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Fasnetumzug

Närrischer Laufsteg vor 10 000 Leuten

Die Hauptstraße war am Sonntag wieder ein närrischer Laufsteg. Mehr als 2000 Hästräger und Guggamusiker zogen zum 36. Mal durch das Neckarweihinger Wohnzimmer. Etwa 10 000 Zuschauer feierten den Höhepunkt der Ludwigsburger Fasnet mit.

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Ludwigsburg. Erst tröpfelt der Besuch etwas vor sich hin, so wie der kleine, kurze Regen. Pünktlich zum Beginn des Umzugs, dreht Petrus dann den Wasserhahn ab und schiebt die Wolken weg. Frühlingshafte Temperaturen und strahlender Sonnenschein lassen die Massen plötzlich strömen, als ob sie in den Startlöchern gestanden hätten. Die tausende Zaungäste an den Straßen stehen hintereinander in Fünferreihen. Die Jüngsten werden im Kinderagen geschoben, die Ältesten schieben den Rollator vor sich her.

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Faschingsumzug Neckarweihingen

Die Models der fünften Jahreszeit entsprechen so gar nicht dem gängigen Schönheitsideal à la Heidi Klums Hungerharken. Die Hexen haben krumme Hakennasen, Warzen im Gesicht, tiefe Falten und meistens einen Buckel. Die Fabelwesen und Dämonen tragen Hörner, zottelig-verfilztes Fell unbestimmter Herkunft und haben schiefe Zähne.

Statt den Hits aus den Charts liefern die Gugga schräge Stimmungsschlager zum „Catwalk“. Der Musikverein Tamm haut auf die Pauke, Immortalis der Bietigheimer Wobachspatzen, die Wasserschnalzer Schludda aus Wasseralfingen, die Bichama Scholwadrebla aus Bretten und Ohradruck aus Ingersheim. Für die Grundbeschallung sorgen Schellen und Rätschen, Peitschenknall und Pfeifen. 74 Gruppen sind unterwegs. Die Masken verbergen oft die Zeichen des Vorabends.

Der Fantasie der Namen sind keine Grenzen gesetzt. Unter anderem sind Schbialomba Schlotzer, also Spüllumpen-Sauger, Gajemänndle, ein Waldschrat oder Rombala – Zwiebelfiguren - unterwegs. Fast alle schwäbisch-alemannischen Regionen sind beim Neckarweihinger Fasnetumzug vertreten.

Meistens sind alle Narren ganz lieb. Die Kinder bekommen erst einen kleinen Schreck und dann sofort Süßigkeiten in die Hand gedrückt. Sie dürfen dann sogar die Pelze streicheln, die Nasen betatschen, und den Besen, und werden selbst zart über die Backen gestreichelt.

Nur bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen können die Hexen und Teufel manchmal doch nicht an sich halten. Denen verpassen sie eine Konfetti-Dusche, ein unfreiwilliges Haarstyling Marke „Struwwelpeter“ oder einen Gratisbesuch im Kosmetikstudio „Schweinemarker“. Manchmal setzt es einen Klaps mit der aufgepumpten Saublase, der Stoffkarotte oder einen Kuss vom Fisch. Das Hexen-Pas-de-Deux ist eingeplant, eine Wasserdusche aus der Blumenspritze. Harmloser Schabernack, bei dem das Publikum auch gerne mitspielt. Die Zeit der groben Scherze ist endgültig vorbei. Keiner muss heutzutage mehr Angst haben.

Spektakulär sind die teils vierstöckigen Hexenpyramiden, bewundernswert die Kondition der Gardemädchen, die die knapp zwei Kilometer lange Lauftrecke in drei Stunden überwiegend hüpfend zurücklegen und zwischendurch auch noch Figuren zeigen. Beeindruckend ist unter anderen der Festwagen der Bühler Hexen: Eine eigens aufgebaute, rauchende über vier Meter hohe Burgruine, von deren Turm es Bonbons und Popcorn regnet.

Auf Augenhöhe ist da Harry Bauer, der sich auf seinem Grundstück extra für den Narrenumzug der Mistelhexen ein Gerüst hat aufstellen lassen. Zwei Etagen hoch. Erste Ebene Stehplätze, zweite Loge mit Campingstühlen. Die Stimmung entlang der Stecke ist bombig. Geklatscht wird aber weniger. Daran hinderte das Glas oder die Flasche in der Hand. Dafür aber werden die Schlachtrufe der einzelnen Gruppen umso lauter gegrölt.

In der Neckarweihinger Gemeindehalle und dem davor aufgebauten Hexendörfle am Neckarsteg stärkten sich die Narren vor und nach dem Umzug. Auch das Publikum musste weder hungern noch dürsten. Es schien so gut wie jeder Neckarweihinger Großgrill im Einsatz. Außerdem: Scheich und Pirat als Verkleidung am Straßenrand sind so gut wie tot. Es lebe dafür das Tierkostüm!

Nach dem Umzug blieb es, wie im Vorjahr und anders als vor zwei Jahren, als es mit einer Gruppe zu einer heftigen Auseinandersetzung mit der Polizisten kam, ruhig. Die Polizei meldete gestern am frühen Abend auf Nachfrage keine Vorkommnisse.

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