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Freizeit

Mit dem Rad auf großer Fahrt

Katja Goll und Michael Klein sind seit mehr als 15 Jahren stets auf zwei Rädern auf Reisen – Tochter fährt auf dem Tandem mit

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Ob mehrwöchiger Urlaub oder Ausflug: Katja Goll und Michael Klein sind mit Tochter Klara in der Freizeit fast immer per Rad unterwegs.Foto: privat

Ludwigsburg. Ursprünglich waren Michael Klein und Katja Goll keine eingefleischten Radfahrer. „Wir sind als Jugendliche in die Schule oder ins Schwimmbad gefahren“, erzählt das Paar. Aber mehr als zehn Kilometer pro Fahrt seien da im Alltag fast nie zusammengekommen. Sie war damals in Möglingen zu Hause, er in Walheim. „Bei uns im Ort hat man mit 18 seinen Führerschein gemacht“, sagt Klein. Und dann stand das Auto im Vordergrund.

Dass beide heute Experten für Radreisen sind, die dazu auch Vorträge halten, führen sie auf zwei Schlüsselerlebnisse zurück. Als Katja Goll während ihres Studiums der Chemieingenieurwissenschaften zu einem praktischen Einsatz in Maulbronn immer wieder im Stau stand, kamen ihr Zweifel, ob das Auto das richtige Fortbewegungsmittel in der Region ist. Fortan pendelte sie zu ihrem Studienort Esslingen mit den Rad.

Das zweite Schlüsselerlebnis ereilte die Nordeuropa-Fans dann im Urlaub. Bei einem Aufenthalt in Norwegen sahen sie Radfahrer, die die Trollstigen, eine legendäre Passstraße erklommen. „So etwas hat uns dann auch gereizt“, sagt Michael Klein. Und ganz im Hinterkopf hatte das Fahrrad bei Michael Klein auch zu dieser Zeit schon Platz. „Ein Rennrad war immer mein Traum“, gibt er zu. Zwei Rennräder waren denn auch der Anfang der gemeinsamen Radel-Leidenschaft. Und auch wenn Katja Goll und Michael Klein später Tausende von Kilometern am Stück bei ihren Reisen unterwegs waren, haben sie klein angefangen. „Am Anfang waren 100 Kilometer die große Herausforderung“, sagt der Software-Entwickler.

Vor 15 Jahren stand dann die Grundsatzentscheidung an, ganz auf ein Auto zu verzichten, aber eher pragmatisch denn dogmatisch. „Das Auto musste zum TÜV und wir zweifelten, ob es sich lohnt noch einmal Geld reinzustecken“, schildert Klein die Situation. Und weil das im Alltag kaum noch gebraucht wurde, habe man beschlossen, künftig darauf zu verzichten. Statt dessen wurde das Rad zum Standard-Fortbewegungsmittel, neben den öffentlichen Verkehrsmitteln. Dank eines Lastenanhängers brachten Goll und Klein auch die Apfelernte von der Streuobstwiese der Familie ohne motorisierte Hilfe nach Hause. Und den Urlaub verbrachten beide nur noch auf zwei Rädern, von der Anreise mit der Bahn zum jeweiligen Startpunkt ihrer Touren einmal abgesehen. „Wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, ist man viel näher an der Natur“, erklärt Katja Goll den besonderen Reiz dieser Art des Reisens. Übernachtet wurde stets im Zelt, was in Skandinavien auch ohne Campingplatz überall möglich ist.

Am Faible des Paares fürs Rad hat auch die Geburt von Tochter Klara nichts geändert. Ihre erste Tour absolvierte die heute Achtjährige noch als Baby in einer Art Hängematte, dank der sie im Kinderanhänger sicher und bequem untergebracht war. „Damals waren wir nur ein paar Tage im Schwarzwald unterwegs, um uns langsam heranzutasten, wie Radreisen mit Kind funktionieren“, berichtet Katja Goll.

Denn für die Eltern bedeutet das Reisen mit dem Nachwuchs deutliche Veränderungen. „Im Vordergrund müssen die Interessen und Bedürfnisse der Kinder stehen“, gibt Goll anderen Eltern mit auf den Weg. Im Kleinkindalter sei das noch kein Problem gewesen. Da habe Klara im Anhänger immer mal wieder ein Nickerchen gemacht und anschließend eine halbe Stunde oder auch länger mit Schauen und Spielen ausgehalten. Und wenn es ihr zu langweilig wurde, wurde die nächste Pause eingelegt.

Später, als Klara etwa drei war, stattete die Familie sich auch technisch neu aus. Der Kinderanhänger sei auf Dauer zu unhandlich gewesen und zudem habe man sich mit Klara während der Fahrt schlecht unterhalten können, erklärt Michael Klein. Sie stiegen auf ein spezielles Liegerad-Tandem um, bei dem die Tochter vorne sitzt. Inzwischen haben Goll und Klein noch ein zweites angeschafft, als Pedelec mit Elektromotor. Das dient im Alltag als Lastenrad und nun können die zwei auch zwei Kinder gleichzeitig transportieren, etwa wenn Klara mit einer Freundin zum Ballett gebracht werden muss. Die Plätze auf dem Tandem sind in Klaras Freundeskreis sehr begehrt.

Doch auch die Tourenplanung verändert sich mit zunehmenden Alter des Kindes. „Es ist hilfreich ein schönes Ziel vor Augen zu haben“, betont Goll. Für Klara waren dies beispielsweise eine Eselswanderung in Südfrankreich oder die Astrid-Lindgren-Welt in Südschweden.

Mit Kindern werden die Tagesetappen kürzer. 40 bis 50 Kilometer seien ausreichend, damit dazwischen Zeit zum Spielen, Toben und Entdecken bleibe, sagt Goll. Noch kürzer sind die Etappen, wenn die Kinder beginnen, selbst zu fahren. 30 bis 40 Kilometer schaffe Klara schon, sagen die Eltern. Wichtig sei keinen Druck auszuüben. Ganz ohne Auto wollen die Rad-Enthusiasten nach mehr als einem Jahrzehnt Abstinenz aber nicht mehr sein. Für manche Fahrten nutzen sie inzwischen Car-Sharing. Allzu oft sei das aber nicht nötig, sagt Michael Klein schmunzelnd.