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Landwirtschaft

„Mancher hat in nur einer Nacht zwei Drittel verloren“

Auch im Kreis haben die frostigen Aprilnächte Obstanlagen und Weingärten massiv getroffen. Über „die schwersten Frostschäden seit Jahrzehnten“ klagen unisono Kreis-Bauernchef Eberhard Zucker und Günter Plonka, Obstbau-Berater im Landratsamt.

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Für die Liebhaber von Kirschen wird es ein bitteres Jahr: Die Frostnächte der vergangenen Woche haben erhebliche Schäden in Wein-und Obstbau angerichtet. Foto: Patrick Seeger/dpa

Ludwigsburg. „Es gibt Betriebe, die in einer Nacht zwei Drittel ihres Einkommens verloren haben“, sagt Eberard Zucker. Der Vaihinger Landwirt ist Vorsitzender des Bauernverbandes Heilbronn-Ludwigsburg und kann sich nicht an ähnlich massive Frostschäden in seinem Beritt erinnern. Vor allem im Enztal und in weiten Teilen des nördlichen Landkreises Ludwigsburg seien Obstanlagen und Weingärten schwer geschädigt, teils seien 90 bis 100 Prozent der Blüten erfroren. Etwas besser sehe es in Teilbereichen des Strombergs aus.

Steinobst besonders betroffen

Auch wenn es nach übereinstimmender Aussage aller Fachleute noch zu früh für eine belastbare Bilanz ist und allerorten die Hoffnung herrscht, dass doch noch Teile der Obstbäume und Rebstöcke Früchte tragen werden, erwartet Zucker für den Kreis im Weinbau Ertragseinbußen von etwa 60 Prozent. Obstbauberater Günter Plonka befürchtet, dass gar 80 Prozent der Obstanlagen von den Frostschäden betroffen sind – bei merklichen lokalen Unterschieden. Vor allem Kirschen und Zwetschgen dürften 2017 Mangelware sein.

Und was sagen die betroffenen Wengerter und Landwirte? Karin Schäfer vom gleichnamigen Kleinbottwarer Öko-Weingut etwa liegt in ihrer vorläufigen Schadensbilanz sehr nah bei Zuckers Erwartungen. Sie stelle sich auf eine um 60 Prozent kleinere Lese als in Durchschnittsjahren ein, vor allem in den unteren Lagen seien Weingärten fast komplett erfroren. Ihre Hoffnung ruht vor allem darauf, dass die Beiaugen der Burgunder-Sorten austreiben, sobald es wieder wärmer wird.

Obstanbauer Sven Gunsser aus Affalterbach erwartet auf seinen Apfelplantagen Ernteausfälle von bis 80 Prozent, ähnlich heftig sei das Steinobst betroffen. Gunssers Problem: Er verfügt nicht über genug Wasser, um seine Bäume durch eine Frostschutzberegnung vor dem Erfrieren zu schützen. Dabei setzt die per Wasserberieselung auf Blüten und Blättern erzeugte Eisschicht Kristallisationswärme frei, die die Temperatur innerhalb der Eishülle über dem Gefrierpunkt hält.

Gunssers Kollege Jürgen Stirm aus Rielingshausen konnte seine Apfelbäume zum Großteil durch diese Methode schützen, wogegen die Frostschutzberegnung bei den Kirschen – die unterhalb der Krone besprüht werden müssen – aus physikalischen Gründen nicht in gleichem Maße griff.

Auch Jürgen Stirm muss daher bei seinen Kirschen mit erheblichen Einbußen leben. Außerdem trifft ihn die massive Schädigung der frühen und mittleren Walnuss-Sorten: Auf über zehn Prozent seiner Anbaufläche stehen Nussbäume. Außerdem betreibt er eine Ölmühle, deren Kunden nun ebenfalls die Nüsse fehlen werden.

Foliendach für Kirschbäume

Besser dran ist Thomas Häberle vom Talhof in Erligheim: Die Frostschutzberegnung hat seine Apfelernte weitgehend gerettet. Und Häberle wird wohl auch seine Kirschen wie gewohnt ernten können: Die Bäume stehen unter Foliendächern und konnten daher beheizt werden. Freilich kostet dieser technische Schutz fürs Steinobst – der die Kirschen eigentlich vor allem vor dem Aufplatzen bewahren soll – ein hübsches Sümmchen: „Etwas mehr als 60 000 Euro“ müsse man für einen Hektar Foliendach schon investieren, berichtet Häberle.

Weit weniger geschädigt als Stein- und Kernobst sind die Beeren, und dem Ackerbau haben die kalten Nächte ohnehin kaum geschadet. Doch war der zu dieser Jahreszeit nicht unübliche Frost ohnehin nicht der Kern des Problems. Vielmehr ist nach dem trockenen Winter und einem sehr warmen März die Vegetation schon deutlich weiter fortgeschritten als üblich. Und geöffnete Blüten und junge Früchte sind nun mal anfälliger für Eiseskälte als Knospen.