Logo

Projekt
Ludwigsburger Bürgertheater: Die Utopie trotzt der Pandemie

Das Leitungsteam – Axel Brauch, Bettina Gonsiorek (rechts) und Gesine Mahr – freut sich schon auf dieses Jahr. Foto: Ramona Theiss
Das Leitungsteam – Axel Brauch, Bettina Gonsiorek (rechts) und Gesine Mahr – freut sich schon auf dieses Jahr. Foto: Ramona Theiss
Das Bürgertheater-Projekt „L’Utopia“ geht in die zweite Saison. Regisseur Axel Brauch, Projektleiterin Bettina Gonsiorek und Ausstatterin Gesine Mahr werfen einen Blick zurück – und nach vorne.

Ludwigsburg. Utopie trotzt Pandemie: So ließe sich das Zwischenfazit von Bettina Gonsiorek, Gesine Mahr und Axel Brauch, dem neuen Leitungsteam des Bürgertheaters, nach der ersten Saison des Projekts „L’Utopia“ auf eine knappe Formel bringen. Nach einem Jahr voller Lockdowns im vergangenen Frühling zunächst noch online mit einem digitalen „Café der Utopist*innen“ und virtuellen Workshops inmitten der Coronakrise gestartet, konnten die ersten beiden Stationen der „künstlerisch-experimentellen Forschungsreise durch die Stadtteile“ im Sommer dann bereits an Ort und Stelle angesteuert werden. Denn eines der erklärten Ziele von „L’Utopia“ ist, „die Stadtteile in ihrer Diversität abzubilden“, betont Regisseur Brauch. Um „alte Utopien aufzuspüren – und neue zu entdecken“, wie Mahr ergänzt. All dies mit einem spartenübergreifenden, partizipativen Ansatz: Von Beginn an waren die Bewohner des jeweiligen Stadtteils dazu eingeladen, unmittelbar an der Entwicklung des von der Stadt Ludwigsburg und dem Land Baden-Württemberg aus dem Fonds Soziokultur und dem Programm Neustart Kultur geförderten Projekts mitzuwirken. Spaziergänge und Kurz-Interviews halfen, die Menschen vor Ort, ihre Erfahrungen und Wünsche besser kennenzulernen. Auch die Zusammenarbeit mit den Stadtteilbeauftragten habe sich bereits im Vorfeld sehr positiv entwickelt und als äußerst wertvoll erwiesen.

So gerüstet, ging es im Sommer dann mit zwei Aktionswochen in Eglosheim und Neckarweihingen gewissermaßen in den ersten Akt. „Sehr spannend und auch sehr unterschiedlich“ sei das gewesen, resümiert Ausstatterin Mahr. An beiden Stationen zu beobachten: „Sobald wir mit unserem Equipment auf dem Platz aufschlagen, wird’s sofort ganz divers: Da kamen Menschen unterschiedlichster Hintergründe – das ist wirklich sehr schön.“ Das Herzstück der Intervention im öffentlichen Raum bildete jeweils ein Pop-up-Café, von einem in Gerüstbauweise errichteten Kiosk markiert, der erste Workshop war dann der gemeinsamen Platzgestaltung mit selbst gebauten Palettenmöbeln gewidmet. In beiden Stadtteilen habe man „Gräben“ ausgemacht: Was für Eglosheim die B27 darstellt, ist in Neckarweihingen die Kluft zwischen altem Ortskern und dem nördlich davon gelegenen Neubaugebiet.

Sowohl auf dem Eglosheimer Kelterplatz als auch auf dem Neckarweihinger Rathausplatz sei es gelungen, durch die Aktionswoche Grundsteine für Begegnungen zu legen, „kleine Brücken zu bauen“, so Brauch: „Kunst und Kultur können tatsächlich Verbindungen schaffen – dieses Gemeinsam-an-etwas-Arbeiten ist ja an sich schon eine verwirklichte Utopie.“

Über die Zirkus- und Modellstadt-Workshops für Kinder seien auch die Eltern in Kontakt gekommen, zudem habe man interessante Einblicke in die utopische Gedankenwelt der Kinder und Jugendlichen erhalten, sagt Gonsiorek. Teilweise erschreckend mit Sorgen um die Zukunft belastete, teilweise aber auch lustige: „In Neckarweihingen haben sie große Fabriken mit rauchenden Schornsteinen gebaut, in Eglosheim wollten sie ganz viele Autos – Autos sind cool!“, wie Mahr erzählt. Dort sei die ebenfalls aus Europaletten gezimmerte Open Stage „wie Bolle“ gelaufen: „Jeden Abend, auch wenn es geregnet hat, kamen Leute mit Instrumenten und stürmten die Bühne.“ Lieder zur Gitarre, Ukulele, Gedichte, Poetry Slam, Rap, Tangotanz – stets habe sich spontan ein wirklich enorm buntes Programm ergeben, so Brauch. Für viele sei es auch das erste Mal gewesen, dass sie sich in der Öffentlichkeit präsentiert haben. In Neckarweihingen war die Nachfrage dagegen geringer. Entsprechend habe man dort mehr selbst gestaltetes Programm auf die Bühne gebracht. Die Resonanz auf Workshops sei überall groß gewesen, so das Leitungstrio.

Für 2022 sind nun Aktionswochen in der Oststadt (25. bis 30. Mai), zu den Hochschulcampustagen an der Pädagogischen Hochschule (11. bis 15. Juli) und in Hoheneck (1. bis 8. August) geplant, weitere Stadtteile sollen 2023 folgen. Für jeden Stadtteil werden Audiospaziergänge entwickelt, die für Eglosheim und Neckarweihingen konzipierten Actionbound-Audiowalks sind auf der Projekt-Homepage abrufbar und werden in Bälde in unserer Zeitung vorgestellt.

Seinen Abschluss wird „L’Utopia“ 2024 erleben: All die Inhalte und Geschichten, die an den verschiedenen Stationen der Forschungsreise eingesammelt wurden, sollen dann zusammengeführt und mithilfe der Dramaturgin Margherita Lo Tito zu einem großen Theaterstück, möglicherweise aus dem historischen Fundus der um Menschheitsutopien kreisenden Literatur, verquickt werden. „Es wäre toll, wenn alle Menschen, die wir unterwegs auf unserer Reise getroffen haben, darin in der einen oder anderen Form auftauchen würden“, sagt Brauch. Denkbar sei vieles: „Musik, Gesang, Theater, Tanz, vielleicht gibt es auch einen Chor – ich habe jedenfalls das Bedürfnis, wieder in die Fülle zu gehen und etwas zu machen, das auch die Bürger, die Stadtteile, wieder zusammenbringt.“

Internet: www.buergertheaterlb.de.