ist“, so sein Appell zum Schluss.