Logo

Kinderfußball

Nachwuchs soll mehr spielen dürfen

Experten sind sich einig: Die Nachwuchsförderung im deutschen Kinderfußball muss neu gedacht werden. Viele kleine Vereine sind über die durchgesickerten Reformpläne des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) jedoch verunsichert. Wie stark wird der Nachwuchsbereich umgekrempelt?

Jeder soll samstags kicken können, nach diesem Leitgedanken sind Veränderungen in Planung.Foto: WFV
Jeder soll samstags kicken können, nach diesem Leitgedanken sind Veränderungen in Planung. Foto: WFV

Ludwigsburg. Eine trendige Spielform für Kinder geistert derzeit durch die Fußballwelt und macht manch einen Verein nervös: Funiño. Die Wortneuschöpfung aus dem englischen Wort für Spaß (fun) und dem spanischen Wort für Kind (niño) könnte die neue Spielform für Nachwuchsspieler bis zur E-Jugend werden und ist schnell erklärt: Drei gegen drei auf vier kleine Tore ohne Torwart. Kinder sollen dadurch mehr Spielaktionen bekommen als im Sieben gegen Sieben, wie die neun bis elfjährigen E-Junioren derzeit spielen. Ein Vorschlag dieser Art liegt dem Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes vor.

Landesverband Württemberg Vorreiter

Vor einem Jahr löste die Fußballnationalmannschaft durch ihr peinliches Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft in Russland eine Debatte aus: Wie gut ist die deutsche Nachwuchsarbeit noch, lautete plötzlich die zentrale Frage. Dabei hatte die DFB-Elf 2017 mit einem jungen Team den Confederations-Cup gewonnen und die U-21-EM. In diesem Jahr hat Deutschlands U.21 erneut das Finale erreicht, unterlag Spanien aber mit 1:2. Also trotz der Finalniederlage alles gut? „Diese Diskussionen bezüglich Jugend- und Kinderfußball gab es schon vor der WM. Das wurde erst danach richtig ausgeschlachtet“, betont Dirk Mack. Der Löchgauer leitet das Nachwuchsleistungszentrum des Bundesligisten TSG Hoffenheim. Die Diskussion geht unabhängig vom jüngsten Erfolg weiter. Vor allem im unteren Jugendbereich werden Verbesserungen angedacht.

Im Landesverband Württemberg wurde der Spielbetrieb bei den Bambinis schon vor sieben Jahren umgestellt. Gespielt wird nur noch an eigens organisierten Spieltagen im Drei gegen Drei, zwischen den Spielfeldern gibt es Bewegungszonen. Dabei werden keine Tore gezählt, keine Ergebnisse aufgeschrieben, keine Sieger gekürt. Es soll nur um das Spielen gehen. „Wir sind da in Baden und Württemberg auf einem guten Weg. Es wäre im Sinne der Kinder, das bundesweit zu vereinheitlichen“, sagt Mack.

Michael Rentschler, Verbandssportlehrer beim Württembergischen Fußballverband (WFV), sitzt in einer Kommission, die dem DFB-Präsidium mehrere Reformmöglichkeiten für den Kinderfußball vorgelegt hat. Das Präsidium soll nun Empfehlungen aussprechen. Erste Anpassungen sind dann für die Saison 2020/21 geplant. Es soll allerdings kein Zwang dahinter stehen. Für die Vereine in Württemberg seien die möglichen Veränderungen überschaubar, glaubt der ehemalige Spieler der SpVgg 07 Ludwigsburg und der TSF Ditzingen.

Sicher ist er sich hingegen, dass etwas getan werden muss: „Es ist viel Unwissen im Umlauf. Wir haben auch ein Problem, Jugendliche im Fußballsport zu behalten.“ Demnach hört die Hälfte alle Nachwuchskicker nach vier oder fünf Jahren wieder auf mit Fußball. Meist weil sie zu wenig Spielzeit bekommen und dadurch den Spaß verlieren. Das sei das Grundproblem, warum vielen Vereinen in den älteren Jugendmannschaften Spieler und später Ehrenamtliche fehlen.

Mit dem Unwissen meint Rentschler vor allem eines: „Was völlig fehlinterpretiert wird, ist, dass es nicht mehr um das Gewinnen geht. Es geht um den Eigenantrieb des Gewinnens.“ Dazu brauche es keine Tabellen, Medaillen oder Pokale. Kinder sollen selbst aus dem Spiel heraus Ehrgeiz entwickeln. Nicht jedem gefällt dieser Ansatz. Viele Trainer und Eltern erkennen in einem Spiel ohne Ergebnisse und ohne Torhüter keinen Sinn. Schließlich ist der Fußball in den Medien nur als Elf gegen Elf und reiner Ergebnissport präsent. Auch manche ehemalige Profis wettern gegen Funiño und ähnliche Spielformen.

Der frühere Weltmeister-Keeper Bodo Illgner äußerte sich angesichts der DFB-Pläne in einer Kicker-Kolumne besorgt über die künftige Ausbildung von Torhütern. „Man sollte sie nicht erst mit zehn oder elf ins Tor lassen“, schrieb der 52-Jährige. „Es ist schon ein Problem, wenn ein Torwart zwischen sechs und zehn Jahren, der eh noch nicht so oft trainiert, nicht mal seine Grundregeln bekommt oder vertieft.“ Doch hat Illgner damit Recht? Der derzeitige U-21-Nationaltorhüter Alexander Nübel gilt weltweit als eines der größten Talente. Er wechselte erst in der U 14 ins Tor.

„Man hat zu früh Positionsfixierung, wir selektieren zu früh und beschränken uns selbst“, hält Rentschler dagegen. Aber ein Drei-gegen-Drei bei den E-Junioren hält der 48-Jährige auch nicht für sinnvoll. „Es ist absolut nicht vorgesehen bei den E-Junioren Drei gegen Drei zu spielen, aber im Moment ist das Feld für die E-Junioren zu groß. Es geht darum, flexibler zu sein.“

Das kann bedeuten, dass sich gegnerische Vereine bei Spielermangel künftig gegenseitig unter die Arme greifen oder bei Verbandsspielen ein Parrallelspielfeld für Auswechselspieler aufgebaut wird. „Jedes Kind muss die Möglichkeit haben, samstags Fußball zu spielen“, betont Rentschler.

Autor: