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Porträt
Neue Geschäftsführerin Gabriele Zerweck: Die Ludwigsburger Schlossfestspiele immer im Herzen

„Ich bin dafür zuständig, dass der Laden läuft“: Geschäftsführerin Gabriele Zerweck im Palais Grävenitz, dem Sitz der Festspiele. Foto: Ramona Theiss
„Ich bin dafür zuständig, dass der Laden läuft“: Geschäftsführerin Gabriele Zerweck im Palais Grävenitz, dem Sitz der Festspiele. Foto: Ramona Theiss
Seit diesem Jahr haben die Ludwigsburger Schlossfestspiele eine Doppelspitze: Gabriele Zerweck ist neben Intendant Jochen Sandig für die Geschäftsführung zuständig – ihr Part ist es, die Fäden zusammenzuhalten. „Ich bin eine Macherin“, sagt die 52-Jährige von sich, die bei den Festspielen keine Unbekannte ist.

Ludwigsburg. Rückblickend betrachtet, war es – allen biografischen und geografischen Launen zum Trotz – wahrscheinlich fast schon zwangsläufig, dass Gabriele Zerweck eines Tages zurückkehren würde in die Barockstadt. In der zweiten Hälfte der Neunziger, kurz nach ihrem Studium der Amerikanistik, Allgemeinen Rhetorik und Politikwissenschaft in Tübingen, war die gebürtige Stuttgarterin schon einmal mehrere Jahre in unterschiedlichen Funktionen bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen beschäftigt. Dann wollte sie mal raus, etwas anderes sehen – Tapetenwechsel. Nun schließt sich der Kreis: Seit Beginn dieses Jahres bildet die 52-Jährige eine Art Doppelspitze mit dem Intendanten und Geschäftsführer Jochen Sandig – als zweite Geschäftsführerin und zugleich Leiterin des Bereichs Künstlerische Planung und Produktion. „Ludwigsburg war gefühlt immer mein Festival, immer in meinem Herzen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. „Hier konnte ich schon so viel bewegen – die Festspiele sind eine ganz besondere Institution.“

Planerische Ideen auf Machbarkeit prüfen

Das Modell der Doppelspitze ist bei den Schlossfestspielen nicht ganz neu, schon in der Vergangenheit gab es ähnliche Konstellationen, wobei die Zuständigkeiten unterschiedlich waren. Der Bereich Künstlerische Planung und Produktion, den Gabriele Zerweck auch verantwortet, ist gewissermaßen die zentrale Organisationseinheit des Festivals. Über viele Jahre firmierte diese als Künstlerisches Betriebsbüro (KBB) – und dieses leitete sie von 1995 bis 1998 schon einmal. Wie sieht sie nun also ihre neue Rolle? „Jochen Sandig ist viel unterwegs, um neue Ideen zu sammeln“, erklärt sie. „Deswegen ist es gut, wenn künftig jemand von der Geschäftsführung immer hier ist – es gibt ja immer viele Dinge, die vor Ort abzustimmen sind.“ Zudem sehe sie ihre Aufgabe darin, die planerischen Ideen auf Machbarkeit abzuklopfen. „Ich bin einfach eine Macherin“, sagt Zerweck und lacht. „Wir ergänzen uns da sicherlich sehr gut.“

Machbarkeit dürfte in den nächsten fünf Jahren – so lange läuft zunächst ihr Vertrag – eine Art Schlüsselbegriff werden. Denn tatsächlich ist es wohl ein zentraler Punkt ihres Jobs, eine Art Gegenpol zum Intendanten Jochen Sandig zu bilden, der – zumal im Vergleich zu seinem zwar tatkräftigen, aber doch eher nüchternen Vorgänger Thomas Wördehoff – häufig nur so vor Ideen sprüht, dafür aber, so scheint es bisweilen, manchmal zu schnell zu viel will, wenn er sich mal für etwas begeistert hat.

Zwischen Ruhe und Rastlosigkeit

Sie kannte Jochen Sandig zuvor nicht persönlich, doch als sie im Spätsommer 2021 das erste Mal mit Blick auf die Geschäftsführung sprachen, sei bei ihr „gleich die Sonne aufgegangen“, erzählt Zerweck, die in Ludwigsburg aufwuchs. „Weil die Festspiele genau mein Ding sind und Jochen Sandig so ist, wie er ist – authentisch, begeisternd, umtriebig.“ Ihn zeichne aus, viel Neues machen zu wollen, aber auch zu wissen, wo das Festival herkomme. „Ich bin dafür zuständig, dass der Laden läuft.“

