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Interview

„Man lernt bei der Kammerarbeit viel dazu“

Zwei Unternehmergenerationen im Gespräch über ihre Arbeit bei der IHK Ludwigsburg: Julian Pflugfelder (links) und Helmut Ernst.

Ludwigsburg. Zwei Unternehmer engagieren sich in der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg, die die Interessen von knapp 30 000 Mitgliedsfirmen, wovon etwa 8600 im Handelsregister eingetragen sind, im Kreis vertritt: Der Neuling Julian Pflugfelder (30) von der gleichnamigen Ludwigsburger Unternehmensgruppe sowie Helmut Ernst (75) vom Traditionsunternehmen Lotter, der schon mehr als drei Jahrzehnte aktiv ist. Wir sprachen mit ihnen über ihre Beweggründe, über die IHK und das Unternehmertum.

Herr Ernst, wie lange engagieren Sie sich schon bei der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg?

Helmut Ernst: Ich bin seit 1981 in der IHK-Vollversammlung und Bezirksversammlung aktiv, also 36 Jahre. Die Firma Lotter ist aber seit Gründung der Kammer Mitglied. Unternehmen haben letztlich auch Pflichten, die über die Firma hinausgehen. Da gehört auch die Kammerarbeit dazu.

Das ist eine sehr lange Zeit. Was motiviert Sie, sich auch heute noch zu engagieren?

Helmut Ernst: Es ist einfach interessant. Man lernt bei der Kammerarbeit auch viel dazu, bekommt zum Beispiel Gesetzesänderungen mit. Über so lange Zeit lernt man auch die Mitarbeiter der Kammer kennen. Das heißt, wenn man ein Problem hat, weiß man, wer anzusprechen ist.

Herr Pflugfelder, was hat Sie dazu bewegt, sich bei der IHK einzubringen?Können Sie sich auch ein so langes Engagement wie bei Herrn Ernst vorstellen?

Julian Pflugfelder: Ich sehe das wie Herr Ernst auch als unternehmerische Verpflichtung, gerade für uns als ein klassisches, mittelständisches Familienunternehmen mit 54 Mitarbeitern. Ich kann mir durchaus ein längeres Engagement vorstellen. Für uns ist die IHK ganz wichtig als Interessenvertreter. Wir profitieren sehr stark von der Dualen Ausbildung, die für uns sehr wichtig ist. Wir haben derzeit sechs Lehrlinge. Wir bilden Immobilienkaufleute sowie Kaufmann oder Kauffrau für Bürokommunikation aus.

Wie viele Ausbildungsberufe bietet Lotter an?

Helmut Ernst: Wir haben eine ganze Reihe an Lehrberufen: Groß- und Einzelhandelskaufleute, Fachkräfte für Lagerlogistik, Berufskraftfahrer oder Kfz-Mechatroniker.

Bieten Sie auch Duale Studiengänge an?

Julian Pflugfelder: In den letzten Jahren nicht mehr. Statt den Dualen Studiengang bieten wir Universitäts- und Fachhochschulabsolventen Werkstudentenplätze an. Der Schwerpunkt liegt bei uns jedoch bei den Ausbildungsberufen und Weiterbildungsmöglichkeiten der IHK. Für uns wird es immer wichtiger selbst auszubilden, da es am Immobilienmarkt einen harten Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte gibt.

Helmut Ernst: Wir bieten auch Duale Studiengänge an und sind seit der Gründung der Berufsakademie dabei.

Gibt es IHK-Themen, die durch Ihr Mitwirken zu Veränderungen führten?

