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Schulen

Ludwigsburg nähert sich Luftfiltern für Schulen an

Vehement gefordert von Schulleitern und vielen Eltern, empfohlen von Aerosol-Forschern: mobile Luftfilter in Klassenzimmern, um die Infektionsgefahr zu verringern und Unterricht möglich zu machen. Jetzt will die Stadt zumindest prüfen, was solche Geräte bringen. Von einer Modellstadt ist Ludwigsburg aber noch weit entfernt.

Das große Modell mit 150 Kilogramm tauscht in 200 Quadratmeter-Räumen fünfmal in der Stunde die Luft komplett aus, zwei davon stehen im Großen Saal des Kulturzentrums. Der kleine Bruder passt für Räume von 70 Quadratmetern für dasselbe Austauschvolum
Das große Modell mit 150 Kilogramm tauscht in 200 Quadratmeter-Räumen fünfmal in der Stunde die Luft komplett aus, zwei davon stehen im Großen Saal des Kulturzentrums. Der kleine Bruder passt für Räume von 70 Quadratmetern für dasselbe Austauschvolumen.
Das mittlere Modell wurde für Räume mit 70 Quadratmetern entwickelt, es hat einen Vor- und einen Hepa-HauptfilterFotos: Janna Werner
Das mittlere Modell wurde für Räume mit 70 Quadratmetern entwickelt, es hat einen Vor- und einen Hepa-Hauptfilter Foto: Janna Werner
Innenleben des größten Modells mit übereinander installierten Lamellenfiltern aus Teflon, die einfach herausnehmbar sind.
Innenleben des größten Modells mit übereinander installierten Lamellenfiltern aus Teflon, die einfach herausnehmbar sind.

„Es geht um weit mehr als nur die Corona-Pandemie.“ Dass Jan-Eric Raschke so etwas sagen sollte, ist nicht erstaunlich, ist er beim Filterspezialist Mann+Hummel (M+H) doch der Fachmann für Lösungen rund um saubere Luft. Er steht im Foyer des Firmensitzes neben den zwei größeren der drei Modelle an Luftreinigern. „Wir machen uns insgesamt zu wenig Gedanken um saubere Luft“, sagt er. „Andere Länder sind da bedeutend weiter.“ Diese arbeiteten in vielen Bereichen mit mobilen Geräten, die Luft reinigen – nicht nur in OP-Sälen oder in Reinräumen wie der Mikroelektronik, sondern auch in Veranstaltungsräumen, Praxen, Kinos, Theatern, Gastro oder Läden. Deutschland bewegt sich: M+H war im März das allererste Mal auf der Intergastra eingeladen. Das Umdenken wurde schon im Herbst 2020 sichtbar: Viele Restaurants und Geschäfte auch in Ludwigsburg schafften sich Luftreiniger an, um die Sicherheit ihrer Kunden zu erhöhen.

Land pocht auf Anlagen und Lüften

So weit wie nach China, Japan oder Skandinavien muss man aber gar nicht gehen. Im benachbarten Bayern gehören mobile Luftfilter in Klassenzimmern seit Corona dazu und werden vom Land gefördert. Baden-Württemberg indes zieht sich noch auf die Empfehlung des Umweltbundesamtes zurück, dass neben installierten Lüftungsanlagen regelmäßiges Lüften für ausreichend erachtet.

Das sehen die Schulleiter in Ludwigsburg anders, und auch die FDP-Fraktion im Gemeinderat gibt sich damit nicht zufrieden, wie auch Stadtrat Johann Heer betonte. Bereits vor einem Monat hatte sie den Antrag gestellt, zu dem die Verwaltung mit Erstem Bürgermeister Konrad Seigfried ihrerseits Fragen formulierte, die ihr vom Sozialausschuss einstimmig als Prüfauftrag mitgegeben wurden: Welche Filter sind für Schulen und Kitas geeignet, was kosten sie, können sie gefördert werden, und nicht zuletzt: Können mobile Luftreiniger zur Garantie von Präsenzunterricht beitragen, indem sie diesen auch bei hohen Inzidenzen ermöglichen und auch dazu beitragen, diese zu senken?

„Ja“, sagt Stefanie Knecht. Die FDP-Stadträtin ist die treibende Kraft hinter dem Antrag und als Elternbeirätin im Otto-Hahn-Gymnasium mitten im Geschehen. Dort ist die Bereitschaft zu Luftfiltern mit einem schadstoffbelasteten Gebäude sowieso hoch. Knecht hält es für machbar, dass Ludwigsburg mit dem Filterspezialisten Mann+Hummel vor Ort zu einer Modellstadt inklusive wissenschaftlicher Begleitung werden kann – mit mobilen Luftreinigern in jedem der geschätzt 700 Klassenzimmer, das wären 1400 der kleinen M+H-Modelle.

„Viele Kinder haben Probleme“

Ob das Land das fördert, sei zweitrangig, so ihre Überzeugung. Mit Fördervereinen, Spenden und Sonderkonditionen von M+H könne Ludwigsburg einen Sonderweg beschreiten und mit bestem Beispiel vorangehen. Wie berichtet, hat der Förderverein einer Kita aktuell zwei Luftreiniger finanziert. Knecht hatte zudem vorgeschlagen, die rund 700000 Euro aus dem städtischen Fonds Jugend, Familie, Zukunft 2020 zu nutzen. In Kombination mit Schnelltests könnten so Kinder und Eltern geschützt werden. Und es gehe um Bildungsgerechtigkeit, seit über einem Jahr finde kein regulärer Unterricht mehr statt: „Viele Kinder sind schon hinten runtergefallen, haben emotionale und psychische Probleme.“

„Ein sehr guter Vorschlag“, sagte Grünen-Rätin Elfriede Steinwand, die aber bezweifelte, dass die Mittel aus dem Fonds reichten. Sich daraus zu bedienen, weigerte sich die CDU mit Uschi Traub: „Wir wollen die Mittel nicht für Investitionen nutzen, sondern für zusätzliche Angebote.“ Das bestätigte Erster Bürgermeister Seigfried, der Zweck des Fonds „lässt so eine Finanzierung nicht zu“. Aber: Der Gemeinderat könne mit einem Beschluss den Zweck durchaus anpassen.

„Die Filtration wirkt. Punkt.“

Unabhängig von Corona sieht Jan-Eric Raschke die Luftfilter als Mittel der Wahl. Ob Grippe, Allergien oder schlechte Luft, M+H registriere einen hohen Beratungsbedarf, hat drei Werke mit der Produktion hochgefahren. Studien, die eine Filterleistung von über 99,9 Prozent bescheinigten und die Forderung der Aerosol-Forscher nach Lüftern in Räumen erhöhten den Druck. „Die Filtration wirkt. Punkt.“ So könnten Schüler, wenn nötig mit geteilten Klassen, in Präsenz unterrichtet werden. Modellschulen gebe es bereits: „Die Rückmeldungen sind sehr positiv.“ Es gehe langfristig um Wege, saubere Mobilität, sauberes Wasser und saubere Luft zu gewährleisten.

Ähnlich argumentierte auch Uschi Traub im Ausschuss. Sie lobte den Vorstoß, der auch Aufschluss darüber geben könne, wie mobile Filter, bestehende Anlagen und CO2-Ampeln funktionierten.

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