Dass Ruhe und Rastlosigkeit sich nicht ausschließen, sondern zuweilen zwei Seiten einer Medaille sind, zeigt auch ihr eigener Werdegang. Nachdem Gabriele Zerweck gegen Ende ihres Studiums festgestellt hatte, dass ihr der ursprüngliche Berufswunsch, Journalistin, doch nicht liege, und die seit ihrer Kindheit Kulturinteressierte parallel zur Uni bereits bei den Schlossfestspielen mitgearbeitet hatte, wurde sie 1994 Mitarbeiterin im KBB, dessen Leitung sie sogar ein Jahr später übernahm. Nach drei Spielzeiten wechselte sie intern zur Marketing-Leitung – um sich im Mai 2000 schließlich neu zu orientieren. „30 Jahre am selben Ort sein, das wollte ich nie“, sagt sie. Und dieses Lebensmotto änderte sich auch anschließend nicht.

Leuchttürme, aber auch Niederschwelliges

Nach einer knapp zweijährigen selbstständigen Tätigkeit im Kulturbereich folgten Engagements unter anderem als Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Badischen Staatstheater Karlsruhe (2002–2004), Konzertreferentin und Referentin des Intendanten am Festspielhaus Baden-Baden (2004–2009) sowie als Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros und Stellvertreterin des Intendanten an der Philharmonie Essen (2009–2012). Doch dann wollte sie wieder in den Südwesten zurück, auch aus familiären Gründen. Nach einer einjährigen Übergangsphase war sie zuletzt fast zehn Jahre lang Geschäftsführerin der Stiftsmusik Stuttgart. Dort habe sie ursprünglich gar nicht so lange bleiben wollen, erzählt sie. „Aber dann passte es einfach rundum – bei der Stiftsmusik fühlte ich mich richtig, es gab eine tolle Atmosphäre und ein gutes Miteinander.“ Die geistliche Musik habe sich ihr, die zuvor eher symphonisch geprägt war, immer mehr erschlossen. „Wenn das Niveau stimmt, berührt es einen.“

Die 1. Sinfonie von Gustav Mahler, das Klarinettenquintett von Johannes Brahms und das Violinkonzert von Jean Sibelius: So lautet ihre Antwort, wenn man sie fragt, welche Musik sie ganz persönlich am meisten bewege. Warum? „Alle Werke tun der Seele unglaublich gut.“ Auch wenn Jochen Sandig als Intendant künstlerisch die Richtung vorgibt, ist Gabriele Zerweck gemeinsam mit Chefdramaturgin Bettina Sluzalek künftig fester Part im Planungsprozess. Nach zwei coronageplagten Spielzeiten suchen die Festspiele noch nach ihrem Profil, das nicht nur theoretisch vorhanden ist, sondern auch greifbar wird. „Man sollte die Architektur eines Spielplans im Kopf haben, Schwerpunkte setzen – und diesen dann dem Publikum vermitteln“, sagt Zerweck mit Blick auf das Programm. „Wir brauchen Leuchttürme, aber auch Niederschwelliges und müssen uns darüber bewusst sein, was unser Alleinstellungsmerkmal sein soll: dass es Dinge nur hier so zu sehen gibt.“ Es sei ein Privileg, unter den hiesigen Bedingungen arbeiten zu können. „Aber natürlich sind wir von unseren finanziellen Möglichkeiten her nicht Salzburg.“

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht

Es ist ein Spagat – auch zwischen Tradition und modernem Auftrag. Die Konzerte im Ordenssaal des Schlosses sind für sie natürlich zentral, gleichwohl bedürfe es neuer Formate: „Ich möchte gerne Residenzen von Künstlern über einige Tage oder Wochen ermöglichen, im Sinne der Nachhaltigkeit“, betont Zerweck, womit sie mit Sandig auf einer Linie ist. Künstler vor Ort zu haben, Begegnungen zu ermöglichen, mit eigenen Produktionen Inseln zu schaffen, das alles soll möglich werden.

Allzu viel Zeit zum strategischen Nachdenken hat sie aber aktuell kaum. Nicht genug, dass die Leitung des KBB einige Monate lang vakant war, auch das ganze fünfköpfige Team um sie herum ist neu. Unter Hochdruck muss an letzten Stellschrauben für die nahende Saison 2022 gedreht werden, ohne das Jahr 2023 aus den Augen zu verlieren. Ziel ist es jetzt, in den Planungen so schnell wie möglich hinter die Bugwelle zu kommen. Am wichtigsten sei jedoch, so Zerweck, „dass wir ein Festival sind, das endlich mal wieder mit allen Künstlerinnen und Künstlern und vielen Festspielgästen stattfindet“.