Helmut Ernst: Welche Einflussmöglichkeiten man hat, das ist schwer zu sagen. Natürlich bringt man sich bei Diskussionen ein, wie etwa im Handelsausschuss. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Kontroverse um die Ladenöffnungszeiten am Sonntag. Da habe ich auch die Linie unterstützt, sonntags geschlossen zu lassen, dafür unter der Woche flexible Öffnungszeiten zuzulassen. Oder im Verkehrsausschuss habe ich mich auch dafür eingesetzt, dass das Bahngleis von Markgröningen nach Ludwigsburg nicht abgebaut wird, wie es die Bahn Ende der siebziger Jahre geplant hatte. Möglicherweise hat der Kampf damals geholfen, das Gleis zu erhalten.

Julian Pflugfelder: Bei mir als Neuling hält sich die Mitwirkung noch in Grenzen. Aber ich bin nun in einem Team, das sich mit der Modernisierung der IHK Ludwigsburg beschäftigt. Gerade mit Blick auf die Digitalisierung. Da haben wir gemeinsam mit den Wirtschaftsjunioren bereits einiges in die Wege geleitet.

Was war und ist mit Blick auf die bisherige Arbeit der IHK-Bezirkskammer wichtig?

Helmut Ernst: Das Ausbildungswesen ist, wie auch Herr Pflugfelder schon sagte, ein ganz wichtiger Bereich der IHK-Arbeit. Und da war es in Ludwigsburg richtig, dass man den Verein zur Förderung der Berufsbildung (VFB) gegründet hat. Das ist für Ludwigsburg und den Kreis Böblingen eine wichtige Bildungseinrichtung, über die ja viele Weiterbildungsmaßnahmen laufen. Wichtig ist auch, dass die Bezirkskammer den Dialog pflegt mit der Stadt Ludwigsburg sowie den Kreisgemeinden. Gerade bei Fragen zur innerstädtischen Entwicklung in Ludwigsburg bringt sich die Kammer auch ein, aber ebenso der Innenstadtverein Luis.

Wo sehen Sie denn in nächster Zeit Handlungsbedarf für die IHK?

Julian Pflugfelder: Der Fachkräftemangel wird uns in Zukunft noch in viel stärkerem Umfang beschäftigen. Für Ausbildungsberufe zum Beispiel in der Gastronomie, dem Einzelhandel, im Bauhauptgewerbe und in den Pflegeberufen ist die Zahl der Bewerber stark rückläufig. Dringend müssen deshalb besonders in diesen Bereichen die zuständigen Kammern und Berufsverbände gemeinsam mit den Arbeitgebern attraktivere Berufsbilder entwickeln. Die Kammer muss sich verstärkt dafür einsetzen, dass die Breitbandversorgung ausgebaut wird. Denn künftig werden die Datenvolumen und Datentransfers sehr stark ansteigen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht abgehängt werden.

Für die IHK ist auch die Verkehrssituation in der Region ein großes Thema.

Helmut Ernst: Ja, das ist ein großes Problem. Zumal die weitaus größte Mehrheit in der Region sehr stauerfahren ist. Da ist ja gerade einiges in der Diskussion wie Fahrverbote, Sperrungen oder Feinstaub. Das wird von der IHK natürlich genau verfolgt. Wichtig ist, dass bei den geforderten Maßnahmen auch die Konsequenzen aufgezeigt werden. Würde das Dieselverbot ohne Ausnahmen durchgesetzt, würde vieles zusammenbrechen.

Julian Pflugfelder: Beeinträchtigt wären insbesondere alle Liefer- und Servicedienste und im Außendienst alle, die auf Mobilität angewiesen sind. Sanktionen sind schwierig und schwächen in erheblichem Umfang den Wirtschaftsstandort Region Stuttgart.

Mit dem Einzug der Kaktus-Initiative, den Kammerkritikern, ist ganz schön Bewegung in die Versammlungen gekommen. Wie stehen Sie zu den Kakteen?

Julian Pflugfelder: Die Herrschaften wurden demokratisch gewählt. Bei den Diskussionen sollte man sich aber aufs Wesentliche konzentrieren. Man sollte den Fokus auf die Kernaufgabe der IHK legen und keine Themen aufgreifen, die nichts in der Kammer verloren haben.

Helmut Ernst: Die Kakteen behindern die Kammerarbeit dort, wo es nicht nach ihrem Willen geht. Beispiel Stuttgart 21: Die politische Entscheidung dazu ist gefallen, das Projekt wird gebaut. Und sich jetzt in Versammlungen der Kammer beispielsweise mit der Zugfolge im geplanten Stuttgarter Hauptbahnhof zu befassen, das gehört nicht dorthin. Ich kann auch deren Demokratieverständnis nicht nachvollziehen, nämlich aus der Versammlung auszuziehen, wenn einem etwas nicht passt.Wie zum Beispiel jüngst, als Johannes Schmalzl zum neuen IHK-Hauptgeschäftsführer gewählt werden sollte.

Die Kaktus-Initiative fordert die Aufhebung der Pflichtmitgliedschaft. Können Sie das verstehen?

Helmut Ernst: Vielleicht könnte man die Kleinstunternehmen, die ohnehin keinen Beitrag zahlen, daraus entlassen. Doch für die öffentlich-rechtlichen Kammeraufgaben und das Ausbildungswesen brauchen wir die Pflichtmitgliedschaft. Große Firmen wie Bosch, Daimler, Porsche könnten ihre Angelegenheiten wahrscheinlich kostengünstiger regeln. Die kleineren und mittleren Unternehmen hätten das Nachsehen. Oder aber es würde der Staatsapparat aufgebläht.

Julian Pflugfelder: Die Pflichtmitgliedschaft sichert konstant und verlässlich die Leistungsfähigkeit der IHK. Das hat, besonders in konjunkturell schwierigen Zeiten, für kleine Unternehmen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung.

Ein anderes strittiges Thema ist die Kooptation von Mitgliedern, die nicht gewählt wurden, aber aufgrund einer Branchenzugehörigkeit berufen werden.

Helmut Ernst: Da muss ich sagen, das hat mich früher auch manchmal gestört. Wenn gerade Wahlen waren und in der ersten Sitzung gleich kooptiert wurde. Da muss man sich fragen, warum haben sie diese Personen nicht gleich aufstellen lassen. Kooptationen gibt es übrigens auch bei Kirchengemeinderäten oder Stiftungen.In der Sacharbeit kann es schon sinnvoll sein, dass man bestimmte Leute mit heranzieht. Man sollte sie nicht ganz abschaffen, sie aber nicht zur Regel, eher zur Ausnahme machen.

Die IHK wird in Verantwortungspositionen immer weiblicher. Neben einigen Geschäftsführerinnen gibt es mit Marjoke Breuning jetzt auch eine Präsidentin. Wie finden Sie das?

Helmut Ernst: Ich habe da absolut nichts dagegen. Ich habe Frau Breuning nicht deshalb gewählt, weil sie eine Frau ist, sondern wegen ihrer Kompetenzen. Jetzt ist sie erst wenige Monate im Amt. Aber was sie bisher gemacht, sieht gut aus. Und auch mit den Kakteen bemüht sie sich um einen Ausgleich. Ob sie Erfolg haben wird, muss sich zeigen.

Julian Pflugfelder: Es ist egal, ob ein Mann oder eine Frau an der Spitze steht, wenn die Leistung stimmt und man demjenigen die Aufgabe zutraut. Ich habe Frau Breuning persönlich noch nicht kennengelernt. Ich denke, dass sie eine gute Präsidentin wird. Sie ist engagiert und sucht auch den Dialog über Stuttgart hinaus mit den Bezirkskammern.

Mit Frau Breuning steht erstmals jemand aus dem Einzelhandel an der Spitze.

Helmut Ernst: Als Händler kann ich das natürlich nur begrüßen.

Julian Pflugfelder: Als Nichteinzelhändler finde ich die Entscheidung gut. Gerade im Einzelhandel haben wir eine schwierige Zeit, etwa durch die stattfindenden Konzentrationen in Einzelhandelszentren und das starke Wachstum des Onlinehandels. Da sind Innovationen gefragt. Ich denke, da kann Frau Breuning sicher ihre Erfahrung einbringen.

Der frühere IHK-Präsident Hans Peter Stihl hat jüngst beklagt, dass die Schlagkraft der IHK Region Stuttgart durch die fünf Kammern nicht gesteigert, sondern eher reduziert wird. Damit hat er indirekt die Bezirkskammern infrage gestellt. Sind sie tatsächlich überflüssig?

Helmut Ernst: Nein. Ich finde, es ist sehr wichtig, dass wir in Ludwigsburg eine eigene Bezirkskammer haben. Viele Fragen lassen sich auf örtlicher Kreisebene leichter besprechen als von Stuttgart aus. Es ist wichtig, dass man nah bei den Firmen ist. Sicher ist es sinnvoll, bestimmte Themen zentralisiert zu behandeln, wie Steuer- oder Rechtsfragen. Ich sehe nicht, dass Stuttgart durch die Bezirkskammern geschwächt ist.

Julian Pflugfelder: Es ist schon wichtig, die Interessen des Landkreises gegenüber Stuttgart und der Region zu vertreten. Wir haben eine so starke Wirtschaftskraft, weshalb auch eine eigene Kammer hier notwendig ist.

Was macht eigentlich einen Unternehmer aus?

Julian Pflugfelder: Ich glaube, man muss authentisch sein. Man braucht eine starke innere Haltung und klar definierte Ziele. Für uns heißt dies zum Beispiel die Expansion unseres Neubaugeschäftsbereichs auf ganz Süddeutschland und im Maklerbereich die Verteidigung der Marktführerschaft im Kreis Ludwigsburg mit einem weiteren Ausbau unserer Aktivitäten in Stuttgart. Daneben wollen wir ein noch attraktiverer Arbeitgeber werden.

Helmut Ernst: Entscheidend ist sicherlich verantwortungsvolles Handeln, um das Familienunternehmen zu erhalten und die Arbeitsplätze zu sichern. Da steht die reine Gewinnmaximierung nicht im Vordergrund. Ich sage immer, ich bin einer von 1500 Leuten und jeder hat seine Aufgabe. Wichtig ist dabei, dass jeder in seiner Aufgabe anerkannt und wertgeschätzt wird.

Als Unternehmer ist man zeitlich oft stark eingespannt. Wann beginnt bei Ihnen der Arbeitstag?

Helmut Ernst: Ich bin morgens fast nie der Erste, vielleicht manchmal abends der Letzte, weil dann mehr Ruhe ist.

Julian Pflugfelder: Ich fange morgens um 8 Uhr an. Die meisten Mitarbeiter kommen um 9 Uhr. So habe ich eine Stunde Ruhe, um mich auf den Tag vorzubereiten. In der Regel bin ich bis 20.30 Uhr im Büro. Am Wochenende arbeiten wir ebenfalls. Da bin ich am liebsten im Büro, um komplexe Themen in Ruhe zu bearbeiten. Mein wichtigstes Arbeitsgerät ist inzwischen mein Smartphone. Mit ihm bin ich an jedem Ort jederzeit erreichbar und kann sofort reagieren.

Sie haben beide keine Familie, was es leichter macht, so viel Arbeitszeit zu investieren.

Helmut Ernst: Das ist richtig, das muss man fairerweise sagen. Es ist schon so, dass ich manchen Mitarbeitern sagen muss, dass Familie und Kind auch wichtig sind. Arbeit kann nicht alles sein.

Julian Pflugfelder. Familie und Beruf gut in Einklang zu bringen, das sehe ich auch als Herausforderung für die nächsten Jahre, gerade in der sich immer schneller entwickelnden Berufswelt.

Helmut Ernst: Das sehe ich genauso.